Die Autorin Deniz Ohde ist für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert.
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Frankfurt am Main -Es stimmt etwas nicht, aber es wird gar nicht so viel darüber gesprochen. Die Erzählerin in Deniz Ohdes Roman „Streulicht“ wird mit latentem und virulentem Rassismus konfrontiert. Ihre Eltern haben nicht viel Geld, der Vater arbeitet im Industriepark, die Mutter putzt. Es sind die Neunzigerjahre. Die beste Freundin der Erzählerin sagt: „Das bildest du dir ein.“ Es gebe keine feindliche Umgebung. „Du nimmst die Dinge eben immer gleich persönlich“, sagt Sophia. „Jede Anfeindung“, schreibt die Erzählerin, „spielte sich zwischen den Zeilen ab und war immer schon wieder verschwunden, wenn ich sie ansprechen wollte.“

In der Schule kommt die Erzählerin nicht gut zurecht, ist schüchtern, der Lehrer übersieht sie bestenfalls. Die Eltern können ihr nicht helfen, nicht mit einem Schulranzen, nicht mit einem geregelten Tagesablauf, nicht mit Hobbys. Sophia hat einen Scout-Ranzen mit lauter Mädchennamen darauf (ihr eigener ist aber nicht dabei) und geht reiten. Es gibt Momente, in denen „Streulicht“ plakativ erscheinen mag, bis einem wieder einfällt, dass es die Dinge selbst sind, die plakativ erscheinen aber nicht nur. Wenn sich die Sommerferien nähern und die quasseligen Mädchen in der ersten Reihe „ihm zu laut über ihre Heimatländer sprachen“, sagte der Lehrer, „dass sie sich integrieren sollten“. Ja, darüber wird viel gesprochen.

Natürlich gibt es auch andere Leute. Die Erzählerin begegnet ihnen etwas spät, aber nicht zu spät. Da muss sie schon an der Abendschule einen zweiten Anlauf nehmen. Als die Lehrerin ihr vorschlägt, Abitur zu machen, sagt sie: „Muss man dafür nicht ein bestimmter Typ sein?“ – „Was für ein Typ soll das sein?“, fragt die Lehrerin zurück. Die Erzählerin hat jetzt ein Schülerabo der Zeit und die dazugehörige Tasche auch. Einmal sagt ein Mann, dem sie am Fahrkartenautomaten helfen kann: „Sie sind wohl Studentin?“

„Streulicht“ ist das Debüt der 1988 in Frankfurt am Main geborenen Deniz Ohde, die heute in Leipzig lebt und mit dem Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht. Ein markantes Buch in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur weil es prekäre Verhältnisse in einer besonders westlichen Biografie erzählt. Wenn wieder einmal merkwürdiger Schnee über der Gegend niedergegangen ist, gibt es Gutscheine für die Autowäsche: diese Art von Westen.

Auf eine Herkunft festgelegt

Der „Industriepark“ führt nach Höchst, die Kirche, in der 1996 eine psychisch kranke Frau während einer Christmette sich und andere mit einem Sprengsatz tötete, steht in Sindlingen – ein Ereignis, das die Vorstellungswelt des Kindes mitprägt. „Ob man sich in die Luft sprengt oder ob man geht, sehr leise geht, ohne das Licht hinter sich zu löschen – das schienen mir früher die beiden Möglichkeiten zu sein.“ Sehr leise geht die Mutter. Sie sei nicht gestorben, schreibt die Erzählerin, sie sei sehr leise gegangen.

Es ist eine merkwürdige Familie, vor allem väterlicherseits, wo Lethargie und krankhafter Kauf- und Aufhebedrang herrschen. Die Mutter versucht vergeblich gegenzusteuern. Sie kommt aus der Türkei, ihr Geburtsdatum kann sie nur schätzen und wenn sie von früher erzählt, kann sich die Tochter das so wenig vorstellen wie die Leserin. Die Tochter wird trotzdem auf eine Herkunft festgelegt, über die sie nichts weiß. Auch die Muttersprache der Mutter spricht sie nicht. Und sie bemüht sich um eine Tarnung. Es hilft ihr, dass sie ihren Vornamen etwas anders aussprechen kann und er dann nicht mehr auffällt. Deniz Ohde legt es nicht oft nahe, „Streulicht“ autobiografisch zu lesen, an solchen Stellen aber schon.

Identität, erklärt die Erzählerin einmal, sei ihr ausgetrieben worden, und sie wird sie im Verlauf des Buches auch nicht finden. Stattdessen macht sie Abitur. Nüchtern betrachtet, ist das sehr viel mehr wert, und nüchtern betrachtet die Erzählerin die Welt auch wirklich.

Eine Ruppigkeit liegt in dieser Nüchternheit, die sich auch sprachlich zeigt in einer Mischung aus unverzierter Direktheit und gelegentlich pathetischen Anwandlungen. „Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt.“

Nicht alle Bilder in diesem Buch sitzen, aber das stört nicht, im Gegenteil. Der erste Satz von „Streulicht“  ist von trotziger Schiefheit: „Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt.“ Und der letzte Satz des Buches soll vielleicht ein Trost sein, wirkt tatsächlich aber eher bedrohlich: „Wenn’s nichts wird, kommst wieder heim.“

Deniz Ohde: Streulicht. Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2020. 285 Seiten, 22 Euro