Echte Gefühle sehen anders aus.
Foto: imago/Rene Traut

BerlinEmojis mag ich nicht. Ich soll meine Emotionen ausdrücken mithilfe eines feststehenden Sets, das Millionen Menschen ebenso zur Verfügung steht!?!

Die ersten Emojis zeigten ein lächelndes oder trauriges Strichmännchengesicht. Damit verglichen sind die heutigen gewaltig weitergekommen, aber … Das Aber ist riesig. Außerdem wird heute Produktenttäuschung gleich mitgeliefert. Wenn ich dem System ein Foto meines Gesichts liefern kann, erwarte ich, dass es daraus etwas macht, statt mir mitzuteilen, in welche seiner paar Schubladen ich gehöre. Die von Apple mit seinen Memojis versprochene Personalisierung findet gerade nicht statt. Außerdem: Keiner der Anbieter hat den Sprung aus dem Kindchenschema gewagt. Ohne Kulleraugen geht zum Beispiel auch bei Bitmojis nichts.

Emojis der Zukunft?
Foto: BLZ/Mike Fröhling, Unicode, Apple, Bitmoji

Die ersten Emojis zeigten ein lächelndes oder trauriges Strichmännchengesicht. Damit verglichen sind die heutigen gewaltig weitergekommen, aber … Das Aber ist riesig. Außerdem wird heute Produktenttäuschung gleich mitgeliefert. Wenn ich dem System ein Foto meines Gesichts liefern kann, erwarte ich, dass es daraus etwas macht, statt mir mitzuteilen, in welche seiner paar Schubladen ich gehöre. Die von Apple mit seinen Memojis versprochene Personalisierung findet gerade nicht statt. Außerdem: Keiner der Anbieter hat den Sprung aus dem Kindchenschema gewagt. Ohne Kulleraugen geht zum Beispiel auch bei Bitmojis nichts.

Emojis nach Schablone.
Foto: BLZ / Mike Fröhling, Unicode, Apple, Bitmo

Natürlich gehört der Wechsel des Outfits, des Aussehens, das Ausprobieren neuer Rollen, für viele Mitglieder unserer Spezies zu den großen Vergnügungen. Das an sich selbst oder an einem Abbild durchzuspielen, war das Privileg der Künstler.

Erbärmliche Variationsbreite

Jetzt können wir es alle. Aber nur mit Schablone, will ich einwenden. Dabei weiß ich genau, dass auch Künstler mit Schablonen arbeiteten und arbeiten. Ja, die Natur selbst bedient sich ihrer. Aber verglichen mit der Variationsbreite allein in der Familie Widmann ist die Auswahl, die mir die Emoji-Palette bietet, erbärmlich.

Das Kindchen-Schema allerdings, dem die Emojis ihren Riesenerfolg bei den meisten und ihren radikalen Misserfolg bei mir verdanken, hat sich evolutionär offenbar extrem bewährt. Es gilt wohl mindestens säugetierweit. Es ist lächerlich, mich dagegen zu stemmen.

Als mein Sohn mal mit seinem Sohn, der war damals noch kein halbes Jahr alt, in die Redaktion kam, blickte ein Kollege in den Kinderwagen und sagte: „Hallo Arno!“ Er fand mein Enkel Carl sah aus wie ich. „Es ist nicht nur die Glatze“, sagte er. Kein Wunder, dass ich die Emojis, die aus mir ein Baby machen, nicht mag. Als ich ein Kind war, fragte mich meine Mutter, ob ich denn gerne noch ein Brüderchen oder Schwesterchen hätte. Ich war begeistert. „Sicher, eine ältere Schwester, das wäre toll!“

Siebzehnjährige mit Brigitte-Bardot Frisur

Wer auf entsprechenden Seiten sein Foto eingibt, bekommt neben dessen männlichen Emoji-Varianten auch die weiblichen eingespielt. Ich bin begeistert. Allerdings bastele ich mir nicht mit siebzigjähriger Verspätung eine ältere Schwester, sondern eine Siebzehnjährige mit der Brigitte-Bardot-Frisur, die damals auch ein paar meiner Klassenkameradinnen trugen. Peinlich.

Brigitte Bardon-Emoji.
Foto: BLZ/Mike Fröhling, Unicode, Apple, Bitmoji

Der Löwe – womöglich ist ein Tiger? – versteht sich von selbst. Astrologisch bin ich nämlich einer. Mein Horoskop für heute – für Sie, die Leserinnen und Leser also gestern – lautet: „Ihr bester Tag!“ Auch ein Emoji. Mehr kann auch ein Löwe nicht verlangen.

Tiger Emoji.
Foto: BLZ/Mike Fröhling, Unicode, Apple, Bitmoji

Das Exkrement mit Kindchenschema mag ich, weil es mich daran erinnert, dass wir alle – bestenfalls – wieder als Nahrungsmittel für andere Lebewesen enden werden. Außerdem las ich vergangene Nacht Ian McEwans jüngste Erzählung „The Cockroach“. In Kafkas „Die Verwandlung“ wurde aus einem Menschen ein Käfer. Bei Ian McEwan wird aus einer Kakerlake ein Mensch. Genauer gesagt: ein britischer Premierminister. Der erinnert sich, dass er schon kurz vor seiner Menschwerdung an einem Haufen Pferdemist angewidert vorbeiging.

Exkrement mit Kindchenschema.
Foto: BLZ / Mike Fröhlich, Unicode, Apple, Bitmo

Wo bleibt die Verwandlung ohne Schema?

Ich wäre ein begeisterter Nutzer einer App, mit deren Hilfe ich mein Äußeres radikal verändern könnte. Verwandlungen aller Art stünden auf meiner Wunschliste. Aber es müssten Verwandlungen sein, bei denen ich immer noch zu sehen wäre und nicht das Schema, das sich ein paar Leute irgendwo in einem Studio ausgedacht haben.

Im Neanderthalmuseum in Mettmann gibt es einen Fotoautomaten. Wer sich von ihm knipsen lässt, der bekommt ein Porträt, das zeigt, wie er oder sie als Neandertaler ausgesehen hätte. Also ein breiterer Unterkiefer, eine niedrigere Stirn. Man bleibt aber erkennbar. Gibt es keine App, die mir Vorschläge macht, wie ich als Albert Einstein, Zinédine Zidane, Madame Curie, Oprah Winfrey plus 5 000 andere Menschen und Tiere aussehe? Das würde mich mehr amüsieren als die ewig gleichen Kulleraugen. Wenn es dann noch eine App gäbe, auf der man das eigene und das Foto der Freundin in sehr unterschiedlichen Variationen kombinieren könnte …

In unseren Gefühlen zeigen wir uns. In Emojis werden wir versteckt.