Von der vielgerühmten, coolen Ambivalenz von Deichkind ist bei den Berliner Fans der Hamburger Elektrohopper eher wenig zu spüren. Beunruhigt drängeln sie in den massigen Trauben vor dem Einlass, knäueln sich vor den Abgängen zum Innenraum der Max-Schmeling-Halle und verlieren verzweifelt jede Fassung, als das Konzert loszugehen droht und sie noch im Thrombus festhängen, der die Bahn nach unten, zu den Stehplätzen vor der Bühne, verstopft. Sitzen will aber ohnehin niemand: Vom ersten bollernden Ton an hüpfen die Leute noch in den fernsten oberen Rängen der randlos ausverkauften Halle herum und werfen die Arme, ohne Unterlass, zwei Stunden lang.

Konsens-Band ist ein schwer untertreibender Begriff für die drei Rapper plus Regisseur und Produzent, die nach 18 Jahren Reimarbeit von Hools und Hipstern, Trinkern und Kiffern, Bild- und Zeit-Lesern gleichermaßen verehrt werden. Vor allem mit den letzten beiden Alben „Befehl von ganz unten“ und jetzt „Niveau, Weshalb, Warum“ holten sie auch das Bildungsbürgertum mit in das Schlauchboot, mit dem sie wie stets zum Ende der Show Federn werfend auf der schwappenden Menge schwimmen – ein bisschen degoutant vielleicht, aber eben „Leider Geil“, wie ihr mittlerweile böse ausgelutschter Slogan lautete, der ihnen vor drei Jahren zum ersten Top-Ten-Hit ihrer Karriere verhalf.

Darin geht es um allerlei lustig absurde, aber auch tatsächlich bedenkenswerte und verwirrende Umstände, deren angenehmen Seiten man sich am Ende doch unterwirft: „Kleine Kinderhände nähen schöne Schuhe / meine neuen Sneakers sind / leider geil.“ Der Trick besteht darin, dass man Zeilen wie diese kritisch, rechtfertigend oder auch nur mal sicherheitshalber ironisch lesen könnte.

Kritik an der medialen Klickgesellschaft

Als gute Rapper beherrschen Deichkind diesen Trick sehr gut, weil es eben ihr Job ist, lieber griffig als stimmig zu texten. Daher rappen dann im Konzert auch augenscheinlich gut im Markt situierte Zuhörer die an sich deprimiernde Deregulierungs-Litanei „Bück Dich Hoch“ schreiend vor Lachen mit.

Auf den neueren Alben funktioniert das zum Beispiel mit Stücken wie „Like mich am Arsch“, das sich im Angesicht von fast 800.000 Deichkind-Freunden bei Facebook über die mediale Klickgesellschaft lustig macht. Oder in „Hauptsache nichts mit Menschen“, wo man als hochgehandeltes Großraum-Spektakel über den Public-Viewing-Craze spottet.

Live wiederum sind sie eigentlich Event-Theater. Und zwar ein eher straffes und effizient strukturiertes. Die turbulenten Momente bestimmen auch gar nicht die Show, sondern werden dramaturgisch gut getimet und bis in die Publikumsausflüge im Fass und als Polonaise oder im Trampolin- und Bungee-Bounce-Finale als knackige Effekte gesetzt. Die Garderobe und Accessoires wie kreiselnder Besserverdiener-Golfcart, Strandsitz oder Königsrobe sind schwarzweiß gehalten.

Das Bühnenbild besteht aus schlichten, verschiebbaren, monolithischen und illuminierten Blöcken und Stellwänden. Davor, dazwischen und darauf bewegen sich die Rapper und Tänzer sauber choreographiert. Für „Bück Dich Hoch“ spielen sie auf sechs Bürosesseln Reise nach Jerusalem, für die Wirtschaftskapitänsnummer „Denken Sie Groß“ trägt einer der drei ein gewaltiges Hirn, das zwei Helfer stützen müssen. Vor „Egolution“ steigt einer der drei aus einer Day-Glo-strahlenden Sonnenbank.

Fragen auf Sesamstraßenniveau

Als Leitmotive bestimmen die altbewährten, bunt flackernden Pyramiden-Kappen den Abend, digitale Varianten von Daniel Düsentriebs Denkkappe. Sie haben offenbar ihre Funktion erfüllt. Selbst die Musik entgeht mit minimalistischen, brummenden Bässen und Geräuschen vom geraden, sturen Elektrobeat zu den HipHop-lastigen Nummern gegen Ende eigentlich immer der Eurotrash-Drohung. Der Auftritt ist höchst dynamisch und unterhaltsam, aber vor allem sehr clever. Vielleicht ist es auch tatsächlich eine kluge Strategie, statt bevormundender Konsequenzen – mit dem Sesamstraßenmotto von „Niveau, Weshalb, Warum“ – ironische Fragen anzubieten.

Aber unter der tosenden Fröhlichkeit drallt das Ganze auch in die Richtung der feixenden Beliebigkeit von Comedy-Unterhaltern. Oder so: Wenn die postmoderne Haltung durch das „Ich würde lieber nicht“ von Melvilles Schreiber Bartleby geprägt war, gibt es nun ein grinsendes „Ich weiß halt auch nicht.“

Lesen Sie morgen an dieser Stelle die ausführliche Konzertkritik.