Berlin - Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat wieder einmal alle überrascht: Am frühen Abend des vergangenen Donnerstags gab sie bekannt, dass der Historiker Raphael Gross neuer Präsident des Deutschen Historischen Museums (DHM) werden soll. Das habe, hieß es aus dem Bundeskanzleramt, eine fünfköpfige Findungskommission des DHM-Stiftungsrats empfohlen. Die Entscheidung soll nicht zuletzt die im Frühsommer beendete desaströse Amtszeit von Alexander Koch vergessen machen.

Koch war 2011 mit vielen Vorschusslorbeeren als Reformer aus dem Historischen Museum der Pfalz in Speyer ans Berliner DHM berufen worden. Er sollte die Dauerausstellung aktualisieren, den Apparat modernisieren und populäre Sonderausstellungen veranstalten. Doch im Berliner Kulturbetrieb galt Koch schnell als leichtgewichtig und zu konservativ.

Komplizierte Akzeptanz deutscher Geschichte

Er festigte diesen Ruf mit einem bald wieder beerdigten neuen „Leitbild“ des DHM, das als Rückfall in eine nationale Geschichtsdarstellung interpretiert wurde. Dabei ist das DHM seit seiner Gründung 1987 stolz darauf, deutsche Geschichte als Teil der europäischen zu betrachten. Vor allem aber überwarf Koch sich mit vielen seiner Mitarbeiter. Sie beklagten einen auf Druck sowie Spaltung statt auf Kommunikation setzenden Führungsstil; auch übernehme Koch zu viele Projekte aus anderen Museen und beachte die Möglichkeiten des DHM zu wenig.

Das Haus, neben dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg das bedeutendste kulturhistorische Museum Deutschlands, verlor zusehends an Bedeutung. Im vergangenen Frühjahr kam es zum Rauswurf Kochs, der demotivierte, zerstrittene Mitarbeiter hinterließ und ein Museum, das nach seiner Position sucht.

Denn das DHM muss bald mit dem Weltblick im Humboldtforum konkurrieren und mit der Museumsinsel, wo Alt-Ägypten, Vorderasien, westliche Antike, Mittelalter und Renaissance für all das stehen, was das europäische Bürgertum als genuines Erbe betrachtet. Neben dem Zeughaus zeigt zudem das Mahnmal in der Neuen Wache die komplizierte Akzeptanz deutscher Geschichte.

50 Millionen Euro teures Um- und Neubauprogramm

Raphael Gross soll diesen Berg von Problemen nun „mit ruhiger Hand“ auflösen, wie Monika Grütters verlautbaren ließ. Unter 30 Bewerbern sei er ausgewählt worden, wird stolz mitgeteilt – man wüsste zu gern, wer seine Konkurrenten waren. Gross, seit 2015 Leiter des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig, hat jedenfalls eine Bilderbuchkarriere hinter sich. Er studierte Geschichte, Philosophie und Literatur in Zürich, Berlin, Bielefeld und Cambridge. 1997 promovierte er mit einer Arbeit über den deutschen Rechtstheoretiker Carl Schmitt, wurde Assistent an der Ruhruniversität Bochum, ging dann an die University of Sussex.

2006 wurde er Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main. Trotz der Finanzkrise gelang es Gross, der Stadt ein 50 Millionen Euro teures Um- und Neubauprogramm abzuhandeln – und zwar ohne Hilfe des Bundes. Undenkbar für Berliner Stadtgewaltige! Den ersten Abschnitt dieses Reformprogramms bildete im März 2016 die Wiedereröffnung der neuen Ausstellung über die „Judengasse“. Mit seinen Kollegen hat Gross originale Kunstwerke, Kultgeräte und Haushaltsüberreste derart in die alten Fundamente des einst bedeutendsten Ghettos Mitteleuropas integriert, dass es eine Lust zu sehen und zu lernen ist. Die im deutschen Historikerbetrieb oft zu beobachtende Neigung, Objekte nur als Illustration zum Text zu betrachten, ist hier nicht einmal ahnbar.

Zeiten postfaktischer Gefühlsgeschichtsschreibung

Immer wieder hört man im Frankfurter Jüdischen Museum, wie sehr man den Weggang von Gross nach Leipzig bedauert habe, wie sehr dieser Mann auf Teamgeist gesetzt, neue Ideen zugelassen und die Mitarbeiter motiviert habe. Solche Fähigkeiten und Gross’ enorme Selbstorganisationskraft – so war er gleichzeitig noch Leiter des Londoner Leo-Baeck-Instituts und Direktor des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt am Main – sowie sein geschickter Umgang mit den Medien dürften ihn Grütters empfohlen haben. Sie wiegen auf, dass mit Gross erstmals kein Geschichtsuniversalist die Leitung des DHM übernehmen soll, sondern ein Spezialist, der sich mit Forschungen zur jüdischen und deutsch-jüdischen Geschichte profilierte.

Seine Bücher zeigen allerdings wie die Frankfurter Inszenierung dreierlei: Mut zu diskussionswürdigen Thesen, Lust am Neuen und einen Blick über den Tellerrand Deutschlands. All dies braucht das Deutsche Historische Museum dringend in Zeiten postfaktischer Gefühlsgeschichtsschreibung.