Berlin soll nach vierzig Jahren Debatte, gebrochenen politischen Versprechungen, immer neuen Planungsrunden sowie zwei gescheiterten Wettbewerben eine neue Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) erhalten, als Kern des Systems von etwa 80 öffentlichen Bezirks- und Stadtteilbibliotheken. Darüber besteht inzwischen über alle Parteigrenzen hinweg Einigkeit. Im Juni 2018 beschloss der Senat zudem, dass diese „Metropolenbibliothek“ an die 1954 eröffnete Amerika-Gedenkbibliothek angrenzend errichtet werden soll − und zwar bis Mitte der 2020er-Jahre. Aber Erfahrung gebietet Skepsis.

Auch deswegen hat der AIV, der Architekten- und Ingenieurs-Verein zu Berlin, seinen diesjährigen Schinkel-Wettbewerb dem Thema „Metropolenbibliothek“ gewidmet. Die Preisträgerarbeiten werden derzeit im Rathaus Kreuzberg ausgestellt. Es ist ein reiner Ideen- und Nachwuchswettbewerb, von dem nichts zur Ausführung gelangen wird. Doch die Hoffnung, dass neue Sichtweisen auf das Thema entstehen, wird voll erfüllt. Hier werden Ideen präsentiert, die bei so manchen Funktionalisten oder Nostalgikern Herzrasen verursachen dürften, aber auch die Bibliotheksfreunde irritieren sollten.

Öffentliche Bibliotheken sind heute Bildungszentren und Makerspaces

Eine öffentliche Bibliothek ist heute nicht mehr nur Medienspeicher und Lesesaal. Sie soll zugleich Kultur- und Bildungszentrum sein, Veranstaltungs- und Begegnungsort, aber auch „Makerspace“, in dem Nutzer Dinge herstellen. In Vancouver und Seattle, Helsinki, Aarhus, Birmingham, Manchester, Paris, Amsterdam oder Almeere sind solche Häuser längst selbstverständlicher Teil des urbanen Serviceangebots. Das ihnen entsprechende Berliner Raumprogramm mit etwa 60000 Quadratmetern kann, wie der Wettbewerb zeigt, durchaus bei der Amerika-Gedenkbibliothek untergebracht werden. Allerdings nur mit erheblichen Tiefbauten – die im Berliner Urstromtal immer kostentreibend sind! – oder mit einem Hochbau, der massiv aus dem Stadtkörper ragen würde.

Als das Programm für die Metropolenbibliothek Berlin um 2000 skizziert wurde, stand die westliche Welt gerade am Anfang der Bibliotheksbauwelle. Zentralisierung schien das Rezept zu sein, um dem Internetzeitalter und der Vereinzelung der Gesellschaft zu begegnen. Öffentlicher Bildungsraum ohne Kommerzdruck war neu zu etablieren. In der Berliner Lage mit den starken Bezirken und der bildungsignoranten Senatspolitik schien ein großer Neubau zudem politisch eher durchsetzbar zu sein als eine dezentrale Lösung.

Eine solche dezentrale Struktur aber ist etwa in New York oder jetzt in Helsinki entstanden. Dort gibt es zwar mit der grandiosen Public Library mitten in Manhattan und dem gerade eingeweihten Oodi nahe dem Hauptbahnhof von Helsinki auch Zentralstellen. Doch werden viele Funktionen wie etwa die beliebten Makerspaces in den Bezirksbibliotheken verteilt, die auch sonst die Nahversorgung übernehmen. Im Programm für die ZLB sind dagegen große Flächen für Nutzungen reserviert, die vor allem die Menschen aus der näheren Umgebung interessieren werden. Denn kaum jemand wird von Spandau oder Marzahn nach Kreuzberg fahren, um dort an einer Lerngruppe teilzunehmen oder den 3D-Drucker zu bedienen.

Ausgelagert sind in New York oder Helsinki auch Bibliotheken, die nur eine spezielle Klientel anziehen. In Berlin könnte das aus der Sicht der Nutzer etwa die bedeutende Theater- und Musikaliensammlung sein, vor allem aber das der Stadtgeschichte gewidmete Berlin-Zentrum. Warum sollte man solche Bestände nicht weiter in der Stadtbibliothek an der Breiten Straße lassen, in den Sälen und Räumen, die in den 60er-Jahren entstanden sind und für die es bisher keinerlei Zukunftskonzept gibt?

Aber vielleicht muss ja nicht alles an einem Platz untergebracht sein

Vielleicht könnten sie sogar vereinigt werden mit der Bibliothek des Berliner Stadtmuseums, die derzeit im Depot in Spandau verdämmert, und jenen Materialien, die unbeachtet in den Berliner Verwaltungen lagern? Damit entstünde eine öffentliche Forschungsbibliothek zur Stadtgeschichte, die ihresgleichen suchte – und die wertvollen Bauten hätten weiter eine adäquate Nutzung.

Angesichts dieser Entwürfe fragt man sich auch, ob die Verwaltungen direkt im Hauptbau der ZLB unterkommen müssen. Sie sind etwa in Helsinki zusammen mit den Hauptdepots in einem Vorort untergebracht – allerdings mit direktem S-Bahnanschluss nur eine Viertelstunde entfernt. Das ist zusammen mit der effizienten Transportorganisation für die Medien zwischen Zentraldepots und Bezirksbibliotheken – die es in Berlin bereits gibt! – eine Voraussetzung, damit der Kontakt zwischen Verwaltung und Nutzern nicht abreißt.

Das Konzept einer zentralen Hauptbibliothek für das große Berlin kann immer noch richtig sein. Doch angesichts der absehbaren stadtplanerischen Folgen muss darüber nach diesem Wettbewerb neu debattiert werden. Wobei eines klar ist: Billiger wird die neue Berlin-Bibliothek dadurch nicht. Die Stadt braucht all die Funktionen, die im bisherigen Konzept vorgesehen sind. Die Frage ist allein, ob sie alle zusammen in einem Haus und an einem Standort untergebracht werden müssen.