Berlin - Im Freibad liegen, Pommes essen, den Mayo-Klecks vom Badeanzug wischen, ins Becken springen und dann in der Hitze trocken – diese Sommerstunden am Pool waren als Kind herrlich, sie waren nicht zu lang, nicht zu kurz und fühlten sich so erholsam wie ein zweiwöchiger Italienurlaub an. Wobei wenn man als Kind zwei Wochen in Italien war, noch in der Regel vier Wochen frei hatte, die man woanders verbringen konnte. Sommerferien dauerten ewig.

Doch kaum dem Kinder- und Jugendalter entwachsen, gibt es selten noch einmal so viel Freizeit. Und wenn man sie hat, ist das Schlangestehen vor dem Bad plötzlich so viel länger, die Sonnenstunden nehmen zunehmend ab und selbst wenn man den halben Nachmittag den Bauch in die Sonne streckt, hat man das Gefühl, sich gerade erst hingelegt zu haben.

Stiehlt jemand die Zeit?

Dass die empfundene Zeit im Alter schneller vergeht, ist bereits wissenschaftlich nachgewiesen. In Zeiten, in denen sich alles nur noch um Homeoffice, Impftermine und Streaming-Angebote dreht, scheint sie allmählich zu verpuffen. Natürlich liegt das an den immer gleichen Tagesabläufen sowie den eingeschränkten Freizeitaktivitäten – auch wenn man glaubt, dass jemand wie in Michael Endes Jugendroman „Momo“ mit Sicherheit die Zeit stiehlt.

Ab dem 14. Juni haben wir nun noch genau 200 Tage, bis dieses Jahr vorbei ist, bis ein weiteres Corona-Jahr endet. Für ein Kind ist das so lange wie drei Jahre, unendlich viel Zeit; für Erwachsene fühlt es sich womöglich so an wie acht Stunden im Büro. 

Jetzt, da es Lockerungen gibt, müssen wir uns also die Stunden zurückholen. Sofern es Arbeits- und Abstandsgebote zulassen, mal früher aufstehen, um nicht irgendwo anzustehen, auch bei schlechtem Wetter mal kurz rausgehen, um Pommes mit Mayo zu essen. Etwas erleben. Vielleicht kommt so das Ferienfeeling von früher zurück. Das Gefühl, genug Zeit zu haben.