NS-Raubkunst: Der hilfreiche Gurlitt

Der Fall Gurlitt ist zu einem Synonym für Raubkunst und den häufig kritisierten Umgang Deutschlands mit derselben geworden. Das ist das eine. Darüber hinaus aber hat sich die Beschlagnahme der Kollektion von Cornelius Gurlitt sowie die folgende Debatte auf die Museen und deren Umgang mit Rückgabeforderungen offenbar positiv ausgewirkt. Fragten Provenienzforscher in der Vergangenheit häufig vergeblich nach der Herkunft eines Gemäldes, wird der Zugang zu Inventarlisten oder Aktenbeständen in öffentlichen Häusern langsam etwas selbstverständlicher.

„Die Recherche in Museen ist zweifellos einfacher geworden vor dem Hintergrund des Falls Gurlitt“, sagt der Restitutionsexperte Willi Korte. Der Jurist gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der NS-Raubkunst. So hat er einst den mittelalterlichen Quedlinburger Domschatz, den ein US-Leutnant im Krieg per Feldpost in die USA sandte, in Texas aufgespürt und nach Deutschland zurückbringen können. Seit zehn Jahren nun fahndet Willi Korte bereits nach dem Verbleib der Sammlung des früheren Düsseldorfer Kunsthändlers Max Stern. Die Arbeit ist zäh. Doch in die jahrelangen Recherchen ist Bewegung gekommen.

Das konnte Korte zuletzt im Düsseldorfer Stadtmuseum feststellen. Seit 2011 versuchen die Erben des Juden Max Stern, in deren Auftrag der Jurist arbeitet, ein Selbstbildnis Wilhelm von Schadows, einst Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie, wiederzuerlangen. Zeigte sich das Stadtmuseum anfangs zurückhaltend bis ablehnend, kam es im vergangenen Jahr zu einer überraschenden Kehrtwende: Am kommenden Montag wird das Bild den Erben in Düsseldorf überreicht. Der Oberbürgermeister hat offiziell zu der festlichen Übergabe geladen. Und nicht nur das. „Das Thema Restitution wird künftig in Ausstellungen, Projekte und Bildungsprogramme des Stadtmuseums integriert“, ist in der Einladung der Stadt zu lesen. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, die im Umgang mit Restitutionsforderungen auch siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch fehlt. Zwar hat sich Deutschland 1998 mit der Washingtoner Erklärung zur Rückgabe von Raubkunst verpflichtet, doch scheiterten die Nachkommen der von den Nazis beraubten jüdischen Kunstsammler bislang häufig an dem Widerstand von Museen, Sammlungen und Politik.

Das illustriert der Düsseldorfer Fall. Vor drei Jahren entdeckte Provenienzforscher Korte das Selbstbildnis von Schadows im Stadtmuseum. Dass das Bild auf einer Fahndungsliste von Interpol stand, schien in Düsseldorf niemanden zu beeindrucken. Vielmehr reagierte das Museum auf eine erste Anfrage mit der Berufung der Berliner Kanzlei Ludwig von Pufendorf, die als Gegner von Restitutionen auf sich aufmerksam gemacht hatte. In der Folge wurde vertröstet, hingehalten, abgewiesen. Was, Sie wollen die Bilder von hinten begutachten? Da müssen wir erst schauen, ob wir Zeit haben. Was, Sie wollen Akten einsehen? Das geht nicht, da sitzt gerade eine Mitarbeiterin dran. Verhindern, nicht aufklären, schien die Vorgabe zu sein.

Dabei ist im Falle Max Stern die Beweislage vergleichsweise klar. Der jüdische Kunsthändler hatte bis 1937 eine Galerie an der Düsseldorfer Königsallee. Er war kein herausragender Kunstförderer, aber jemand, der die Wünsche seiner Kunden nach holländischen Altmeistern oder solchen der Düsseldorfer Schule erfüllte. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zwang ihn die Reichskammer der bildenden Künste seine Galerie aufzulösen. Max Stern gab nach anfänglichem Widerstand auf. Den Großteil seiner Bestände lieferte er 1937 zur Zwangsversteigerung im Auktionshaus Lempertz in Köln ab, um seine Flucht nach England zu finanzieren. Später verschlug es ihn nach Kanada, wo er zu einem bekannten Förderer kanadischer Kunst wurde und 1987 starb.

Den Lempertz-Katalog gibt es noch heute. 228 Bilder der Sammlung Stern sind dort aufgelistet. Unter der Nummer 135 ist das Schadow-Bildnis samt Foto aufgeführt. Nach dem Krieg hat Stern versucht, seine Bilder zurückzuerlangen. Es gelang ihm nicht. Er gab auf und redete auch nicht mehr darüber. Erst nach seinem Tod stieß die als Erbe eingesetzte Max-Stern-Stiftung auf die Zwangsenteignung ihres Namensgebers. 2002 wurde das „Max Stern Art Restitution Projekt“ ins Leben gerufen, für das Korte seither versucht, die Sammlung wieder zu vereinen. Mit der jüngsten Rückgabe ist die Geschichte der verschollenen Sammlung noch lange nicht zu Ende. Aber es ist ein kleiner Schritt nach vorn, in der Hoffnung, dass endlich größere folgen.