Er spricht schnell und mit unüberhörbarem Mannheimer Einschlag. Vielleicht ist es die Dialekt-Färbung, die Nico Hofmann, 58, so bodenständig erscheinen lässt – trotz aller Machtfülle: Seit September vergangenen Jahres steht er als alleiniger CEO an der Spitze der UFA, des größten deutschen Unterhaltungsunternehmens.

Zügig bittet er an den langen Tisch im Konferenzraum der UFA-Dependance in Charlottenburg. Sein eigentliches Büro befindet sich im UFA-Gebäude in Babelsberg, aber vom Berliner Westen ist es nicht weit zum Flughafen Tegel. Und direkt nach dem Gespräch wird Nico Hofmann zu einem Geschäftstermin fliegen. Nervös macht das nur sein Gegenüber. Von Hofmann geht eine Mischung aus hoher Konzentration und Gelassenheit aus.

Ein turbulentes Jahr liegt hinter ihm, hundert Jahre Ufa wollten gefeiert werden. Wie aus dem hoffnungsvollen Kreativpool der Weimarer Republik ein Manipulationsinstrument der Nazis werden konnte, und wie sich die Ufa, die sich heute UFA schreibt, zu einem der bedeutendsten „Content-Produzenten“ und Medienunternehmen entwickelte, ist derzeit in einer großen Ausstellung in der Deutschen Kinemathek zu sehen.

Herr Hofmann, im Dezember 1917 wurde die Ufa gegründet. In einer Dokumentation, die gerade dazu in der ARD zu sehen war, hieß es, dank Nico Hofmann sei der alte Dampfer Ufa wieder ein „schniekes Ding“ geworden. Worauf sind Sie selbst besonders stolz, seit Sie das Unternehmen prägen?

Nico Hofmann ist nur so gut wie sein UFA-Team – dieses familiäre Miteinander, die Solidarität untereinander machen den Erfolg aus. Filmemachen hat viel mit Fußballspiel zu tun: Der Trainer ist so gut wie die Mannschaft. Wir erleben seit Jahren wieder ein goldenes Zeitalter des Fernsehens mit ungeheurer Herausforderung durch Digitalisierung und internationalen Wettbewerb. Wir sehen das als riesige Chance, nicht als Gefahr.

Dabei wurden die Fernsehserien, über die jetzt alle reden, „Babylon Berlin“, „4 Blocks“ oder „Dark“, ohne die UFA produziert – obwohl deutsch, obwohl auch mit historischer oder politischer Ambition. Warum hat die UFA da nicht mitgemischt?

Offen gestanden waren wir immer die Trendsetter: „Unsere Mütter, unsere Väter“ und „Deutschland 83“ sind die großen internationalen Verkaufserfolge der vergangenen Jahre und haben mit dem Gewinn der internationalen Emmys deutsches Fernsehen weltweit überhaupt erst wieder salonfähig gemacht. Gerade haben wir die Dreharbeiten für „Deutschland 86“ für Amazon beendet.

Sie haben die historische UFA einmal einen Schmelztiegel für die Kreativen in Berlin und auch für die ganze Welt genannt. Ist sie das heute auch noch oder macht in Berlin und in Deutschland nicht doch eher jeder seins?

Die UFA war immer Schmelztiegel der Kreativen: Im Schauspielbereich etwa haben wir Karrieren wie die von Sonja Gerhardt, Jonas Nay oder auch Volker Bruch maßgeblich mitgestaltet, Regisseure wie Christian Schwochow oder Philipp Kaddelbach verdanken uns ihre internationale Laufbahn, und mit der Amerikanerin Anna Winger fand der erste internationale Writers Room in Berlin Einzug.

Die Ausstellung über die Ufa, die noch bis April in der Deutschen Kinemathek zu sehen sein wird, trägt den Untertitel: Geschichte einer Marke. Wie würden Sie den Markenkern der heutigen UFA beschreiben? Und wieviel private Nico-Hofmann-Passion darf drin sein?

Der Markenkern der UFA ist ihre Vielfalt – und die reicht von „GZSZ“ über „Ku’damm 59“, „Charité“ bis zu den großen Shows mit Dieter Bohlen. In allen Bereichen sind wir seit Jahren Marktführer, und darauf bin ich stolz.

Sie sind ja von Haus aus Regisseur, auch wenn der letzte von Ihnen inszenierte Spielfilm „Solo für Klarinette“ nun auch schon zwanzig Jahre zurück liegt.

Das war eine enorm wichtige Arbeit, allein schon durch die Begegnung mit Corinna Harfouch, die ich von Theaterbesuchen kannte. Mit Götz George hatte ich damals bereits eng zusammengearbeitet. Die Begegnung zwischen Götz George und Corinna Harfouch war erst einmal nicht ganz einfach: Da sind zwei Welten aufeinander geprallt, die beiden kamen aus völlig unterschiedlichen Universen.

Götz George hat einmal gesagt, dass „Solo für Klarinette“ für ihn ein extrem wichtiger Film war, genauso wie auch „Der Sandmann“, ebenfalls eine gemeinsame Arbeit. Es ging in beiden Filmen um die neue Definition von Männerbildern, die Götz so bis dahin wenig verkörperte, eine Art Anti-Schimanski. In beiden Filmen spielte Götz gebrochene Männer.

Fehlt er Ihnen?

Ja, er fehlt massiv. Ich war an seinem Todestag an seinem Grab. Wir haben vor ein paar Jahren nochmal zusammengearbeitet bei „George“: einem Film über seinen Vater Heinrich George. Ich bin froh, dass wir diesen Film produziert haben. Es war sein Lebensthema. Es gibt für mich drei große Verluste in den letzten Jahren: Götz George, Frank Schirrmacher und Bernd Eichinger. Die Verbindung mit Frank Schirrmacher begann mit dem Austausch zu meinen historischen Filmen, ich habe ihm die Drehbücher geschickt.

Wir hatten intensive Gespräche über „Der Turm“ von Uwe Tellkamp, aber die wichtigste Auseinandersetzung waren sicher die Diskussionen über „Unsere Mütter, unsere Väter“. Diesen Film hat Frank durchaus kontrovers, aber auf eine positive Weise unterstützt. Bernd Eichinger war ein Mentor und Dialogpartner für mich. Ich bewunderte seine unbändige Energie. Bei Menschen wie Götz George und Bernd Eichinger konnte man sich nie vorstellen, dass sie überhaupt einmal sterben; so kraftvoll waren sie. Solche Lebensläufe gibt es heute nicht mehr.

„Unsere Mütter, unsere Väter“ war vermutlich Ihre aufsehenerregendste Produktion. Der Fernseh-Dreiteiler über die Generation, die den Zweiten Weltkrieg als junge Erwachsene miterlebt hat, erreichte im Durchschnitt mehr als 7,3 Millionen Zuschauer und löste eine starke Mediendebatte aus.

„Unsere Mütter, unsere Väter“ hat vieles angestoßen, weil es um das zentrale Thema geht, wie wir uns unserer Geschichte stellen, wie nah wir Geschichte innerhalb der Familie an uns heranlassen. In dieser Hinsicht fand ich den Film exemplarisch, weil er genau das erreicht hat. Wir wissen von Tausenden von Anfragen beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes nach der Ausstrahlung des Films.

Viele Familien haben sich endlich mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigt. Die Feuilletondebatte um den Mehrteiler fand ich interessant, innerhalb einzelner Medien gab es sowohl große Zustimmung als auch Kritik. Wenn man mit einem Thema so stark nach vorne geht, muss man mit einer Kontroverse rechnen. Dieser Diskurs war von uns gewollt.

In Polen hat ein ehemaliger Widerstandskämpfer, ein Veteran der polnischen Heimatarmee, gegen das ZDF und UFA Fiction geklagt, weil er durch die Darstellung von Antisemitismus innerhalb der Heimatarmee seine Persönlichkeitsrechte verletzt sah. Zeichnet sich in Krakau eine Gerichtsentscheidung ab?

Das Gerichtsverfahren läuft noch, wir beschäftigen mehrere Anwälte. Ich gehe von einem gerechten Verfahren aus. Sollten wir in dem Rechtsstreit unterliegen, wäre ich bereit, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen, um zu klären, ob ein solches Urteil gegen europäische, rechtsstaatliche Grundsätze verstößt. Es geht hier um das freiheitlich-demokratische Kunstverständnis schlechthin.

Der Mehrteiler war auch in Polen als „Spielfilm“ gekennzeichnet, es ist eben keine Dokumentation. Und ich würde mir wünschen, dass dieser Unterschied auch in Polen verstanden wird. Mein Vertrauen in die polnische Justiz ist groß, und ich erwarte ein Urteil, das europäischem Grundrecht standhält. Wann dieses Urteil fällt, ist im Moment nicht absehbar.

Sind die Themen Zweiter Weltkrieg und Nazi-Deutschland für Sie abgeschlossen?

Innerhalb meiner Familie ist das abgeschlossen. Ich habe versucht, die Geschichte meines Vaters in „Unsere Mütter, unsere Väter“ über zwei Figuren zu erzählen. Er ist inzwischen 91 Jahre alt. Die beiden Brüder Wilhelm und Friedhelm, gespielt von Volker Bruch und Tom Schilling, spiegeln zwei Seiten meines Vaters wider.

In beiden zeichnet sich sein innerer Weg ab, hin zum Militär und gleichzeitig die Distanz, die Abwendung davon. Es findet sich aber auch sehr viel recherchierte Familiengeschichte des Drehbuchautors Stefan Kolditz im Film. Unsere Väter kommen aus derselben Generation, beide sind in den 1920er-Jahren geboren, beide waren als junge Soldaten im Krieg.

Versuchen Sie immer noch, Ihre Eltern zu verstehen? Herauszufinden, wie sie nach diesen Erfahrungen Familien gründen konnten und was sie ihren Kindern mitgegeben haben?

Genau das beschäftigt mich seit Jahrzehnten. Übrigens ausgelöst durch die Scheidung meiner Eltern, bei der durchaus die Erfahrungen und Auswirkungen des Krieges eine große Rolle gespielt haben. Meine Mutter, inzwischen 86 und immer noch sehr aktiv, war führende Wirtschaftsredakteurin bei der FAZ. Zugleich liebte sie das Theater, reiste zu allen wichtigen Premieren, quer durch Deutschland, auch schon vor dem Mauerfall. Als Jugendlicher war ich oft dabei.

Ich habe erst später verstanden, dass ihr Wunsch, Journalistin zu werden, und ihre Liebe zum Theater auch eine Gegenposition zum Aufwachsen im Faschismus waren. Sie ist als kleines Kind durch die Propaganda der Nazis geprägt worden, und sie hat jahrelang gebraucht, um sich von diesem Einfluss wieder zu befreien.

Hitler stand über ihrem eigenen Vater. Ich konnte das in ihren Tagebüchern nachlesen. Es hat drei oder vier Jahre gedauert, bis sie nach Kriegsende überhaupt verstand, dass Hitler tot ist. Mein Vater wiederum ist ohne Vater aufgewachsen. Mein Großvater war bekennender Kommunist und ist während der Nazi-Zeit nach Skandinavien emigriert. Er starb in der DDR.

Haben Sie Spuren Ihres Großvaters in der DDR gefunden?

Das ist sehr schwierig, weil er in Skandinavien und in der DDR einen anderen Namen angenommen hat. Die Unterlagen über seine Flucht aus Nazi-Deutschland und über seine Zeit in Skandinavien liegen uns vor, die letzte Spur belegt seine Einreise in die gerade gegründete DDR. Wir wissen, dass er als überzeugter DDR-Bürger schon vor dem Bau der Mauer nie in die Bundesrepublik fuhr und seine ursprüngliche Familie nie besucht hat, auch das eine interessante familiäre Erfahrung. Es sagt etwas aus über die schwierige Vorgeschichte, die in die Ehe meiner Eltern hineinspielte.

In der von Ihnen produzierten TV-Serie „Ku’damm 56“ aus dem Jahr 2016 gibt es einen Kriegsheimkehrer, der in die DDR gegangen ist und seine Familie in West-Berlin heimlich beobachtet. Hat Sie Ihr Großvater zu dieser Figur inspiriert?

Das spielt sicher eine Rolle. Aber „Ku’damm 56“ ist vor allem eine Geschichte, die Annette Hess, die Drehbuchautorin und Mitproduzentin, erfunden hat. Die Figur der Mutter hat viel mit ihrer eigenen Mutter zu tun, so setzen sich die Themen fort. Ich habe in der Tat immer noch ein sehr lebendiges Interesse an der Generation meiner Eltern. Es geht immer darum: Wie war Faschismus möglich? Was hat das Dritte Reich mit uns gemacht? Und wie wirkt es noch in der dritten und vierten Generation nach?

Sie unterrichten als Professor an der Filmhochschule in Ludwigsburg. Interessieren sich Ihre Studenten noch für die Nazi-Zeit?

Viele meiner Studenten haben zur Nazi-Zeit keine Beziehung mehr, weil ihre Eltern bereits lange nach dem Krieg geboren wurden. Ich unterrichte mittlerweile auch Studenten, die nicht einmal wissen, wann die Mauer gefallen ist, obwohl sie aus den neuen Bundesländern kommen. Für viele Anfang 20-Jährige spielt es keine Rolle mehr, ob jemand aus Leipzig oder München stammt. Dass die beiden Städte eine völlig andere Nachkriegsgeschichte haben, ist vielen nicht bewusst.

Viele der Studenten sprechen zu Hause auch nicht mehr über die Nazi-Zeit und nehmen hier auch keine emotionale Einordnung mehr vor, was für mich immer selbstverständlich war. Ich weiß, welches Leid die Deutschen über die Welt gebracht haben, und ich fühle mich auch als Teil dieser Schuld. Die Gegenwelt verkörpert für mich Björn Höcke von der AfD, der das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ nannte. Das sehe ich genau umgekehrt: Je bewusster wir uns mit der eigenen Geschichte beschäftigen, desto selbstbewusster kann man mit ihr umgehen.

Sie sehen sich mit historischen TV-Serien auch als Aufklärer – haben Sie angesichts des Erfolgs der AfD manchmal das Gefühl, Ihr Bemühen komme nicht an?

Nein, denn ich weiß, dass unsere Filme viel bewirkt haben. Zudem engagiere ich mich auch als Privatperson, auch außerhalb meiner Arbeit. Die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel habe ich von Anfang an unterstützt. Ich bin hier ganz klar pro Merkel. Weil ich sie absolut integer finde, weil sie für mich immer nahbarer und immer begreifbarer wird in ihren Entscheidungen. Ich bekenne auf vielen Veranstaltungen klar meine Haltung – und zwar kontra AfD. Wir dürfen dieser Partei das Thema des Nationalsozialismus nicht überlassen.

Wenn die AfD anfängt, Terrains unserer Geschichte nach ihrem Belieben nationalistisch zu belegen und mit einem Gedankengut zu unterfüttern, das es in leidvoller Weise schon einmal gab: dann müssen Menschen wie ich, die sich mit demselben Themenspektrum beschäftigen, öffentlich Position beziehen. Nicht nur, weil ich die Ansichten der AfD ablehne, sondern auch, weil ich Aussagen, wie wir sie von Björn Höcke hören, für brandgefährlich halte. Gleichzeitig bin ich überzeugt davon, dass wir im Land mittlerweile genügend demokratisches Selbstbewusstsein haben, das sich dem entgegenstellt.

Ihr Vater war mit Helmut Kohl befreundet, Politiker und Wirtschaftsleute waren zu Gast in Ihrem Elternhaus. Die Nähe von Mächtigen ist Ihnen von Kindheit an vertraut.

Mein Vater hat als politischer Journalist zwei große Männer begleitet: Willy Brandt und Helmut Kohl. Er war ein Anhänger von Willy Brandt. Bei der Polenreise im Dezember 1970 war mein Vater dabei und erlebte Brandts Kniefall vor dem Mahnmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Er fand das wegweisend, eine historische Geste. Bei Kohl schätzte er dessen Europapolitik und die Annäherung an Frankreich. Die deutsche Wiedervereinigung betrachtet mein Vater eher als Erfolg der Ostdeutschen, weil sie die Kraft für eine friedliche Revolution aufgebracht haben. Durch meine Mutter kamen führende Leute aus der Wirtschaft zu uns. Es ging in den Gesprächen sehr viel darum, wie man Unternehmen führt, es ging um Ethik und Moral in der Wirtschaft. Meine Mutter schrieb viel über den Mittelstand, sie hatte die Berichterstattung über den Mittelstand in ihrer Region überhaupt erst in der FAZ eingeführt. Davor wurde nur über die Dax-Unternehmen geschrieben.

Haben Sie rebelliert?

Natürlich war ich auch rebellisch, das gehörte zur Pubertät. In diese Zeit fiel auch die Scheidung meiner Eltern, ich war enttäuscht und wütend, weil die Familie zerbrach.

Wird es in zehn Jahren das Fernsehen, wie wir es kennen, noch geben?

Da hat jeder so seine eigene Auffassung. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass linear empfangbares Fernsehen bleiben wird. Die durchschnittliche tägliche TV-Sehdauer der Deutschen hat sich in den letzten zehn Jahren nur um drei oder vier Minuten verändert. Im Print hat man einen deutlichen Einbruch erlebt, bei der Fernsehnutzung jedoch ändert sich nur marginal etwas. Diese liegt nach wie vor bei etwa vier Stunden am Tag. Mag sein, dass die Zuschauer älter werden, aber RTL etwa hat die relevante Zielgruppe von 14 bis 49 auf 14 bis 59 Jahre erweitert. Es ist ja keineswegs so, dass Menschen über 49 Jahre nicht mehr konsumieren. Das Fernsehen wird älter werden, aber es wird in zehn Jahren nicht verschwunden sein. Im Gegenteil. Das sieht man auch in den USA. Da ist der Plattform-Markt viel stärker als bei uns, und dennoch bestimmt lineares Fernsehen die Primetime – die beste Sendezeit.

Die UFA hat aber gerade auch eine Streaming-Plattform für Video-on-Demand entwickelt – in Kooperation mit der Telekom. Widerspricht das nicht Ihrer Einschätzung der Zukunft des Fernsehens?

Zum linearen Fernsehen kommt auf jeden Fall noch additives Nutzungsverhalten hinzu. Zu diesen vier Stunden, die der Fernseher läuft, muss man die Zeit hinzurechnen, die online verbracht wird. Der Markt wird also immer größer. Die Leute schauen spezifischer, in den USA gibt es Kanäle für nahezu jedes Interesse, sei es Auto, Reisen, Wohnen. Das Geschäft wächst also eher weiter. Für Produzenten ist das im Moment eine goldene Zeit. Wir haben viel mehr Möglichkeiten, zu produzieren.

Und Sie kooperieren mit der Konkurrenz des Fernsehens – etwa mit Amazon.

Ja, bei der Serie „Deutschland 86“, die wir gerade produzieren, ist Amazon – neben Fremantle und RTL Television – ein wichtiger Partner. Diese neue Form der Zusammenarbeit gibt uns Freiheit – kreativ wie finanziell. Wir reden im Moment von einem additiven Plattform-Geschäft, das sich für uns zusätzlich zu dem nach wie vor wichtigen Produzieren für die klassischen Sender eröffnet. Die Herausforderung für eine Firma wie die UFA ist, dass sich das Programmportfolio bei Plattformen wie Amazon, Sky oder Netflix anders zusammensetzt als etwa bei öffentlich-rechtlichen Sendern. Dieser Aufgabe müssen wir uns stellen und maßgeschneiderte Produktangebote machen.

Die Sektion UFA Fiction produziert auch Kinofilme. Sie sind selbst Produzent so unterschiedlicher neuer Filmprojekte wie „Der Junge muss an die frische Luft“, nach der Autobiografie von Hape Kerkeling, „Kruso“, der Verfilmung des Bestsellers von Lutz Seiler, sowie von „Die Cannabis GmbH“ nach einem Roman von Rainer Schmidt. Eine Haschisch-Geschichte scheint so gar nicht zu Ihnen zu passen.

Wenn Sie mich fragen wollen, ob ich kiffe – nein, ich kiffe nicht, und man muss auch kein Kiffer sein, um dieses tolle Buch zu verfilmen. Ich bin überhaupt keiner Droge zugewandt. Es gibt ja viele, die von den Vorteilen des Kiffens reden, ich sehe hauptsächlich Nachteile. Wenn jemand über Jahre Entspannungskiffen praktiziert, kann ich bei einigen meiner Studenten mitansehen, was das anrichtet. Aber darum geht es nicht in dem Roman von Rainer Schmidt, er schildert sehr spannend die wahre Lebensgeschichte eines Gras-Produzenten, den es wirklich gegeben hat.

Mit „Kruso“ wagen Sie sich wieder an einen Stoff, der in der DDR spielt. Was interessiert Sie daran?

Dasselbe wie bei der Verfilmung von „Der Turm“ – eine ganz eigene Welt, die wir im Westen so nicht kennen: Auf Hiddensee gab es eine intellektuelle Aussteiger-Bewegung, von der man im Westen gar nichts wusste. Ich habe das Buch von Lutz Seiler verschlungen, es erzählt von einer Subkultur, die viele im Westen nicht mit der DDR in Verbindung bringen. Die Dreharbeiten haben gerade begonnen. Der Regisseur von „Kruso“ ist ein Student von mir, der ursprünglich aus Leipzig kommt.

Das ist ähnlich wie bei „Turm“-Regisseur Christian Schwochow, der auf Rügen geboren ist. Bei den Dreharbeiten kam es zu intensiven Gesprächen, über die Generationen hinweg. Die Schauspieler, alle aus dem Osten, haben einander erzählt, wie sie aufgewachsen sind, was für sie prägend war, wie sie die eigenen Eltern wahrgenommen haben. Das war für mich ein Geschenk. Ich habe miterleben können, wie lebendig Zeitgeschichte wird, wenn sich die nächsten Generationen damit beschäftigen.

Interview: Christina Bylow