So sah Pop anno 1969 im DDR-Fernsehen aus: Auf dem Podium spielt eine Beatband in adretten Anzügen, ein Pappschild behauptet, dass die „Notenbank“ eine „Sendung für junge Leute, deren Kinder und Eltern“ sein will. Doch wie jung können Leute sein, deren Kinder schon dieselbe Musik wie ihre Eltern hören sollen – nebst den Großeltern?

Bernd Maywald, damals Regisseur beim DDR-Fernsehen und Initiator der Sendung, hat eine einfache Erklärung parat: Die erste Sendung sei noch ein Testballon gewesen und das Publikum bewusst weitgefasst gewesen. Die folgenden Ausgaben aber hätten sich klar an eine Zielgruppe zwischen 18 und 25 Jahren gewandt. Heute ist Maywald stolz auf seine Pionierleistung. Als „erste Deutsch-Rock-Sendung im Fernsehen“ wird die „Notenbank“ auf einer „Best Of“-DVD beworben, die gerade im Label Schechzehnzehn erschienen ist.

Die Vorgabe, ausschließlich deutsch zu singen, war keine extra Anordnung „von oben“, sondern im DDR-Staatsfernsehen selbstverständlich. Auch Bernd Maywald, selbst parteilos, setzte auf Deutschrock „aus lyrischen Gründen“, aber auch, um sich vom „Beatclub“ des Westens abzusetzen. Schon einige Jahre zuvor hatte der begeisterte Amateurfilmer den Beat des Ostens mit einer selbst gebastelten Kombination aus Schmalfilmkamera und Tonband eingefangen. Seine Aufnahmen des „Diana-Show-Quartetts“ (mit dem blutjungen Achim Mentzel als Sänger), die die DVD als Bonus zeigt, schrieben Filmgeschichte: Erst kürzlich führte das Kino Arsenal Maywalds Filme aus den 60ern vor.

Zu lange Haare bei der Pilotsendung

Dass die Produktion einer Fernsehsendung anderen Regeln folgte als ein privater Schmalfilmdreh, musste Maywald bald erfahren. Die Aufnahme der Pilotsendung in Rauchfangswerder musste komplett wiederholt werden: Einziger Grund: Die Haare des männlichen Publikums waren zu lang! Deshalb tanzten beim zweiten Anlauf adrett frisierte Lehrlinge des Fernsehfunks und der Studiotechnik durch das Studio in Adlershof.

Noch schwerer hatte es die zweite Sendung der „Notenbank“. Die in der Fernsehzeitung groß angekündigte Sendung wurde im Februar 1970 wenige Stunden vor Ausstrahlung von einem neuen, weniger beatbegeisterten Chef aus dem Programm genommen. Diesmal lautete der Vorwurf: Das DDR-Fernsehen zeige keine „Kellerkinder“. Dabei war die Show sogar in hauseigenen Räumen aufgezeichnet worden – im Keller des Hallenser Fernsehtheaters Moritzburg. Nach Protesten, sogar von NVA-Einheiten, und diversen Beratungen, lief die Sendung dann einfach im Dezember 1970 – in der originalen Fassung.

Wer sich heute die Aufnahmen ansieht, kann die Aufregung kaum verstehen. Legendäre Bands wie das Joco-Dev-Sextett geben sich im Hallenser Fernsehgewölbe gezähmt. Die Lieder, gesungen unter anderem vom Jungschauspieler Henry Hübchen, sind meist Schlager mit Gitarrenbegleitung. Auffällig ist allerdings, dass die Bands nicht wie Showstars in Szene gesetzt worden. Gefilmt wurde mit einer einzigen Handkamera, die wie bei einer Reportage durchs Publikum lief. Manche Titel kommen ohne einen Schnitt aus – was eine sorgfältige Vorbereitung erforderte. Einen Tag lang wurde geprobt, einen Tag lang aufgenommen, erinnert sich Maywald. Die Titel waren zuvor im Rundfunkstudio in der Nalepastraße produziert worden und ertönten zur Aufnahme aus den Verstärkern.

Vorwurf der Dekadenz

Viele Bands machten für die „Notenbank“ ihre allerersten Aufnahmen, manche hatte nicht mal einen deutschen Text parat. Hier sprang kurzerhand Regisseur Maywald ein, der sich nebenbei zu einem gefragten Texter entwickelte. Von ihm stammen auch die expressiven Zeilen des „Stapellaufs“. Auf der DVD preist Maywald den „Stapellauf“ als „ersten Deutschrock-Titel aller Zeiten“ an. Er war zwar, wegen des Vorwurfs der Dekadenz, aus der Fernsehsendung herausgeschnitten worden, entwickelte sich aber im Radio und auf Platte zum Hit und ist nun auf der DVD enthalten. Maywald hatte von all seinen Sendungen eigene Kopien aufbewahrt.

Bands wie die Joco-Dev, die Puhdys, Electra oder Bayon hoben sich in der „Notenbank“ tatsächlich vom Schlagerbeat ab – heute würde man Songs wie „Türen öffnen sich zur Stadt“ mit etwas guten Willen als Prog-Rock einstufen. Dass der Auftritt der Puhdys ausgerechnet in der FDJ-Hochschule am Bogensee aufgezeichnet wurde, war laut Maywald keineswegs Anpassung, sondern gab den Bands einen gewissen Schutz gegenüber Parteifunktionären in der Provinz. Überhaupt erklärt er heute stolz, keine inhaltlichen Kompromisse eingegangen zu sein – er habe mitunter nur Ideologen den Wind aus den Segeln nehmen müssen. Auch wenn die „Notenbank“ bis 1972 nur auf acht Ausgaben kam, sieht Bernd Maywald seine Mission, den deutschsprachigen Rock ins Fernsehen zu bringen und junge Bands zu fördern, als vollauf erfüllt an. DDR-Rock etablierte sich im Fernsehen – solange er bestimmte Grenzen nicht überschritt. Die Haare der Rockfans durften aber schon längst etwas länger wehen.

Die DVD „Das Beste aus der Notenbank“ ist im Label Sechzehnzehn erschienen, Laufzeit 100 Minuten