London - Sie ist eine der großen Filmstars unserer Zeit. Nach „Aquaman“ und „Der verlorene Sohn“ ist Oscarpreisträgerin Nicole Kidman nun schon zum dritten Mal in diesem Jahr auf der großen Leinwand zu sehen: Im Actiondrama „Destroyer“ spielt sie eine ausgelaugte Undercover-Polizistin, die einen Fehler in ihrer Vergangenheit ausmerzen will.  Wir treffen die 51-jährige Australierin im Londoner Soho Hotel: Der Star trägt einen schwarzen Herrenanzug und erzählt von Glamour, Gleichberechtigung, Gören und Glück.


Ms. Kidman, in „Destroyer“ strapazieren Sie sich wieder mal mit einer emotional herausfordernden Figur. Was reizt Sie an drastischen, riskanten Projekten wie „Destroyer“?

Bei diesem Projekt war mir auch wichtig, die Regisseurin Karyn Kusama zu unterstützen. Normalerweise würde ein Mann für so einen Charakter besetzt werden. Dass jetzt mal diese Frau den klassischen Anti-Helden gibt, finde ich großartig.

Sie unterstützen also mit ganzer Kraft die Frauen Ihrer Branche?

Ja, wir müssen Schritte unternehmen, um die Statistik zu ändern! Aber so sehr ich mich diesem Thema verschrieben habe, so sehr genieße ich aber auch die Zusammenarbeit mit den vielen großartigen männlichen Regisseuren, mit denen ich Filme drehen durfte.

Hat Ihr Engagement auch etwas mit Alter und Reife zu tun?

Ich bin an einem Lebensabschnitt angelangt, in dem ich sehr offen, mutig und kühn sein möchte, mich an Dingen ausprobieren möchte und Filmemacher unterstützen möchte, an die ich glaube. Ich stehe also eher an einem Punkt, an dem ich so tue, als wäre ich 21 und meine Karriere würde gerade erst beginnen.  

Haben Sie je die Erfahrung gemacht, dass Sie schlechter bezahlt wurden als männliche Kollegen?

Mein Herz hat immer für die Kunst geschlagen, nie für das Geld. In manchen Filmen hätte ich sogar ganz ohne Bezahlung mitgespielt, weil sie mir so viel bedeutet haben. Trotzdem bin ich natürlich für faire Bezahlung!

Sie spielen eine Polizistin, die sich dem Trauma ihrer Vergangenheit stellt. Wie schwer war die Vorbereitung?

Ich wurde von Soldaten im Umgang mit Waffen trainiert. Ich kann jetzt tatsächlich mit jeder Pistole umgehen, die in dem Film zu sehen ist. Ich musste mich erst an das Gefühl gewöhnen, immer eine Waffe in der Nähe zu haben.

Sie sehen als Polizistin so kaputt und fertig aus, dass man Sie kaum erkennt...

Wenn man mich in meinen Filmen mit Falten und dunklen Augenringen im Gesicht sieht, dann finde ich das großartig, denn es unterstreicht nur die emotionale Tiefe einer Rolle. Es ist spannend und wunderbar, die Welt in der Haut von unterschiedlichen Menschen wahrzunehmen. Kaum jemand kann so eine Erfahrung machen – viele Menschen verstehen diesen Reiz auch nicht. Aber ich fühle mich so noch viel mehr mit der Welt verbunden.

Wenn Sie drehen, steckt Ihre Familie dann zurück?

Nein, sie kommen meist mit. Wir überlegen uns zusammen, was wir schaffen können und was nicht. Wir sprechen offen darüber, wenn etwas zu viel wird. Das bedeutet, dass wir einige Projekte auch ablehnen müssen.

Würden sie sich als eitel bezeichnen?

Kaum. Das geht sogar so weit, dass meine Mutter immer predigt, dass ich etwas mehr Make-Up auflegen soll. Privat schminke ich mich kaum. Wenn ich ausgehe, dann liebe ich es, mir etwas Hübsches anzuziehen und einen schönen Lippenstift aufzulegen. Das hat mit einem gewissen Selbstwertgefühl zu tun. Man muss sich selbst zeigen, dass man es sich wert ist.

Seit Sie mit Keith Urban verheiratet sind, leben Sie in dessen Wahlheimat Nashville. Können Sie dort mit Ihrem Auftauchen noch Verkehrsstaus und Menschenaufläufe verursachen?

Es kommt drauf an, wie du es selbst angehst. Wenn wir mit zig Bodyguards erscheinen, die alle „Aus dem Weg!“ brüllen, kann das schon für Aufruhr sorgen. Aber mein Privatleben mag ich eher unaufgeregt, solide, friedlich. Das ist auch der Grund, warum ich so gern in Nashville lebe: Ich fühle mich dort sehr beschützt.

Ist es schwer, abends von einer Fürstin, Kriegsreporterin oder einer Polizistin wieder zur Mutter zu  werden?

Um ehrlich zu sein, ist das sogar ein Segen. Es gibt mir Halt und Ausgleich, wenn ich ihnen nach dem Dreh zum hundertsten Mal ihr Lieblingsbuch vorlese. Als ich jünger war, hätte ich sicher nicht so leicht ab- und umschalten können. Heute bin ich darin versierter und kann ganz rasch in mein normales Leben zurückkehren.

Bekommen Sie gleichbleibend viele Angebote?

Ich hatte noch nie so viel zu tun wie heute. Das kommt auch daher, dass ich Filme drehe, die extra fürs Fernsehen gedacht sind. Ich bin dankbar, dass ich so viele Optionen habe. Wir brauchen Geschichten. Die Welt verändert sich und wir müssen uns mit ihr verändern.