Während einer Pause vom Musizieren erholen sich die fünf Mitglieder der frisch gegründeten HipHop-Crew bei einem Becher Kaffee vor ihrer Studiotür auf der Straße; plötzlich werden sie von einer Gruppe Polizisten umringt, sie müssen sich auf den Boden legen und ihre Hände hinter dem Rücken verschränken. Die fünf Männer sind schwarz; und eine Gruppe von schwarzen Männern ist in Compton, Los Angeles, automatisch verdächtig, eine Gang von Drogendealern zu bilden. Nur das Einschreiten ihres weißen Produzenten bewahrt sie davor, grundlos verhaftet zu werden – dass einer von den rassistischen Polizisten ebenfalls eine schwarze Hautfarbe trägt, steigert noch ihren ohnmächtigen Zorn.

Dies kann man für den Film „Straight Outta Compton“ vielleicht als Schlüsselszene beschreiben. In verdichteter Form zeigt sie die Erfahrung der rassistischen Gewalt und wie sie zum Motor des Musizierens wird; sie zeigt aber auch die doppelte Demütigung der fünf schwarzen Männer, die ohne die Hilfe eines weißen Mannes ebenso wenig in diesem Moment der polizeilichen Willkür entkommen wären wie sie später zu den Superstars hätten aufsteigen können, als die man sie heute kennt.

Niggaz Wit’ Attitude – zu deutsch etwa: Neger mit Haltung – heißt diese Crew, die Ende der Achtzigerjahre den GangstaRap zum bestimmenden Genre im HipHop machte; wir sehen sie hier bei der Arbeit an ihrem Debütalbum „Straight Outta Compton“. Gegründet wurden N.W.A 1986 von dem Drogenhändler Eazy-E und dem DJ und Produzenten Dr. Dre; später kamen noch der DJ Yella und die Rapper Ice Cube und MC Wren hinzu. Sie lernten sich auf den Straßen von Compton kennen, tanzten und spielten auf R’n’B-, Funk- und HipHop-Partys. Doch die Musik, die ihnen vorschwebte, wollte noch härter, düsterer und brutaler sein als der HipHop, den es sonst zu hören gab. Zu den minimalistischen, schroff-dunklen Rhythmen von Dr. Dre – gern auch mit Polizeisirenen und Gewehrschüssen garniert – rappten N.W.A über den Spaß an der Gewaltausübung und am männlich-dominanten Geschlechtsverkehr. Und manchmal auch über Rassismus.

„Straight Outta Compton“ heißt nun auch der Film, in dem die Geschichte der Crew erzählt wird, von ihrer Gründung über den rasanten Aufstieg Ende der Achtzigerjahre und den schnellen, inneren Streitigkeiten geschuldeten Zerfall bis zum AIDS-Tod von Eazy-E im Jahr 1995. Produziert wurde der Film von Dr. Dre und Ice Cube; er ist aber deswegen nicht so schlecht, wie man denken könnte, das heißt: Er wirft einen verhältnismäßig differenzierten Blick auf die Geschichte. Viel Raum wird der Rolle des weißen Produzenten Jerry Heller gegeben (dargestellt von Paul Giamatti). Ihm verdanken N.W.A ihre ersten Erfolge; aber weil er aus Profitgier bald Eazy-E gegen den Rest der Crew auszuspielen begann, ruinierte er auch in zügigem Tempo, was er gerade erschaffen hatte.

Interessant ist die Verve, mit der Ice Cube und Dr. Dre ihre Musik im Nachherein als Protestmusik darzustellen versuchen. Das ist nicht selbstverständlich, man kann den GangstaRap mit guten Gründen auch als wesentlichen Schritt zur Entpolitisierung des HipHop ansehen: Anders als bei anderen Rappern der Zeit wie Ice-T und KRS-One stand hier ja gerade nicht die Kritik der rassistischen Verhältnisse im Zentrum, sondern vielmehr deren obszöne Affirmation; es ging nicht mehr um die Veränderung der Verhältnisse, sondern darum, härter, männlicher und erfolgreicher zu sein als der Rest und auf diese Weise den Verhältnissen zu entkommen.

In den Neunziger- und Nullerjahren wurden der Zynismus und Sexismus von N.W.A gerade auch von afroamerikanischen Kritikerinnen und Kritikern gerügt. Inzwischen widerspricht niemand mehr, wenn sie sich als Helden einer schwarzen Widerstands- und Selbstermächtigungskultur inszenieren – schwarze Helden nicht zuletzt, die auch von Weißen bewundert werden. In der zweiten Schlüsselszene des Films spielen N.W.A bei einem Konzert das Stück „Fuck Tha Police“, in dem sie den rassistischen Übergriff vor der Studiotür verarbeiten. Das FBI hatte die Aufführung aber vorab untersagt – prompt stürmt nun ein Geschwader die Bühne und führt die Musiker ab. Bevor sie im Gefängnis verschwinden, sehen sie vor der Halle noch tausende von empörten Teenagern stehen und „Fick die Polizei“ rufen. Diese Teenager sind alle weiß. Und die gesamte Szene ist frei erfunden.