Die Verfilmung von „Normal People“: Marianne wird gespielt von Daisy Edgar-Jones, Connell von Paul Mescal.
Foto: Element Pictures/Enda Bowe

BerlinEs war einer dieser langen Corona-Tage, in denen die einzige Zerstreuung aus Spaziergängen bestand. Einer ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, als mir nämlich eine Freundin (Anfang 30) von einem Buch erzählte, das ihre Sicht auf Sexualität vollkommen revolutioniert habe: Sally Rooneys „Normal People“. Die BBC hat den Weltbestseller in eine zwölfteilige Serie verwandelt, jetzt läuft sie auch in Deutschland. Die 29-jährige Autorin hat am Drehbuch selbst mitgewirkt, was der Grund sein mag, warum so viele Rooney-Fans die Adaption für derart gelungen halten. Meine Begleitung tat das auch. 

Als ich um eine Inhaltsangabe bat und anschließend hörte, dass es eigentlich um eine Liebesgeschichte geht – ganz klassisch: boy meets girl –, fiel es mir schwer, nachzuvollziehen, warum sich eine ganze Generation von Frauen zwischen 25 und 35 Jahren von diesem Stoff so stark angesprochen fühlt (und alle Instagram-Kanäle mit Rooney-Huldigungen verstopft). Nach längerer Überlegung sagte meine Begleiterin: „Die meisten Hollywood-Filme folgen einem alten Klischee: Zwei Menschen lernen sich kennen, küssen sich, verlieben sich, haben unmotivierten Sex. Bei Sally Rooney ist das anders. Sie hat einen weiblichen Blick und zeigt, wie Anziehung entsteht, wie zwei Menschen sich verlieben, warum sie miteinander Sex haben. So etwas gab es noch nie.“

Widersprüche beim Sex

Das machte mich neugierig. Was kann ich als Mann von dieser Serie lernen? Ich nahm mir ein paar Tage Zeit, um erst den Roman zu lesen und dann die Serie anzuschauen. Was soll ich sagen: Der Plot ist simpel und kann den Erfolg kaum erklären. Die Geschichte spielt in einer irischen Kleinstadt. Marianne ist ein Mädchen aus gutem Hause, das in der Schule als Außenseiterin gilt. Ihr Gegenpart ist Connell, der nicht nur beliebt und sportlich ist, sondern auch ziemlich clever, wenngleich er einen proletarischen Hintergrund hat. Nach der ersten Begegnung beginnen die beiden Teenager eine Affäre, in der sie sich sexuell ausleben und entdecken. Doch schnell wird es holprig: Die Lust führt sie zusammen, die Unterschiede bringen sie wieder auseinander.

Nach und nach versteht man die Faszination dieser Geschichte. Plötzlich zeigt sich, welche Kräfte die beiden überwinden müssen, um sich anzunähern – es sind die Kräfte des Patriarchats. Connell ist zwar sensibel und intelligent, dennoch inszeniert er sich als starker Kerl. Bei Marianne fühlt er sich geborgen – und doch traut er sich nicht, sie seinen Kumpels als Freundin vorzustellen. Marianne wiederum will Connell in ein Literaturstudium drängen, damit er vorzeigbar wird für die höheren Kreise. Das ändert nichts daran, dass sie sich angezogen fühlt von Connells Selbstbewusstsein, seiner Beliebtheit, seinem archaischen Trotz. Dieser Widerspruch wird später noch eine wichtige Rolle spielen. 

Der Spaß am Schmerz

Es sind die authentischen und fein pointierten Dialoge, die nicht nur den Roman, sondern auch die Serie so anziehend machen. Die On-and-Off-Beziehung zwischen Marianne (Daisy Edgar-Jones) und Connell (Paul Mescal), die sich von der Highschool bis ins Studium erstreckt, wirkt wie ein Schlitterkurs in moderner Intimität. Die beiden Protagonisten wollen einander, doch die patriarchalen Kräfte hemmen sie dabei. Vor allem im Sex kommen sie einander nah. Connell kann sich unsicher und sensibel zeigen und all seine Widersprüche offenbaren, während Marianne diese Widersprüche geradezu einfordert. Trotz ihrer Klug- und Emanzipiertheit entdeckt sie ihr devotes Begehren, die Lust an der Erniedrigung, den Spaß am Schmerz.

Als Marianne zu studieren beginnt und sich vom Mauerblümchen zur coolen Vorzeige-Studentin mausert, beginnt sie eine Beziehung zu Jamie, einem Konservativen, der ihr beim Sex immer ins Gesicht schlägt. Jamie ist als amouröse Zwischenlösung eine ideale Versuchsperson. Ohne es bewusst zu genießen, muss sich Marianne eingestehen, dass Jamies ruppige Art sie jedes Mal zum Orgasmus bringt. Als wären Geist und Körper voneinander entkoppelt, als würde das Begehren verschlungene Wegen gehen, die Marianne intellektuell nicht zu durchdringen vermag. 

Eine Erotik der Grauzonen

Sally Rooney beleuchtet die komplexen Verwicklungen zweier Liebender, als würde sie einer magischen Anziehungskraft auf der Spur sein. Neben den Geschlechterrollen stehen den Protagonisten die digitalen Kommunikationsformen im Weg. Marianne und Connell sind voll vernetzt und doch schreiben sie aneinander vorbei. Auch das Klassenbewusstsein ist ein Problem. Connell ist arm, Marianne reich. Die größte aller Aufgaben besteht also darin, die gesellschaftlich vorherbestimmten Rollen abzuschütteln und neu auszufüllen.

Und nun zur wichtigsten Frage: Warum wirkt der Sex in dieser Serie der Regisseure Lenny Abrahamson und Hettie MacDonald so ungeheuerlich intim? Die Antwort liegt in der Verletzlichkeit, für die sich beide Protagonisten öffnen. Die Blicke, die Annäherungen, die mal zarten Berührungen, mal harten Griffe und die langen Kamerafahrten lassen Raum für eine Erotik, die ich im Fernsehen selten so nuanciert gesehen habe. Dabei merkt man, dass unsere toxische Verklemmtheit im Sex inbesondere auf einem Gebaren basiert, das die Porno- und Hollywood-Industrie vermittelt – mechanisch, technisch, schnell. Bei „Normale Leute“ hingegen wird eine Erotik geprobt, die sich den Grauzonen öffnet. Wer hätte gedacht, dass das so sexy ist.

„Normal People“ hat 12 Episoden à 30 Minuten und läuft bei StarzPlay. Der Roman „Normal People“ ist auf Englisch erschienen, erscheint aber auch auf Deutsch unter dem Titel „Normale Menschen“ am 17. August 2020 im Luchterhand-Verlag.