BerlinAls erster westlicher Zeichner durfte Igort in den 1990er-Jahren für einen japanischen Manga-Verlag arbeiten. Der Italiener zeichnete rund zehn Jahre für Kōdansha Comics, unter anderem mit einigem Erfolg die Serie „Yuri“ für Kinder. 2016 berichtete er in seinem ersten Japan-Band „Eine Reise ins Reich der Zeichen“ von seinem harten Arbeitsalltag bei den Japanern und stellte große Manga-ka vor, die er dort getroffen hatte. Jiro Taniguchi zum Beispiel, den inzwischen verstorbenen Autoren und Zeichner. Ihm widmete Igort auch den zweiten Band seiner Berichte: „Ein Zeichner auf Wanderschaft“ (2018). Das alles bot sehr gelehrte, belesene Einsichten in die japanische Kultur.

Reprodukt/Igort.
Der Comic

Igort: Kokoro – Der verborgene Klang der Dinge. Reprodukt Verlag, Berlin 2020. 140 Seiten, 24 Euro.

Mit dem Band „Kokoro: Der verborgene Klang der Dinge“ legt Igor Tuveri, wie der 62-jährige Künstler mit vollem Namen heißt, nun die dritte Folge seines illustrierten Reisetagebuchs vor. Wieder geht es um die Populärkultur Japans, aber auch um die Geschichte des Landes, etwa die Rituale und Sitten oder eben die Mystik des Kokoro, des spirituellen Herzens, der Seele, die allen Dingen innewohnt, die Menschen einmal berührt haben. Und wieder hat Igort sich mit Protagonisten der Kulturszene getroffen. So berichtet er von seinem Telefonat mit dem Komponisten Ryuichi Sakamoto – berühmt für seine elektronische Musik und den Soundtrack zu Bernardo Bertoluccis „Der letzte Kaiser“ (1987).

Bei Igort geht es um weit mehr als den Comic. Seine Zeichnungen und die Seitengestaltung erinnern nur entfernt an die Manga- und Animekultur. Sein Stil ist dokumentarisch. Dazu trägt der bräunliche, bisweilen vergilbt anmutende Untergrund bei und die darauf wie Fundstücke arrangierten Bilder. Und wenn Igort sich in populärkulturelle Gefilde begibt, wie etwa vereinzelte Szenen aus den Ghibli-Filmen „Die letzten Glühwürmchen“ (1988)  und „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2003), dann übersetzt er sie in seine eigene Bildersprache. Auch finden sich bei ihm Hommagen an Akira und die Gebrüder Tsuge, aber sie zu erkennen setzt eine tiefere Kenntnis der Originalwerke voraus.

Bild: Reprodukt Verlag/Igort
Platz für Worte: Igorts Seiten erinnern nur entfernt an den Comic, er bevorzugt die Collagenform.

Man muss das alles aber nicht wissen. Igorts Tableaus aus Bildern und Texten wollen eine Anregung sein. Da ist für jede und jeden etwas dabei. Zum Beispiel die Betrachtung der nicht nur für die japanische Kultur bedeutsamen ästhetischen Kategorie des Kawaii. Übersetzt heißt das Wort erst einmal nur niedlich, kindlich oder liebenswert. Kawaii begegnet uns allerorten: Sei es beim Coronavirus, bei Passagierjets, Straßenzeichen oder Verordnungen – dergleichen ziert oft eine süße Figur, ein Pikachu etwa, oder ein süßliches Rosa mit großen Kinderaugen. Sogar Banken können ihren Kunden Plüschpandas schenken, ohne als unseriös zu gelten. Das gilt ebenso für politische Parteien.

Igort verfolgt den Begriff auf seine Anfänge zurück: Seit den 1920er-Jahren wird in Japan Fuku getragen, die klassische, von einem Matrosenanzug inspirierte Schuluniform für Mädchen. Irgendwann fingen die Schülerinnen an, ihre Uniformen zu verändern, einen Kontrapunkt zu den strengen Formen zu setzen – den scharf gebügelten Falten des Plisseeröckchens und dem steifen Kragen mit der Krawatte –, indem sie beispielsweise lose Stulpen um die Knöchel trugen. Hinzu kamen dann noch Blümchenmuster, oder liebliche, verblassende, unscharfe Farben. Das waren die Anfänge des Kawaii: eine ironische Brechung des Kleidercodes, seine Erweiterung zu etwas, das später dann als typisch mädchenhaft galt. 

Bild: Reprodukt Verlag/Igort
Von Kawaii bis Cosplay: Aus der Schuluniform wurde ein beliebtes Gothic-Accessoire.

Aus dem Sailorfuku wurde dann auch ein Fetisch: Niedliche Mädchen, die sogenannten Lolitas, so berichtet und zeichnet es Igort, üben auf Männer einen großen Reiz aus; es ist daraus ein regelrechter Handel aus benutzter Unterwäsche und Schuluniformen geworden – Selbstbedienungsautomaten für gebrauchte Slips etwa stehen in Supermärkten. Dass hier häufig gegen die Gesetze zum Schutz Minderjähriger verstoßen wird, ruft zwar die Behörden auf den Plan. Aber was ist dann mit den Schülerinnen, die sich Geld über Enjo Kosai (Treffen gegen Bezahlung) bei älteren Männern beschaffen? Oder den Maid Cafés? Igort lässt uns mit dem Begriff Kawaii auch in die Abgründe der japanischen Kultur blicken.

Igort ist bekannt für seine Reiseberichte in Comicform – erinnert sei an seine politischen Berichte aus der Ukraine (2011) und aus Russland (2012). In diesen Berichten verbindet er Zeichnungen mit längeren Texten auf liniertem Papier; dazwischen sogar vereinzelt Fotos. Diese Collagentechnik gibt ihm den Raum für längere Betrachtungen, ohne sie in einen strengen Erzählfluss bringen zu müssen. Es herrscht das Momenthafte vor – als würde der Zufall seine Begegnungen und Erlebnisse regieren. Igort liefert keine Gesamterklärung, sondern möchte bei aller Gediegenheit – der einfachen Seitenkompositionen und der gedeckten, aquarellierten Farbarrangements – ein wildes Panorama vorführen.

Bild Reprodukt Verlag/Igort
Mangawesen in der Tokioter U-Bahn: Als Traditionsmarker erscheint unten rechts ein Stempel.

In diesem Widerstreit liegt der ganze Charme und die Meisterschaft Igorts: Durch seine Zurückhaltung schafft er ein Tableau, auf dem zugleich auch Unvereinbares zueinanderfindet. Der wild-gediegene Mix bekommt in dem vorliegenden Band noch einmal eine besondere Note: Die japanische Kultur verfügt über einen sehr alten Bilderfundus, eine Tradition, die bis in die gegenwärtige Manga- und Anime-Kultur reicht. Und weil Igort sich eingehend damit beschäftig hat, kann er auch täuschend echt die Darstellungen grausiger Dämonen aus dem japanischen Volksglauben imitieren, so wie man sie von alten Holzstichen kennt. Zugleich aber erweitert er sie um Wesen aus der mangaesken Popkultur.

Das ist ein atemraubender Mix. Jede Seite ist anders, unvorhersehbar. Eine Wundertüte der japanischen Kulturgeschichte und der popkulturellen Gegenwart. Und dann treffen eben die alten Volksdämonen auf die Manga-Monster. Das passt, ästhetisch. Hier, im Bereich des Comics, der grafischen Literatur, lösen sich die konventionellen Genregrenzen in dem ansonsten so traditionsverliebten, angeblich so genrestrengen Japan leichthändig auf. Selten hat ein Zeichner so anschaulich die Verbindung zwischen dem Altertum und der lebendigen Jetztzeit hergestellt.