Peter Handke mag Literatur, nicht Meinungen. 
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StockholmDer diesjährige Literaturnobelpreisträger Peter Handke hat bei seinem ersten offiziellen Nobelauftritt in Stockholm gereizt auf Fragen zu seiner umstrittenen Haltung zum Jugoslawien-Konflikt reagiert. Er ziehe das Toilettenpapier, das ihm jemand anonym geschickt habe, den „leeren Fragen“ von Journalisten vor, sagte der österreichische Schriftsteller am Freitag auf einer Pressekonferenz in der Schwedischen Akademie. „Ich schreibe nicht mit Meinungen. Ich habe niemals eine Meinung gehabt, ich hasse Meinungen“, sagte er auf die Frage, ob er seine Ansichten zum Balkankonflikt geändert habe. Er möge Literatur, nicht Meinungen.

Handke hatte sich in dem Konflikt stark mit Serbien solidarisiert und nach Ansicht von Kritikern die von Serben begangenen Kriegsverbrechen bagatellisiert oder geleugnet. 2006 hielt er bei der Beerdigung des sechs Jahre zuvor gestürzten serbischen Führers Slobodan Milosevic eine Rede.

Peter Handke löste eine internationale Debatte aus

Die Vergabe des Literaturnobelpreises an ihn löste international eine Debatte aus. Auf eine Frage zu einer möglichen Versöhnungsgeste sagte Handke, er habe einen Freund in Bosnien gefragt, was er tun solle. Dieser Freund habe ihm gesagt: „Im Moment ist das nicht möglich.“ Er glaube nicht daran, dass ein Dialog möglich sei. Wenn jemand einen Rat habe, wie er den jetzigen Protesten begegnen solle, dann nehme er diesen gern an.

Ungeachtet der Diskussion um Peter Handke ist die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk sehr stolz auf ihre Auszeichnung. Die Schwedische Akademie hatte nach ihrem Skandaljahr 2018 im Oktober zwei Literaturnobelpreisträger verkündet: der Österreicher Handke für 2019. Tokarczuk erhält den Preis für das Jahr 2018. „Ich bin stolz, die 15. Frau zu sein, die den Nobelpreis erhält, 110 Jahre nach der ersten Frau Selma Lagerlöf. Ich bin davon überzeugt, dass ich ihn nicht bekomme, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich Bücher schreibe“, sagte die Preisträgerin am Freitag. Sie gehe fest davon aus, dass es in Zukunft mehr weibliche Preisträger geben werde.

Was ihr bei der Recherche zu ihrem Werk „Die Jakobsbücher“ begegnet sei, sei die Tatsache, dass Frauen in der Geschichtsschreibung zu wenig beachtet würden, sagte Tokarczuk (57). Dies gelte etwa für die Frauen, die in der Solidaritätsbewegung in Polen aktiv gewesen seien. „Das passiert nicht, weil sie sich nicht beteiligt haben oder nicht aktiv waren, sondern weil das nicht dokumentiert wurde. Diese Nicht-Dokumentation geht bis heute weiter“, sagte die Preisträgerin. Zum Fall Handke äußerte sie sich nicht.

Protest gegen Peter Handke 

Aus Protest gegen den Literaturnobelpreis für den Schriftsteller boykottiert ein langjähriges Mitglied der Schwedischen Akademie die diesjährige Nobelwoche. „Peter Handkes Nobelpreis zu feiern, wäre von meiner Seite grobe Heuchelei. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe“, teilte Peter Englund der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter in einer E-Mail mit. Das Akademiemitglied wird deshalb diesmal an keinen Feierlichkeiten rund um die Literaturnobelpreisvergabe am Dienstag in Stockholm teilnehmen. Englund hatte in den 90er-Jahren als Reporter über den Balkankrieg berichtet. Er hatte sich dabei laut Dagens Nyheter deutlich gegen serbischen Nationalismus und das Vorgehen des serbischen Anführers Slobodan Milosevic ausgesprochen.