Nobelpreis für Literatur: Wetten, dass sie irren?

Bis auf den letzten Drücker, also bis zur Verkündung der Nobelpreisgewinnerin Alice Munro um 13.01 Uhr, gingen wir wie der Rest der informierten Literaturwelt davon aus, dass die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch den Preis bekäme. Die Autoren der Huldigungsartikel standen in den Startlöchern, sammelten Material und recherchierten die Lücken nach.

Alles war so weit klar. Hauptquelle für das auch über die Nachrichtenagenturen verbreitete Gerücht war das britische Wettbüro Ladbrokes. Auf deren Prognosen war in den vergangenen Jahren so viel Verlass gewesen, das man schon von undichten Stellen in der Jury munkelte.

Die Tage zuvor stand wie schon oft – und nun wieder für 2014 – der japanische Bestsellerautor Haruki Murakami unangefochten an der Spitze. Alice Munros Name bewegte sich mit Peter Nadas, Assia Djebar und Joyce Carol Oates so um den 3. bis 5. Platz herum. Nicht mehr ernstlich als Sieger in Erwägung gezogen wurden Bob Dylan, Thomas Pynchon, Philip Roth, Adonis oder der vor zwei Jahren als Favorit, dieses Mal leider nur kurzzeitig heiß gehandelte Kenianer Ngugi wa Thiong’o. Die Wetten auf letzteren schossen vor wenigen Wochen so verdächtig steil in die Höhe, dass man dahinter Zocker vermutete, die ihn heimtückisch aus dem Rennen katapultieren sollten. Jetzt ist er, zumal mit falsch geschriebenem Namen, wieder weit abgeschlagen hinter Jon Fosse, Ko Un und Umberto Eco auf Platz 15 zurück gefallen.

So sehr man der streitbaren Menschenrechtlerin Swetlana Alexijewitsch den Preis gewünscht hätte, so beruhigend ist es auch, dass gegen die Macht der Wettbüros eine Schriftstellerin ausgewählt wurde, die man sozusagen nicht „auf dem Schirm“ hatte.

Die Kunst Munros sind Short-Stories, ein Genre, das fälschlicherweise, wie man nun hoffentlich an ihren großen Geschichten von der Unvollkommenheit des Lebens und der Liebe entdecken wird, als kleine Form der Literatur gilt. Zudem schreibt die bescheidene Kanadierin niemals vordergründig politisch, was bei der Entscheidung für viele Nobelpreisträger von Dario Fo über Orhan Pamuk bis zu Herta Müller doch eine gewisse Rolle gespielt hat.