Bis alle im HAU2 ihren Platz gefunden haben, dauert es. Ganz normaler Vorgang, nur diesmal scheint er kein Ende zu nehmen. Scheint, denn die vier Performer der norwegischen Truppe Verk Produksjoner stehen längst auf der Bühne und schauen den Eintretenden zu. Lässig stehen sie an das Podest gelehnt, das später eine zweite Bühne für sie sein wird, und warten.

Und schauen. Irgendwann sitzt jeder, doch das Warten geht weiter. Und das Schauen. Ruhig wird es, Zeit vergeht und man merkt, wie der Zeitlauf selbst immer langsamer wird, wie die Zeit stehen bleibt. Irgendwann nimmt man sich dann selbst die überflüssig gewordene Zeit und versucht auf eigene Faust, die eigenartige Bühne zu begreifen. Aber schnell merkt man: Auch sie erschließt sich erst im Schneckentempolauf dieses Abends, den man Traumtheater nennen könnte, wäre er nicht auch so realistisch.

Da ist also das Podest, über das längs eine Brechtgardinenschnur gezogen ist, an der bunte Fetzen, eine Narrenkappe, ein Tigertuch, ein alter Geier und eine Gummifledermaus hängen. Wie eine Kindertheaterbühne sieht das aus oder ein fantastischer Zirkus, denn auch die Performer ähneln viel eher Artisten. Zudem wird der Bühnenraum nach hinten erst richtig groß: Ein riesiger, geschwungener Seidenvorhang verdeckt die Rückwand und gibt sie zugleich als Durchgang aus. Drei Riesenmobiles hängen davor und drehen sich langsam durch den Raum – eher fegen sie in Zeitlupe durch die Luft, denn seltsame Lamellen hängen an ihnen, die etwas von Staubfängern haben, zugleich auch von Augenwimpern. An den anderen Enden der Mobilearme hängen komische Gebilde, Puppen- und Tierköpfe. Ja, zu allererst geht es hier um das Sehen. Dann ums Erinnern und darum, wie beides einander formt.

Durch die verbotene Zone

Erinnert wird an diesem Abend der Film „Stalker“, den Andrej Tarkowski 1978 drehte. Wer ihn gesehen hat, wird seine rätselhafte Sogkraft, die gedankenreiche Leere im Gedächtnis haben, allerdings Schwierigkeiten kriegen, wenn er sagen sollte, worum es darin eigentlich ging. Es gibt eine verbotene „Zone“ im Film, drei Männer werden sie vorsichtig durchwandern, denn sie verändert sich mit jedem Schritt. In ihr liegt ein Raum, in dem Wünsche in Erfüllung gehen sollen, doch er wird nie betreten.

Die Zone darum herum bleibt Zentrum und Ziel der Reise: Es ist eine Reise ins Bewusstsein der Reisenden selbst. Ähnlich funktioniert auch dieser rätselhafte Theaterabend, für den Verk Menschen nach ihren Erinnerungen an den Film befragte. Und stückweise berichten sie davon in ihrer Realtraumkulisse: Konkretes vermischt sich mit abstrakten Eindrücken, geschichtliche Einordnungen mit banalen, persönlichen Momenten. Und ganz langsam wird der Raum zur Zeit und die Zeit wird Raum in diesem spröden, traumwandlerischen Gedächtnistheater.

„Stalker“, mit dem das fünfte Nordwind-Festival am Mittwochabend eröffnet wurde, ist eine ebenso inspirierende wie fordernde Einübung in Konzentration; wer sich darauf einließ, dem öffnete sich ein Riesenreich der Assoziationen. In jedem Fall ein Kontrastprogramm zu den schrillen Eröffnungen der beiden Vorgänger-Ausgaben 2009 und 2011, mit denen das Nordwind als Ausgrabungsort der wildesten, ungeahntesten Entdeckungen berühmt wurde: Damals hob Festivalleiterin Ricarda Ciontos Vegard Vinge aus der Taufe und dessen übervolles Ibsen-Schlachthaus.

Erdbeben dieser Art können Verk Produksjoner nicht bieten, aber sie zeigen schön, wie viel es in der skandinavischen Theaterszene noch zu entdecken gibt. In diesem Jahr werden an 12 Tagen 15 Produktionen gezeigt, erstmals sind Künstler aus dem Baltikum dabei, und neben Berlin wird auch Dresden und Hamburg bespielt. Beständige Ausweitung ist angestrebt, wie gut die dem Entdeckergeist tut, wird sich zeigen.

HAU, bis 8. 12., www.nordwind-festival.de