Besucher betrachten in der Fotoausstellung „Orange“ die Fotografien des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk vom nächtlichen Istanbul.
Qulle: Martin Müller

PotsdamDie Liebe und das Gespür für einen Ort treiben wohl kaum einen Schriftsteller so sehr an wie Orhan Pamuk, für den die persönliche Geografie immer auch ein künstlerisches und literarisches Schicksal darstellt. Istanbul, Pamuks Heimatstadt, wird in seinen Romanen zur unermüdlich-ausgeleuchteten Präsenz und schillernden Inspirationsquelle. Es ist der komplexe Balanceakt zwischen Ost und West, Weltlichem und Heiligem, Tradition und Moderne, zwischen feierlichem Lärm und gedankenvoller Stille, der diese Stadt so besonders macht und Pamuks Geschichten ihre eigentümliche Spannung einhaucht.

Aber Istanbul ist für den Literaturnobelpreisträger Pamuk nicht nur persönlich, sondern auch politisch eine Herzensangelegenheit. Erst kürzlich bezog er öffentlich Stellung zur symbolträchtigen Umwidmung der Hagia Sophia zu einer Moschee. Die ehemals byzantinische Kirche gilt als eines der baugeschichtlichen Wahrzeichen Istanbuls und ist in ihrer hybriden Architektur einzigartig – sie beinhaltet sowohl christliche, als auch islamische Elemente. Erdogans Vorstoß zur Umwidmung, sagte Pamuk, widerspreche Atatürks Vision einer säkularen Türkei als Teil der europäischen Zivilisation.

Auch in Pamuks jüngst eröffneter Foto-Ausstellung „Orange“, einem der Höhepunkte des Literaturfestival Potsdam Brandenburg, steht Istanbul im Zentrum. Und auch hier schimmert, wenngleich indirekt und etwas subtiler, Pamuks Kritik an der autoritären Neuordnung der Türkei hindurch. Die Metapher für diese unheimliche Verwandlung ist Licht: Das charakteristische Orange der Istanbuler Straßenlaternen, das – dies ist die Prämisse Pamuks fotografischer Auseinandersetzung – in den letzen Jahren immer mehr, zwar heimlich, aber doch stetig, durch ein kalt-glimmendes und fahles Weiß ersetzt worden.

Auf seinen Aufnahmen sind streunende Hunderudel und umherschweifende Katzen zu sehen, mit dunklen Stoffen behangene Gestalten, die am Bordstein hocken, Bagger, die bedeutungsschwanger den Boden aufbrechen, Geflüchtete in religiösen Gewändern, aber auch säkular gekleidete, junge Istanbuler, Kinder, die vergnügt oder suchend die Straßen hinablaufen. Alles bei Nacht und stets in schrille Kontraste getaucht: Kontraste von Licht und Schatten, Leben und Stillstand, oder eben dem gleißenden Orange der Laternen und der nächtlichen Schwere des Blauschwarz im Himmel dahinter.

Besucher in der Fotoausstellung "Orange" im Rahmen des Literaturfestivals Lit:Potsdam im Kunstraum Potsdam
Quelle: Martin Müller

Pamuk macht sich, indem er die Gassen, Verschläge, Plätze und Abhänge seiner Heimatstadt entlangläuft und das von ihm so sehr geliebte Orange überall da einfängt, wo es im Augenblick der Aufnahme noch zu sehen ist, zum Chronisten einer im Sterben begriffenen Gegenwart. Er verwandelt die Schönheit und Wärme des orangen Lichts in eine gemeinschaftsstiftende, soziale Skulptur. Die ist so rätselhaft wie anziehend, wie ein unmerklicher, allumfassender Schleier, eine zweite Natur.

„Zwischen 2008 und 2014 schrieb ich einen Roman über Straßenverkäufer“, erzählt Pamuk in der gleichnamigen Publikation zur Ausstellung in einer Randnotiz vom Entstehungsprozess dieser Aufnahmen. Dies gibt auch Auskunft darüber, wie die Orange-Bilder neben ihrer dokumentarischen Funktion auch seiner literarischen Recherche dienten und wie die Disziplinen in Pamuks Schaffen ineinandergreifen.

Seine Kamera brachte er dabei auch in ärmlichere Nachbarschaften an der Istanbuler Peripherie, etwa Tarlabasi, Kasimpasa und Feriköy. „Wenn ich mir jetzt diese Bilder in meinen Archiven ansehe, werde ich daran erinnert, wie wenig Aufmerksamkeit ich vor zehn Jahren dem Vormarsch des weißen Lichts schenkte“, schreibt er, und benennt dabei dennoch den sinnbildlichen Zusammenhang –, „wie beunruhigt mich aber offensichtlich eine wachsende nationalistische Wut machte.“ Orange wird bei Pamuk zur Farbe einer nächtlichen Vielstimmigkeit, zur Farbe lebendiger Demokratie, zu Farbe Istanbuls bei Nacht.

Kunstraum Potsdam, Schiffbauergasse 4D, Potsdam, Ausstellung von 05. bis 09. August, 13–18 Uhr.

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