Filmszene aus „ Nina Wu“von Midi Z mit Wu Ke-xi

Foto: Epicentre Films 

An Ninas Kühlschrank klebt ein Foto von ihr auf dem roten Teppich. Eine Wunschvorstellung, die für die taiwanesische Schauspielerin über die Jahre in weite Ferne gerückt ist. Seitdem schlägt sie sich als Webcam-Model und mit diversen Kurzfilmrollen durch. Auch das nächste Casting für eine prestigeträchtige Produktion läuft nicht nach Plan. Wieder und wieder betet Nina den kräftezehrenden Monolog herunter, bis ein Produzent in der zweiten Sitzung ihr Foto durchstreicht. Die Rolle geht trotzdem an Nina.

Die Leerstelle, die der Film hier lässt, offenbart sich während der Dreharbeiten. Nach dem ersten „Cut!“, das der Regisseur hereinruft, macht sich die Crew an den Abbau, während Nina, die sich für die Szene auf den nackten Asphalt gelegt hat, fast von einem Auto erfasst wird. Die anschließend vorbereitete Sexszene wirkt bereits in der Stellprobe wie eine Demütigung, die schließlich in echte Gewalt umschlägt, als Nina für die Schlüsselszene nicht die gewünschte Verzweiflung aufbringt: Der Regisseur prügelt jene mit ein paar Ohrfeigen aus ihr heraus. Der fertige Film kann die Fachwelt überzeugen: Nina wird ein Star – und zahlt den Preis dafür. Von nun an wird ihr Gewicht überwacht, ihre Besuche beim Kosmetiker werden zur Pflichtübung, ihre Interviews gleiten in unangenehme Privatbefragungen ab.

Zudem nisten sich kleine, wiederkehrende Irritationen im neuen Leben der Schauspielerin ein. Eine Schabe klettert über ihr Mittagessen, ein Reptil windet sich in einem Lampenschirm, eine unbekannte Frau taucht wieder und wieder in Ninas Nähe auf. Die Albtraumpalette, mit der „Nina Wu“ arbeitet, ist spürbar an Filme wie Satoshi Kons „Perfect Blue“ oder Darren Aranofskys „Black Swan“ angelegt, die den mit Erfolg assoziierten Druck und die Schattenseiten der Prominenz zum persönlichen Albtraum ihrer Protagonistinnen machen. Im Kern erzählt „Nina Wu“ jedoch nicht von einem menschenverachtenden Starsystem, sondern ähnlich wie Roman Polanskis „Ekel“ von einer Vergewaltigung, die das Leben einer jungen Frau zerstört.

Trauma und Alltag verkleben in Ninas Leben zu einer albtraumartigen Realität. Begegnungen werden plötzlich feindselig, Fotoshootings zeigen eine kaum erkennbare Version ihrer Selbs, und der Korridor eines Kosmetiksalons wandelt sich in einen rosa strahlenden Leuchtstoff-Höllenschlund, durch den Nina auf der Suche nach einem Ausweg irrt. Privatleben und Star-Dasein sind nicht mehr trennbar, weil hinter dem Erfolg und dem Trauma die gleichen, misogynen Strukturen stehen.

Regisseur Midi Z zieht geschickt die psychologischen Daumenschrauben an, um das System zu zeigen, das eine junge Darstellerin verschlingt und als seelisch zerstörte Starpersona wieder ausspuckt. „Nina Wu“ statuiert ein Exempel an diesen Strukturen, das aber notwendigerweise – und mit bitterem Beigeschmack – auf dem Rücken der Protagonistin ausgetragen wird. Nina selbst wird keine Katharsis und keine Ermächtigung gewährt. Sie bleibt als Opfer gefangen in der Hülle eines Filmstars.

Nina Wu Taiwan, Malaysia, Burma 2019, Regie: Midi Z, Darsteller: Wu Ke-xi, Kimo Hsia, 103 Min. Farbe, FSK: 16