Nick Cave bei einem Konzert in Gdynia (Polen).
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BerlinGibt es sie also oder nicht, die sogenannte Cancel Culture? Der Begriff ist schwammig und kann sich auf alles Mögliche beziehen: die Absage von Veranstaltungen, eine Abo-Kündigung, das Löschen eines Songs aus einem Streaming-Dienst, die Absetzung eines Professors und noch viel mehr. Insofern wirkt es immer ein wenig vage, wenn allgemein über das Phänomen diskutiert wird, ohne das genaue Gesprächsfeld zu umreißen. Strukturell ist es zumindest etwas anderes, wenn ein Staatspräsident sein Volk cancelt, indem er unbescholtene Bürger ins Gefängnis sperrt, oder eine Studierende einen Woody-Allen-Film, weil der Regisseure Minderjährige missbraucht haben soll.

Schon deshalb kann es nur zu Irritationen führen, wenn eine Pop-Größe wie Nick Cave ganz allgemein über das Phänomen Cancel Culture philosophiert, ohne auf einen konkreten Fall einzugehen. Zu einer solch freien Assoziationskette ist es vor ein paar Tagen gekommen, als Nick Cave die neueste Ausgabe seines berühmten Newsletters veröffentlicht hat. Darin stellt er sich regelmäßig den Fragen seiner Fans und traut sich zu, auch über sensible Themen nachzudenken – wie etwa den Tod seines Sohnes – oder über Weltpolitisches wie die Covid-19-Pandemie. Man wird es leicht erraten können, welchem Thema die vergangene Ausgabe gewidmet war. Richtig, der Cancel Culture.

Eine Gegenfrage als Antwort

„Was denken Sie über Cancel Culture?“, will Frances, ein Nick-Cave-Fan aus Los Angeles wissen. Nick Cave antwortet erst einmal kryptisch: „Barmherzigkeit ist ein Wert, der im Mittelpunkt jeder funktionierenden und toleranten Gesellschaft stehen sollte“, schreibt der Musiker. „Die Barmherzigkeit erkennt letztendlich an, dass wir alle unvollkommen sind. Sie ist der Sauerstoff zum Atmen (...). Ohne Gnade und Barmherzigkeit verliert eine Gesellschaft ihre Seele und verschlingt sich selbst.“

Man denkt sich kurz, ‚Wie wird es jetzt weitergehen?‘, und ahnt leise, welche Richtung eine solche Einführung einschlagen will. Nick Cave schreibt weiter: „Frances, du hast nach Cancel Culture gefragt. Soweit ich sehen kann, ist die Cancel Culture das Gegenteil von Barmherzigkeit. Die politische Korrektheit hat sich zur unglücklichsten Religion der Welt entwickelt. Ihr einst ehrenhafter Versuch, unsere Gesellschaft auf gerechtere Weise neu zu definieren, verkörpert jetzt die schlimmsten Aspekte, die die Religion zu bieten hat (ohne ihre Schönheit zu besitzen). Sie ist buchstäblich zu einer schlechten Religion geworden.“

Nick Cave spart nicht mit Kritik. Die Weigerung der Kultur, sich auf unangenehme Ideen einzulassen, wirke erstickend auf die kreative Seele einer Gesellschaft. Mitgefühl sei die primäre Erfahrung, aus dem Genie und Vorstellungskraft hervorgingen. Diese Eigenschaften stünden jetzt auf dem Spiel. „Eine Kraft, die diese Ideen aufheben will, behindert den kreativen Geist einer Gesellschaft und greift die komplexe und vielfältige Natur ihrer Kultur an. Wir sind eine Kultur im Wandel. Und es kann sein, dass wir uns auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Gesellschaft befinden – ich weiß es nicht –, aber welche wesentlichen Werte werden wir dabei verlieren?“, schreibt der Künstler geheimnisumwoben. Fragt sich nur, welche wesentlichen Werte Nick Cave eigentlich meint.