Paul Signac, Maler des Pointillismus„: Der Hafen bei Sonnenuntergang, “Opus 236, Saint Tropez, 1892.
Foto: Barberini/ Sammlung Hasso Plattner

Potsdam - Spiegelungen auf der Wasseroberfläche, Blumenwiesen, Felswände am Mittelmeer, Pariser Boulevards und Schnee auf den Feldern der Normandie: Der erste Eindruck entscheidet. In flüchtigen Momentaufnahmen lösen sich Gegenstände und Gestalten in Licht auf, übertragen sich in Formen und Farben. Man spürt förmlich den Wind auf der Haut beim Anblick der Segelboote auf der Seine-Regatta.

Der Sammler dieser Gemälde, Hasso Plattner, ist ein passionierter Segler. Über Jahre hinweg erstand er diese Motive auf Auktionen. Er ist auch Gründer des Museum Barberini und seit Jahren Liebhaber der Impressionisten und ihrer Nachfolger. Er hat eine Vorliebe für die Pointillisten mit ihrem geometrisch-ornamental durchkomponierten Bildaufbau sowie für die „Fauves“ (die „Wilden“), Vorgänger des Expressionismus. „Die Impressionisten beziehen uns Betrachter unmittelbar mit ein. Sie sind Kommunikations-Genies“, erklärt Plattner seine Leidenschaft für diesen Stil.

Im Impressionismus sind Schatten anstatt schwarz und grau oft in Rot-, Grün- und Blautönen gemalt. Der Wandel der Tages- und Jahreszeiten wird, je nach Stimmung und Atmosphäre, farblich frei wiedergegeben: Dinge werden in kleinsten Flecken, Punkten und Strichen zu schwebenden Gewebeflächen verknüpft. Heutzutage, wo die alte Königsdisziplin der Malerei zahlreiche Verstörungen und Demontagen überlebt hat, gilt der Impressionismus als Kunst für Schönheitssucher, Bilderhungrige und Liebhaber des Sublimen. Wir sehen, wie revolutionär dieser vom Akademismus abtrünnige Stil war, verzichtete er doch auf historische, ideologische Inhalte. Die Maler verließen ihre Ateliers, gingen mit  Staffeleien und  nunmehr käuflichen Farbtuben in die lichte Natur.

Claude Monet: Getreideschober", 1890 (Ausschnitt).
Foto: Barberini/ Sammlung Hasso Plattner

Jetzt überlässt Plattner dem Barberini über 100 Gemälde der französischen Lichtmalerei als Dauerleihgabe. Darunter sind nicht weniger als 34 Monets, etwa der „Getreideschober“ von 1890 – ein Motiv aus der berühmten, fast konzeptionellen  Heuhaufen-Serie. Der Sammler ersteigerte auch ein Schiffsmotiv von Berthe Morisot, der einzigen Frau im Impressionisten-Zirkel. Und kürzlich auch einen ungewöhnlichen Picasso aus dem Jahr 1901. Die Boulevard-Ansicht ist eine Rarität. Bald darauf begann die Blaue Periode des Spaniers – nie mehr malte er impressionistisch.

Das Museum Barberini wird zu einem Wallfahrtsort für Impressionismus-Fans.  Ein Coup, den sich heute kein staatliches Museum  mehr leisten könnte. Außerhalb von Paris sind fortan nirgendwo in Europa noch mehr (Landschafts-)Bilder desselben Stils – insbesondere die Gemälde Monets – an einem Ort versammelt. Ebenso einzigartig in Deutschland ist der Bestand der Gemälde von Caillebotte, Cézanne, Pissarro, Signac, Sisley, Renoir, Manet oder dem „Wilden“ Vlaminck.

Eine Rarität: Pablo Picassos  wohl einziges impressionistische Gemälde: „Der Boulevard de Clychi“, 1901 
Foto: Barberini/Sammlung Hasso Plattner/ VG BIldkunst Bonn 2020

Potsdam bietet nun, nach Paris, Chicago und Washington D.C., eine der erlesensten Impressionisten-Kollektionen weltweit. In acht Sälen wird Kunstgeschichte erzählt: Boote und Dampfschiffe auf der Seine, Paris und seine Boulevards, Kaffeehäuser und Parks, Landschaft im neuen Realismus: Kornfelder, Feldwege, Pappelreihen, Heuschober. Die Impressionisten, insbesondere Monet, nahmen das Agrarland Frankreich poetischer wahr als die harten, pragmatischen Landleute. Es waren die rauen Küsten der Bretagne und Normandie, die ruppigen Häfen und auch die Küsten Europas, von England über Venedig bis zur Campagna, die von den Pariser Malern in lichtüberflutete oder geheimnisvoll dunstige Kunst verwandelt wurden.

Ein großer Saal ist den Künstlergärten gewidmet. Monet mit seinen japanisch angehauchten Seerosenteichen und Caillebottes exotische Pflanzen wetteiferten geradezu in ihrer Vorliebe für die Flora im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. Und wie geblendet vom Weiß steht man im Raum der eisigen Winterlandschaften, die in unseren Breiten seit der Klimaveränderung und dem ausbleibenden Schnee und Frost nur noch ein Leuchten der Erinnerung sind. Maler wie Sisley thematisierten allerdings nicht mehr das Heroische der Jahreszeit, wenn sie bei Minusgraden „vor der Natur“ malten. Ihnen ging es um die visuelle Verschränkung von Himmel und Erde, um den Widerschein von Blau und Sonnenlicht. Reflektionen im Schnee werden zu fast abstrakter Malerei.

Der Epilog des von Barberini-Direktorin Ortrud Westheider und Daniel Zamani kuratierten Rundgangs schließlich zeigt eine radikal neue Variante des Impressionismus um 1905 - den Übergang zur Expression. Die Fauves um Vlaminck und Derain, zu denen auch Cross und Matisse zählten, lösten sich vom impressiven und pointillistischen Stil, wählten eine flächige, farbintensive Malerei, wie sie auch für die deutschen Expressionistengruppen „Blauer Reiter“ und „Brücke“ typisch ist. Die Fauves experimentierten mit der Zergliederung der Form; darin lag bereits die Überleitung zum Kubismus. So wird im Barberini Avantgarde-Kunstgeschichte erzählt.  Im November kommt, als  spannender Dialog, die Sonderschau  „Impressionismus in Russland“ hinzu.

Dauerausstellung, Museum Barberini, Potsdam. Humboldtstraße 5–6. MiMo 1019 Uhr, geöffnet ab 5. September (Katalog von Prestel, 30 Euro). Wegen Corona ist der Besuch nur online buchbar, 21 Tage im Voraus: shop.museum-barberini.com/#/tickets.