Gelechzt wird im deutschen Feuilleton nach den Sätzen des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård. Sie machten süchtig, entwickelten einen Sog, die FAZ spricht gar von der Hingabe, die sie forderten. Andere schreiben von ihrer hypnotischen Kraft, nennen Knausgård den neuen Proust, die Begeisterung eine Epidemie, ein Fieber, Knausomanie. In dieser Zeitung hieß es im März 2014: „Die Macht von Knausgårds Prosa besteht darin, dass wir uns immer auch großen Fragen stellen müssen: Was ist Tod? Erinnerung? Arbeit? Liebe?“ Der Mann, in aller seiner Zerfurchtheit schön wie ein Modell für Herrenparfüm, ist dabei, zum gefeiertsten Schriftsteller unserer Zeit zu werden, einer der den Literaturbetrieb für sich einnimmt, dem aber auch die Leser in Scharen zulaufen.

Auf Norwegisch „Mein Kampf“

Dieser Tage ist der fünfte von sechs Bänden seines autobiografischen Romangroßprojekts auf Deutsch erschienen, „Träumen“. Im Original tragen die sechs Bände den Titel„Min Kamp“, niedergeschrieben hat Knausgård die insgesamt 3 500 Seiten in nur drei Jahren. In „Träumen“ beschreibt er, wie er das gemacht hat: Tag für Tag tue er das Gleiche, um keine Energie für etwas neben dem Schreiben zu verschwenden. „Was an einem Tag drei Seiten waren, wurden in hundert Tagen zu dreihundert Seiten, in einem Jahr zu tausend.“ Ein Schwabe könnte es nicht besser sagen.

Was ist bloß das Geheimnis dieses Erfolgs? Denn außerordentlich ist es ja nicht, das Leben des Mannes aus bürgerlichen Verhältnissen, Jahrgang 1968. Wer seine Bücher gelesen hat, weiß es schon: Knausgård ist Sohn eines Lehrers und einer Krankenschwester, er wuchs mit seinem älteren Bruder Yngve auf der Insel Tromoy auf, studierte an der Akademie für Dichtkunst in Bergen, lebt heute mit seiner Frau, der schwedischen Schriftstellerin Linda Boström Knausgård und ihren vier Kindern in Schweden.

Knausgård beschreibt das, was alle mehr oder weniger kennen, auch wenn nicht jeder einen alles beherrschenden Vater hat, der Alkoholiker wird. Den ersten Rausch, die erste Liebe, die erste Ehe, Jobs, Liebschaften, Ehekrise, Trennung, zweite Ehe, Kinder. Kaum ein Kritiker, der nicht die seitenlange Beschreibung eines langweiligen Kindergeburtstags in „Leben“ erwähnt. Denn Knausgård filtert nicht die Höhepunkte heraus, im Gegenteil. Er unterschlägt kein Bier, kein Zigarette, keine Windel, die er einem seiner Kinder wechseln muss. „Keiner hat Leben und Schrift derart zur Deckung gebracht“, rühmt ein Literaturkritiker der Zeit, der ihm ebenfalls verfallen ist. Zu der Beschreibung des banalen Alltags passt Knausgårds Stil. Er ist kunstlos, verzichtet auf jede literarische Überhöhung. Was ist bloß so toll daran?

Ist es der Authentizitätseffekt, die Entschleunigung, die durch die Lektüre eintritt, wie manche behaupten? Oder besteht der Reiz der Lektüre in den gewöhnlichen Geheimnissen der Leser, die sich mit ihm identifizieren können? Daran wird etwas sein, hat man Knausgård doch kürzlich sogar in einer Beziehungsratgeber-Kolumne zitiert gefunden, in dem es um den richtigen Zeitpunkt zum Kinderkriegen ging.

Derartige Hypes können auch Misstrauen, ja Ablehnung erzeugen. Doch es ist an all dem Lob auch Wahres. Nur die Superlative lassen einen vielleicht etwas anderes erwarten, als das, was man von Knausgård bekommt. Es ist kein Feuerwerk. Seine Bücher zu lesen ist wie einzutauchen in einen ruhigen Fluss. Dazu trägt auch die Monumentalität dieses Werks bei. Es ist etwas ganz anderes, sich auf ein Buch mit 800 Seiten einzulassen, von dem man noch dazu weiß, dass es zu einer Serie gehört, als auf einen schmalen 300-Seiten-Band. Anfangs denkt man noch, man könne Knausgård ja wieder aus der Hand legen. Tut man aber nicht.

Eine leicht konsumierbare Droge

Man würde jetzt gerne ein paar Sätze zitieren, um einen Eindruck zu vermitteln, aber solche Sätze gibt es nicht. Man muss ein paar Seiten lesen, am besten gleich fünfzig, um zu verstehen, worin Knausgårds Wirkung besteht. Knausgårds Wirkung! Das klingt ja, als spreche man von einer Droge. Es ist jedenfalls eine, die sich leicht konsumiert, die einem nichts abverlangt, außer Zeit. Die Seiten drehen sich um wie von selbst, so als läse man einen Krimi, dabei ist doch gar nichts Spannendes daran.

Doch Knausgårds kindliche Offenherzigkeit, seine Arglosigkeit nehmen einen ein. Er schont sich nicht, beschreibt Tiefschläge, Unsicherheiten. Etwa wie er sich auf dem Kneipen-Klo mit der Scherbe einer Bierflasche ins Gesicht ritzt, weil draußen sich der Bruder so gut mit seiner neuen Freundin versteht. Die erste hat er ihm ja auch schon ausgespannt. Oder wie er in „Sterben“, dem ersten Band, die Bierflaschen für die Silvester-Party unter Mühen und unter Anwendung von allerlei Tricks im Schnee versteckt, damit die Eltern nichts mitkriegen. Und wie er versucht, beim Trampen jemanden zu finden, der ihn auf die Fähre schmuggelt, für die ihm das Geld fehlt. Er erzählt die Geschichte nämlich nicht als Abenteuer, sondern als Demutslektion. Was hat er bisher schlecht über die dicken Truck-Fahrer gedacht. Das gefällt einem deshalb so gut, weil es eine Erholung in diesen Zeiten der optimierten Selbstdarstellung bietet.