Berlin - Vor eineinhalb Jahren, im Juni 2015, hatte das Deutsche Theater die gute Idee, seine jährlichen Autorentheatertage dem Thema NSU zu widmen. Damals war der Münchner Prozess gegen die NSU-Kombattantin Beate Zschäpe gerade zwei Jahre alt, und viele Theater hatten versucht, das skandalöse Staatsversagen bei der Aufklärung der rechtsradikalen Mordserie von 2000 bis 2006 theatralisch aufzuarbeiten: zu zeigen, wie die neun Opferfamilien in haarsträubender Weise von den Ermittlern jahrelang als Täter behandelt wurden, und wie Polizei und Presse bis hin zur höchsten Verfassungsschutzbehörde alle Fahndungswege bis zum zufälligen Auffliegen der „Zwickauer Zelle“ 2011 gezielt an einem rechtsradikalen Täterhintergrund vorbei steuerten.

Zu sehen waren damals ästhetisch hoch interessante, verschiedenartige Dokumentartheaterstücke, die den spielerischen Umgang mit den Fakten ebenso wichtig nahmen wie deren Genauigkeit sowie die Notwendigkeit, den Hinterbliebenen erstmals vorurteilslos Gehör zu verschaffen. Die Regisseurin Christine Umpfenbach ließ in ihrem Stück „Urteile“ deshalb Angehörige der zwei Münchner NSU-Opfer ausführlich zu Wort kommen. Nuran David Calis brachte in „Die Lücke“ Bewohner der Keupstraße mit Schauspielern in ein Bühnengespräch, das die Kölner Vorgänge rekonstruierte und zugleich den alltäglichen Rassismus diskutierte. Und Tugsal Mogul versammelte in „Auch Deutsche unter den Opfern“ größte Faktenfülle zu einer Kasperliade, die ebenso erschütternd wie witzig belegte, das „institutioneller Rassismus“ in deutschen Behörden unbestreitbar ist.

Wortgetreuer Theater

An all das muss hier so ausführlich erinnert werden, wenn man am Donnerstagabend nun im Heimathafen Neukölln saß und zuhörte, wie der Gründer der Bühne für Menschenrechte, Michael Ruf, die Uraufführung seiner „NSU-Monologe“ anpries. Viele, so Ruf, hätten bisher vergeblich versucht, mit den Familien der NSU-Opfer zu sprechen. Ihm nun sei es gelungen, weshalb die daraus entstandenen „NSU-Monologe“ etwas „Nichtselbstverständliches“ seien. Selbstverständlich, mochte man ihm entgegnen, sollte ein Theaterabend generell nie sein, aber so exzeptionell, wie Ruf behauptet, sind seine „NSU-Monologe“ schlichtweg auch wieder nicht.

Für jeden, der in den letzten Jahren ein bisschen mitgeschaut (siehe die Beispiele oben) und mitgelesen hat in dieser Sache, fallen Rufs „Monologe“ im Aufklärungsgrad hinter bereits Bekanntes weit zurück. So gibt es etwa über das erste NSU-Opfer Enver Simsek, der noch eine zentrale Rolle spielen wird, längst ein Buch von dessen Tochter Semiya Simsek. Aufklärung und Agitation aber ist wichtigstes Ziel der Bühne für Menschenrechte, die ihr bewusst naives Kunstkonzept, nichts zu inszenieren, Zeugenaussagen nur „authentisch“ wiederzugeben, „wortgetreues Theater“ nennt.

Keinerlei analytischer Blick

Was also passiert in diesem „authentischen“ Theater? Vier Schauspieler stehen wie bei einer heiligen Zeremonie an Standmikrofonen und bemühen sich, mitfühlende Sprachrohre zu sein. Für Adile Simsek, Frau des ermordeten Enver Simsek aus Schlüchtern bei Nürnberg. Für Elif Kubasik, Frau des erschossenen Mehmet Kubasik aus Dortmund. Und für Ismail Yozgat, Vater von Halit, der 2006 in Kassel letztes Mordopfer wurde. Die ästhetische Nüchternheit und konsequente Monoperspektivität der Szenerie ist dabei nicht das Problem. Im Gegenteil erinnert sie auf den ersten Blick an die Klarheit Peter Weiss’schen Ermittlungstheaters.

Problematisch aber ist, dass sich keinerlei analytischer Blick daraus entwickeln kann, weil die professionellen Sprecher sehr bald ihre eigene Emotionalität auf ihre Zeugentexte propfen. Die Bekenntnisse, die sie „authentisch“ vortragen wollen, schrumpfen dadurch zu bloßen emotionalen Privatereignissen. Rekonstruieren sie die Ängste, die alle drei auszustehen hatten während der traumatischen Polizeiverhöre, schlucken und stottern sie vor Erregung; sprechen sie über das private Familienglück von einst, leuchtet das Licht über ihre Wangen wie in der Müsli-Werbung. Klavier und Cellobegleitung helfen dabei.

Eine andere „Geschichtsschreibung“, wie die Veranstalter ankündigen, liefern diese sehr subjektiven Erinnerungen nicht. Was sie tun, ist, den Opfern und ihren Hinterbliebenen emotionale Gesichter zu verleihen. Ob die Opferfamilien dadurch ein Stück Würde zurück gewinnen, können nur sie selbst entscheiden. Es ist ihnen zu wünschen.

NSU-Monologe Heimathafen Neukölln, wieder 5.11. (auf Türkisch), 20 Uhr, 15.–19.11., 19.30 Uhr, Infos: 56821333