Für die Fans der Rockmusik war die Trauer über die gescheiterte Stromnetzinitiative in Berlin am Montag nur von kurzer Dauer. Denn wem das Stromnetz auch immer gehören mag: AC/DC muss sein! Ohne Strom keine Stromgitarren. Und ohne Stromgitarren kein Rock. Und ohne Rock: Macht das Leben einfach keinen Sinn! Und wo kann man seinen Alltagsfrust besser loswerden als bei der kanadischen Rockband Nickelback, die am Montagabend in der stromdurchfluteten Rockarena am Ostbahnhof zur großen Hittour auf der Bühne stand.

Nickelback, die nach eigenen Angaben über 50 Millionen Alben von ihrer Starkstrommusik verkauft haben, vereinen wirklich alles, was eine Rockfamilie mit Bügelbrett und „Shades of Grey“-Trilogie im CD-Regal stehen hat: Metallica, Bon Jovi und Bryan Adams. In ihren experimentellen Momenten meint man sogar den Einfluss von Faith No More herauszuhören. Wie sich bei ihnen harte, verzerrte wie überkomprimierte Gitarren und Wandergitarren das Plektrum in die Hand geben, ist wirklich erstaunlich. Nirgendwo sonst liegen das, was wir in Deutschland Schlager nennen, und harter Rock so nah beieinander.

Man sollte meinen, dass es sich bei dieser Band um eine hundsgemeine Produzentenidee handelt, aber weit gefehlt: Die Halbbrüder Mike und Chad Kroeger und Konsorten vermitteln auf der Bühne den Eindruck echter Rockmusiker. Sie machen das alles nicht, weil sie das machen müssen und über irgendeine Kleinanzeige in den ganzen Wahnsinn hineingeraten sind, nein: Sie machen das, weil Nickelback ihr Leben ist!

Der Rockbruder nervt

Spätestens, als sie ihren Hit „Photograph“ spielen, ist das Eis gebrochen. „Hey Leute, wir tun einfach so, als sei heute Sonnabend, okay?“, schlägt Chad Kroeger vor und lässt sich und der Band von einem Roadie ein paar Schnäpse auf die Bühne bringen. Das Publikum jubelt und hält die Bierplastikbecher hoch. Einige Gäste haben Probleme, so schnell ihre Nachos mit überbackenem Käse sicher unter den Sitz zu platzieren, um mit dem rockenden kanadischen Leitwolf auf der Bühne anzustoßen.

Was aber unfassbar nervt an Rockbruder Kroeger, ist seine Art, das Publikum ständig anzubrüllen. Er ist jemand, der wirklich jeden Gedanken, der von seinen Synapsen in seinem Rockhirn unter Livebedingungen fabriziert wird, ins Mikrofon hineinbrüllt. Es mag ja sein, dass für ihn das Umschalten von Gesangs- auf Sprechlautstärke ein Problem darstellt. Aber man kommt sich vor wie auf einem Kasernenhof.

Und schon wieder wird Schnaps auf die Bühne gebracht: „Haha, Leute, wir tun schon wieder so, als wenn Sonnabend wäre … okay?“ Kein Problem. Aber: Was glauben die Jungs eigentlich, wo sie hier gelandet sind? In Bielefeld? Dort, wo der Sänger von „Hinterland“ herkommt?!

Nach dem Konzert auf dem Nachhauseweg auf der Warschauer Straße hält jeder zweite Passant eine Bierflasche in der Hand. Es gießt wie aus Kübeln. Ein Straßenmusiker spielt sanft auf seinem elektrischen Bass „Yesterday“ von den Beatles. Und keiner schreit mich an! „Be Berlin“ denke ich, und steige in die Tram.