Kaum ein Garten wurde in den letzten drei Jahren so viel fotografiert, gefilmt und beschrieben wie der Prinzessinnengarten am Moritzplatz. Über 200 Berichte wurden gedruckt und gesendet, von der New York Times bis zum russischen Fernsehen. Und das fußballfeldgroße Areal am ex-grenznahen Kreisverkehr in Kreuzberg hat ja auch viel zu bieten.

Lila Kartoffeln und pralle Kohlköpfe, Bechermalven vor Hochhäusern, Kiez-Teenies, Studenten, Familien oder Kulturschaffende mit Gemüse in der Hand. Musiker treten hier auf, Köche kochen für Gäste an langen Freiluft-Tafeln. Gleichgesinnte, ja ganze Delegationen aus aller Welt schlendern zwischen dicken Bohnen und Asiasalat umher. Fotos all dessen zirkulieren in Zeitungen, im Fernsehen, im Netz und bebildern Beiträge zum Trend-Thema Urban Gardening.

„Die machen gute Öffentlichkeitsarbeit“, heißt es da immer öfter anerkennend und ein bisschen skeptisch zugleich. Ein ähnliches Gefühl stellt sich ein, wenn man das reich bebilderte Buch über den Prinzessinnengarten aus der Klarsichthülle pellt. Es fühlt sich erst mal nicht an wie das Buch zum Garten, sondern eher wie das Buch zum Filmbeitrag, Artikel, zur Website – selbst wenn man schon öfter dort war.

Interessantes aus dem Gartenalltag

Fotos und Zeichnungen zeugen vom ästhetischen Wert des Gemüseanbaus, manche hat man schon öfter gesehen. Aber warum auch nicht? Kürbisblätter im Gegenlicht sind tatsächlich sehr schön und Gartenaktivistinnen mit Motörhead-T-Shirt, Kopftüchern oder Imkerhüten sowieso. Und die Texte zeigen, dass um mehr geht, als darum, in die Medien zu kommen.

Die ersten Kapitel werben für neue Formen der Gemeinschaft, des Essens, Lernens und der Stadtplanung, schauen zurück und nach vorn: Wir freuen uns über einen guerillagärtnernden Walter Momper, der 1984 am Moritzplatz eine Linde pflanzte, gruseln uns angesichts 60er-Jahre-Pläne eines Autobahnzubringers auf dem Moritzplatz. Und wir lesen, dass es heute nicht nur dort, sondern rund um den Globus Urban- Gardening-Projekte gibt.

Noch interessanter als der zweifellos erfreuliche politische Kontext des Projekts sind indes die Berichte aus dem Gartenalltag: Das Buch zeigt, wie Robert Shaw und Marco Clausen von der ersten Idee bis zum funktionierenden Projekt gelangten, erzählt von Ämtergängen, Mietverhandlungen, acht Bienenvölkern und dem Bau von Bar, Küche und Klos in Überseecontainern.

Wir erfahren, wie die Finanzen und Projekte des Gartens organisiert sind, was schiefging und was daraus gelernt wurde, erklärt wird übrigens auch, warum es meist von Prinzessinnengarten und manchmal von -gärten die Rede ist. Do-It-Yourself-Ideen werden anschaulich, Open-Source-Gedanken konkret, denn: „Der Garten funktioniert eigentlich wie Wikipedia.“ Irgendwer weiß immer, wie man Gemüse einkocht oder Wurmkompost gewinnt – und wenn nicht, wird gemeinsam recherchiert und ausprobiert.

Sieht lässig aus, ist aber viel Arbeit

Dass den Leuten vom Prinzessinnengarten der Kontrast zwischen „romantischem Bild“ und Realität durchaus bewusst ist, betont Robert Shaw. Er erzählt von herumliegenden Schaufeln, von Listen und Anträgen, vom tagtäglichen Umgang mit Helfer- und Besuchergruppen. Was so hip und lässig aussieht, bedeutet viel Arbeit, ein großes Maß an „Organisation und Kommunikation“. Und so lockt dieses Buch nicht nur mit Bildern eines fotogenen Idylls, sondern erdet mit Hinweisen auf die Mühe, die hinter all dem steckt. Und es verschweigt nicht, dass die Zukunft des Gartens ganz und gar ungesichert ist.

Der Charme, ja die visionäre Energie, die sich in diesem Projekt so überaus medienwirksam verdichtet, lässt sich vielleicht am besten mit zwei Sätzen Marco Clausens verstehen: „Der Prinzessinnengarten ist nicht aus einer Sehnsucht nach dem Land heraus entstanden. Vielleicht ist es umgekehrt eher eine Sehnsucht nach der Stadt, die diesen Garten hervorgebracht hat.“

Wer sich fragt, was das bedeutet, denkt automatisch über Städte, über ihren aktuellen Zustand und ihre Veränderbarkeit nach. Und darüber, dass sich Grün mit den Vorzügen urbaner Räume verträgt.

Neben solch Einsichten bietet das Buch Tipps fürs ganze Gartenjahr und Pflanzenporträts, dazu Rezepte von Köchen der Garten-Gastronomie. Es lehrt Nützliches, zum Beispiel über Kartoffelanbau in Reissäcken oder die genaue Füllung der mobilen Brotkisten-Beete. Um an die Informationen zu kommen, hätte ein Besuch vor Ort auch gereicht. Aber es ist gut, es zwischen zwei Buchdeckeln zu haben, zusammen mit Geschichten, die den Garten so wirklich wirken lassen, wie er tatsächlich ist. Und das hilft sicher auch Leuten weiter, die nicht mal eben hinradeln können.