Die Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salome und die Philosophen Paul Ree und Friedrich Nietzsche (r.), kolorierte Aufnahme von 1882, Atelier Jules Bonnet, Luzern. 
Foto: Costa/Leemage

Im ersten Heft des zweiundsiebzigsten Jahrgangs der Literaturzeitschrift Sinn und Form, also im Januar-Februar-Heft des Jahres 2020, werden vier Briefe von Wolfgang Harich (1923–1995) an Stephan Hermlin (1915–1997) aus den Jahren 1986 bis 1988 abgedruckt. Es geht darin um Nietzsche.

Der Philosoph Wolfgang Harich, ein eigenwilliger marxistischer Intellektueller, der nach dem 17. Juni 1953 die Führung der DDR wegen ihrer Kultur- und Medienpolitik scharf attackiert und 1956 zusammen mit anderen laut über eine Ablösung Walter Ulbrichts nachgedacht hatte, wurde im März 1957 wegen „Bildung einer konspirativen staatsfeindlichen Gruppe“ zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

Zehn Jahre Zuchthaus wegen konspirativer Umtriebe

In der Verhandlung hatte er erklärt: „Ich war wie so ein durchgebranntes Pferd, das man nicht mehr durch Zurufe aufhält. Mit diesen Ideen im Kopf bin ich eben durchgegangen, und wenn sie mich nicht festgenommen hätten, dann wäre ich heute nicht reif für die zehn Jahre, die der Herr Generalstaatsanwalt beantragt hat, sondern für den Galgen. Und deshalb sage ich der Staatssicherheit also dafür meinen Dank.“

1964 wurde Wolfgang Harich aus dem Zuchthaus entlassen und arbeitete fortan im Akademie-Verlag. In seinem 1975 bei Rowohlt erschienenen Buch „Kommunismus ohne Wachstum“ befürwortete er eine Ökodiktatur als Ausweg aus der Krise. Honecker hatte Harich ein Dauervisum für den Westen genehmigt. In den vier in Sinn und Form jetzt abgedruckten Briefen schießt Harich mit der ganzen ihm zur Verfügung stehenden Beredsamkeit, man könnte auch sagen Demagogie, gegen Friedrich Nietzsche. Harich sieht in dem Philosophen den „Schöpfer der faschistischen Ideologie“. In der DDR soll das Werk Nietzsches seiner Ansicht nach verboten sein. Jedem Versuch, sich mit ihm auch nur auseinanderzusetzen, tritt er wütend entgegen.

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In den vier Briefen fragt sich Harich niemals, ob denn ein Staat das Recht habe, seiner Bevölkerung vorzuschreiben, was sie lesen und was sie nicht lesen soll. Die DDR hat dieses Recht selbstverständlich. Der Regierung wirft er vor, nicht genug Gebrauch davon zu machen. Mit so viel Verve wurde selten für Zensur, für die Entmündigung des lesenden Teils der Bevölkerung eingetreten wie in diesen vier Briefen. Sie sind Ausdruck einer völligen Verblendung, einer begeisterten freiwilligen Knechtschaft im Namen einer vorgeblichen Philosophie der Befreiung. Dokumente eines der damaligen Gegenwart von Glasnost und Perestroika den Krieg erklärenden Spätstalinismus. Artikuliert von einem der wenigen prominenten Intellektuellen der DDR, der der Trauerfeier für Stalin einst ferngeblieben war.

Nietzsche als „Schöpfer der faschistischen Ideologie“

Den vier Briefen Harichs ist eine Reinwaschung des 1974 geborenen Philosophiehistorikers Andreas Heyer vorangestellt. Er hat sich viel mit Wolfgang Harich beschäftigt und soll zur Zeit an einer Philosophiegeschichte der DDR arbeiten. So erschreckend verbohrt und autoritär Harichs Auslassungen sind, erschreckender noch ist Andreas Heyers Einleitung.

Er übernimmt Harichs Position nicht nur Hermlin gegenüber, der sich für eine Auseinandersetzung mit Nietzsche eingesetzt hatte. Heyer ist voller Mitgefühl nicht etwa für die Leser im Leseland DDR, denen Harich eine der zentralen Gestalten des ausgehenden 19. Jahrhunderts vorenthalten möchte, sondern für den armen Wolfgang Harich, der die größte Demütigung seines Lebens darin erblickt haben soll, nach seinem Zuchthausaufenthalt nicht wieder in die Sozialistische Einheitspartei aufgenommen worden zu sein. Das darf Heyer natürlich. Wir haben, anders als von Harich für die DDR gefordert, Pressefreiheit.

Aber der Leser reibt sich doch verblüfft die Augen. In der Zeitschrift der Berliner Akademie der Künste werden im Jahr 2020 Harichs Plädoyers für das Verbot einer Beschäftigung mit Nietzsche nachgedruckt, ohne auch nur einen Gedanken an die intellektuelle Armseligkeit zu verschwenden, die darin liegt, dass Harich nicht eine Minute lang auf die Idee kommt, auch andere Menschen hätten ein Recht darauf, sich ihre eigene Meinung zu bilden.

Stephan Hermlin, einer der wichtigsten Autoren der DDR, ein Förderer junger Lyriker, der unter anderem den Appell gegen die Ausbürgerung Wolfgang Biermanns unterschrieb, ist in der Darstellung von Andreas Heyer ein Freund Honeckers und sonst nichts. Harich ist das Opfer. Heyers Beitrag gibt ein völlig falsches Bild der Nietzsche-Auseinandersetzung.

Harichs „intellektuelle Einsamkeit“

Hermlin schrieb in dem von Heyer zitierten Aufsatz in Sinn und Form (1,1988): „Nietzsche existiert nicht in der DDR, ich halte das für einen Mangel, weil Sozialisten an keiner wesentlichen Gestalt vorbeigehen können.“ In sein 1976 erschienenes „Deutsches Lesebuch“ hatte er ein Gedicht aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ aufgenommen. Hermlin zitierte auch Thomas Mann: „Wer Nietzsche ,eigentlich’ nimmt, wörtlich nimmt, wer ihm glaubt, ist verloren. Mit ihm wahrhaftig steht es wie mit Seneca, den er einen Menschen nennt, dem man immer sein Ohr, aber niemals ,Treu und Glauben’ schenken sollte.“

Wolfgang Harich versuchte damals, die DDR zurückzuschicken auf, so schrieb Hermlin, „erledigte Positionen, die Hunderten von fortschrittlichen Künstlern in vielen Ländern die Beschädigung oder die Auslöschung ihres Werks und selbst den Tod einbrachten.“

Die von Andreas Heyer beklagte „intellektuelle Einsamkeit“ Harichs in der DDR war ein Glück für das Land. Allerdings erschien, abgesehen von einer bibliophilen Ausgabe von „Ecce Homo“ im Jahre 1985, erst 1990 ein Auswahlband mit Texten Nietzsches im Reclam-Verlag Leipzig. Das Nachwort war datiert, wenn ich mich recht erinnere, mit „1985-1990“. In der Nietzsche-Frage hatte der einsame Harich gesiegt.

Wenn Leser oder gar die Herausgeber von Sinn und Form sich über die Debatte ernsthaft informieren wollen, hilft ein Griff ins Archiv der seit 1949 zweimonatlich erscheinenden Zeitschrift. Das erste Heft des Jahres 1988 dokumentiert auf mehr als vierzig Seiten Antworten auf Harichs Attacke aus dem Heft 5/87. Da ist vom „Mündigwerden einer Gesellschaft“ (Thomas Böhme) die Rede, von der „Kultur des Streits“ (Gerd Irrlitz).

Es gab keine ernsthafte Auseinandersetzung in der DDR

Stefan Richter, damals Lektor bei Reclam Leipzig schrieb: „Ein Autor, ohne den die Geschichte der Literatur, der Künste allgemein, der Philosophie, der Psychologie (die Reihe ließe sich fortführen) im 20. Jahrhundert nicht zu verstehen ist, verdient es doch, insbesondere in seiner ‚Verführungskraft‘ ernst genommen zu werden.“ Ernst genommen zu werden, das heißt gelesen und diskutiert, also erst einmal verlegt zu werden. Richter fragt: „Müssen Mehrheiten wirklich von kompetenten ,Pädagogen’ vor ‚schlimmer Lektüre‘ bewahrt bleiben?“

Die DDR war keine Gesellschaft mehr, in der sich für marxistisch haltende Eliten um Deutungshoheit und Macht stritten. Das aber versucht uns die neueste Ausgabe von Sinn und Form einzureden.