"Not that kind of girl" von Lena Dunham: Was man von Lena Dunham lernt

Lena Dunham ist 28 Jahre alt und ein Multitalent. Seit zwei Jahren ist sie als Produzentin, Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin der US-Fernsehserie „Girls“ erfolgreich. Die New York Times verglich sie mit J.D.Salinger, das Time Magazine ernannte sie 2012 zur „coolest person of the year“. „Girls“ dreht sich um das Leben vierer junger New Yorker Frauen in den Mittzwanzigern, die auf der Suche sind nach dem richtigen Job, dem richtigen Mann und vor allem nach sich selbst. Die Serie ist deshalb so beliebt, weil Hauptdarstellerin Dunham darin mit allen gängigen Idealen und Klischees von Schönheit und Sex bricht.

Ihre Figur der Hannah Horvath ist pummelig, ungeschminkt, unvorteilhaft gekleidet und sie zeigt ihren tätowierten Körper gerne und fast in jeder Folge nackt. Sie ist arbeitslos, fühlt sich als Schriftstellerin unterschätzt, hat einen sexuell sonderbar veranlagten Freund und ist übertrieben egozentrisch. Mit ihrem Buch „Not that kind of girl – Was ich im Leben so gelernt habe“, einer Mischung aus Autobiografie und Ratgeber, bestätigt Lena Dunham nun die Vermutung, dass zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen ihr und ihrer Protagonistin Hannah bestehen.

Dunhams rohe Direkheit

Auf 300 Seiten, eingeteilt in Kapitel wie „Liebe und Sex“, „Körper“, „Freundschaft“ und „Arbeit“ schreibt Dunham über ihre Kindheit in einer Künstlerfamilie, ihre Schuljahre als missverstandene Außenseiterin, ihre wilde Jugend auf einem liberalen College und die Anfänge von „Girls“. Sie teilt die Weisheiten ihrer Mutter mit („Warum $200 die Woche für einen Therapeuten ausgeben, wenn du $150 im Jahr für einen Hellseher ausgeben kannst?“) und die ihres Vaters („Gefühle im Suff sind keine echten Gefühle“) und sie gibt Ratschläge wie: „Wenn jemand dir zeigt, wie wenig du ihm bedeutest, und du immer zu ihm zurückkehrst, und es noch mal probieren willst, fängst du über kurz oder lang an, dir selbst weniger zu bedeuten“.

Das klingt nach Mädchenmainstream, doch Dunham erzählt mit derselben rohen Direktheit, die man schon an ihrer Serie schätzt. Kritiker werden ihr wieder den Vorwurf des over-sharing machen, spart sie doch nicht an intimsten Details („Mein Vater ist ein echt netter Kerl, und trotzdem hatte ich mein Leben lang Fantasien, in denen das Bestraftwerden eine angenehme Rolle spielte“).

Viel dreht sich in ihrem Buch, wie schon in ihrer Serie, um (ungeschönten) Sex. Über die zahlreichen (miserablen) Erlebnisse möchte man einerseits dank Dunhams gnadenloser Selbstironie lachen, andererseits sind sie in ihrer Schilderung so nüchtern, fast schon schmerzhaft lieblos, dass jedes Lachen vergeht. Dann beispielsweise, wenn der Auserwählte kurz vorm Akt aussieht, als bereite er sich darauf vor, „etwas zu essen, das ihm nicht schmeckt“. Oder wenn eine Studentenparty zwischen Alkohol und Drogenkonsum in eine regelrechte Vergewaltigung ausartet. An solchen Stellen zeigt sich die Ernsthaftigkeit, die sich neben all dem sarkastischen Witz durch das Buch zieht und im letzten Kapitel, „Das große Ganze“, gipfelt, in dem Dunham ihre Zwangsstörungen thematisiert, unter denen sie seit ihrer Kindheit bis heute leidet.

Wahnhafte Beschäftigung mit dem Tod

Man erinnert sich an die verstörenden Szenen der zweiten Girls-Staffel, in denen Hannah sich hilflos vor sich selbst in zwanghaftem Verhalten ein Wattestäbchen ins Trommelfell rammt. Dunham ist keine Dramaqueen, die meint, ein bisschen Psychoquatsch gehöre zum heutigen Lifestyle der Mittzwanziger eben dazu. Zwar lockert sie das Kapitel auf, beispielsweise mit einer humorvollen Liste der Krankheiten, vor denen sie Angst hat („Schon mal von Mandelsteinen gehört?“). Doch die Schilderungen dissoziativer Zustände und ihrer wahnhaften Beschäftigung mit dem Tod lassen keinen Zweifel an der Schwere dieser psychischen Lasten. Sie haben Dunham früh dazu gezwungen, sich intensiv mit sich selbst auseinanderzusetzen. Aus dieser fast egozentrischen Beschäftigung mit sich selbst entsteht eine Fähigkeit zur Reflexion, die Voraussetzung ist für die Ironie und den nüchternen Humor, mit dem Dunham ihr bisheriges Leben beleuchtet.

Dadurch erfährt man sehr viel über die Lena der Vergangenheit – leider aber nur wenig über die prominente Lena der Gegenwart. Man wüsste gerne, wie sie mit Zwangsstörungen in ihrem Arbeitsalltag umgeht. Und man würde gerne noch mehr über die „Lichträuber“ erfahren, jene semi-erfolgreichen männlichen Hollywood-Sexisten, die sich nur für die junge Nachwuchsregisseurin interessieren bis ihnen klar wird, dass Dunham „niemandes Schützling, Schoßhündchen, persönlicher Fanclub oder Begleitperson“ werden möchte.

Der steinige Weg zur Selbstverwirklichung

Wie Hannah ist auch Lena Dunham objektiv gesehen keine durchschnittliche Mittzwanzigerin. Doch was sie mit vielen ihrer vor allem weiblichen Altersgenossen gemeinsam hat, ist die Erfahrung, in einer eigentlich wohlbehüteten westlichen Welt aufgewachsen zu sein, in der keine existenziellen Nöte den Weg zur Selbstverwirklichung behindern und man deshalb umso mehr nach dieser streben und gleichzeitig vielen abstrusen Idealen von Schönheit, Sex und Glück gerecht werden muss. Sie kennt die Unsicherheit, die sich einstellt, wenn zu viele Türen offen stehen und den Konflikt zwischen weiblicher Selbstbehauptung und einem immer überall lauernden Sexismus.

Sie sagt ihre Meinung dazu und sie sagt sie laut, ehrlich und direkt. Daher rührt ihr Erfolg, deshalb gilt sie als Ikone eines modernen Feminismus und deshalb hat man ihr nur schwer verziehen, dass sie sich Anfang des Jahres ihre Ecken und Kanten für das Cover der Vogue wegretuschieren ließ. Man muss hoffen, dass ihre Authentizität angesichts des massiven Erfolgs nicht zu einer Inszenierung wird. Dass sie bleibt, was Hannah schon in der ersten Folge „Girls“ zu sein behauptet und als das die Medien auch Lena Dunham immer wieder bezeichnen: eine Stimme ihrer Generation.

Lena Dunham: Not that kind of girl. Übersetzt von Sophie Zeitz,Tobias Schnettler. Fischer, Frankfurt 2014. 303 S., 20 Euro.