Schützenswerte Geruchskonserve: Weißkohl im Glas
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BerlinKürzlich war‘s, beim Suchen nach den kühlen Flaschen in einem Keller in Dahlem. Herum stehen einige Regale mit alten Büchern, einstige Luftschutztüren pressten die kalte Luft zusammen gegen die flirrende Gartenhitze. Vielleicht lagen irgendwo auch noch uralte Kohlen, eine ausgetrocknete Bierflasche, eine mumifizierte Maus. Oder war ein Marmeladenglas vergoren und geplatzt? Jedenfalls stand in der Nase sofort das heimelig-gruselige Gefühl wie im Haus der Braunschweiger Großeltern, nahe der Okerniederung gelegen. Nach dem Krieg war es aus der Ruine aufgebaut worden, immer wieder wurde die Geschichte erzählt, dass nur gewölbte Keller den Bomben widerstehen konnten. Muffduft, der Sicherheit verspricht.

Oder dieser intensive Ata-Duft bei einem Familienfest vor einem halben Jahr. Die ganze Verwandtschaft von München über Köln, Wuppertal, Braunschweig bis Kiel scheint über Jahrzehnte das gleiche Putzmittel benutzt zu haben. Selbst glatt polierte Kunststeintreppen, die aussehen wie angeschnittene Mortadella, oder Geländer mit gedrehten Stahlstäben und Kunststoffrelings sind davon imprägniert.

Oder unser Ost-Berliner Treppenhaus: In der Hitze stieg der einst von Sassnitz bis Pölnitz bekannte DDR-Geruch wieder hoch. Rätselhafterweise war am übernächsten Absatz, trotz gleich verrottendem Fensterrahmen und zertretenem Linoleum, nichts davon zu merken. Hier riecht es immer vor allem nach unterlassener Renovierung, uralter Farbe und abplatzendem Mörtel. Aber im Geschoss dazwischen setzte sich kernig der Duft des real existierenden Sozialismus durch, fegte ohne Probleme gegen die schlappen Parfüme des Kapitalismus und schon gar gegen Öko-Putzmittel aus dem weit geöffneten Fenster. Wofasept, erklärte mir vor Jahren eine Nachbarin, hieß diese Desinfektionschemie. Ermordete angeblich jeden Keim im Handumdrehen.

In der Alten Staatsbibliothek Unter den Linden gab es einmal einen ähnlichen olfaktorischen DDR-Erlebnisraum, ein kleines Nebentreppenhaus. Wenn es sommerheiß oder winterüberheizt war, konnte man kaum atmen darin. Bis es bei der letzten Sanierung porentief gereinigt wurde. Und niemand daran dachte, dass hier Geschichte weggeputzt wird? Unendlich viele Texte gibt es zum speziellen Duft der DDR in Interzonenzügen oder zum Duft des Westens, wie er von der Stasi angeblich sogar aus Paketen erschnuppert und nach dem 9. November massenhaft wahrgenommen wurde. Aber je länger die Zeiten dauern, desto weniger erklärbar werden diese Texte. Wir fordern also den olfaktorischen Denkmalschutz. Wo der Duft vergangener Zeit noch schwebt, sollte er bewahrenswert sein.

Klar, ODS, wie wir ihn hier mal nennen, ist schwer durchsetzbar in einer Stadt, die ruchlos selbst herausragende Kunstdenkmäler wie die St. Hedwigskathedrale oder das auf der Welterbeliste stehende Pergamonmuseum den Interessen ihrer Eigentümer opfert. Und die technischen Probleme für ODS sind nicht unbeträchtlich. Eine Mauer oder deren Dekor kann man bewahren – aber einen Duft? Hallo! Es geht um Geschichte! Um Erinnerung! Um Gefühle! Die Lebensleistungen von Arbeitskräften in Putzbranche, Petrochemie und Reinigungsmittelabfüllung sowie von duftertragenden Mitmenschen und -tieren verdienen Anerkennung. Man denke an die vielen Mäuse, die in diesem Duftgemisch vertrockneten. Also voran, ihr Gesetzgeber. Gebt uns dauernden Duft!