Der leere  Kinosaal in der Adria-Filmbühne.in Berlin-Steglitz.
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BerlinEs sind keine einfachen Zeiten für das Kino, aber ein bisschen einfacher werden sie jetzt doch, wenigstens in Berlin: Noch in dieser Woche wird die Senatsverwaltung für Gesundheit voraussichtlich ein neues Hygienekonzept billigen, wonach in Kinos – Belüftung vorausgesetzt – ab kommender Woche nur noch einen Meter Mindestabstand eingehalten werden muss. Bisher waren es 1,50 Meter. Berlin folgt damit Sachsen und Nordrhein-Westfalen, und Ländern wie Österreich, der Schweiz, Finnland, Frankreich, Polen und den Niederlanden.

„Für uns ist das eine große Erleichterung“, sagte am Mittwoch Christian Bräuer, der Vorstandsvorsitzende der AG Kino-Gilde und Geschäftsführer der Yorck-Kinos am Telefon. Konkret bedeute das, dass zwischen jedem Besucher oder einer Besuchergruppe nur noch ein Sitzplatz frei bleiben muss. Und dass die Kinos dadurch auf eine Auslastung von 60 bis 65 Prozent kommen. Bisher waren es zwei Kinoplätze und damit 20 bis 25 Prozent. „Gerade für die kleinen Kinos ist das sehr wichtig. Die waren bisher teilweise mit 20 Besuchern schon ausverkauft.“ Bei der Anhörung im Senat spielte auch die Atemluftstudie der TU Berlin eine Rolle, in der nachgewiesen wurde, dass die Aerolsolbelastung im Kino wesentlich geringer ist als etwa in einem Büro. Kinos sind also sicherer als bisher angenommen. „Im Kino singt man nicht, man redet nicht, man atmet ruhig“, sagte Bräuer.

Daran, dass die Kinos kein Geld verdienen, ändert jedoch die größere Auslastung nicht wirklich etwas. „Aber zumindest lohnt sich der Aufwand anteilig wieder“, sagte Bräuer. „Es ist ein Schritt Richtung Wirtschaftlichkeit.“ Aber es fehlten weiter die Werbeerlöse, auch Events könne man nicht machen.

Ein riesiges Problem für die Branche sind weiterhin die Filmstarts, die verschoben werden oder komplett ausfallen. Ein aktuelles Paradebeispiel ist der Hollywood-Blockbuster „Mulan“, ein Live-Remake des gleichnamigen Zeichentrickfilms über eine chinesische Heldin. Der Film sollte eigentlich im März starten, seitdem wurde der Termin immer wieder verschoben, erst auf Juli, dann auf August. Am Dienstag gab Disney nun bekannt, der Film werde nun beim Streaming-Dienst Disney+ erscheinen, und nicht auf der Leinwand, wenigstens nicht in den Ländern, in denen Disney+ verfügbar ist. Wann er dort jemals ins Kino kommt, ist ungewiss. „Das ist für die Kinos schlimm“, sagte Bräuer.

Auch „A Quiet Place 2“, der Nachfolger des erfolgreichen Horrorfilms von 2018, soll erst im kommenden April zu sehen sein und Paramounts „Top Gun: Maverick“ mit Tom Cruise ist sogar um ein ganzes Jahr verschoben worden. Er soll nun erst im Juli 2021 starten, in einer angenommenen Nach-Corona-Zeit, von der heute noch niemand weiß, ob es sie geben wird. „Die USA  mit ihren hohen Infektionszahlen sind von der Normalität eben ganz weit weg“, sagt Bräuer. In den USA sind coronabedingt immer noch viele Kinos geschlossen oder auch wieder, wie seit Mitte Juli in Kalifornien. Und für die Film- und damit die Kinowelt gelten keine Ländergrenzen, gibt es keine nationalen Schutzräume. Immerhin soll der neue Christopher-Nolan-Film „Tenet“ im August starten, wie seit ein paar Tagen feststeht.

Ob deutsche und europäische Filme die Ausfälle ausgleichen können? „Im Juli haben wir trotz der Abstandsregelung ein Besucherniveau von 50 Prozent des Vorjahrszeitraums erreichen können“, sagt Christian Bräuer. „Von der Hälfte kann man nicht leben, aber es ist trotzdem ein Erfolg. Das zeigt, dass es bei den Berlinern eine Lust aufs Kino gibt. Die Berliner sind ein Kulturvolk. Für die ist nicht nur das Sportstudio oder das Fußballstadion wichtig.“ Bräuer nennt „Undine“ und den georgischen Film „Als wir tanzten“, die viele Menschen ins Kino gezogen hätten.

Aber er weist auch auf Ungleichbehandlung hin. Darauf etwa, dass man vor oder nach dem Kino einander im Restaurant auf der Pelle sitzen darf. Oder dass man zu einer fremden Person 1,50 Abstand halten muss, sich aber im Bordell von einer solchen massieren lassen darf.

Es gibt noch eine gute Nachricht aus der Berliner Kinowelt. Das Pankower Kino Blauer Stern einst Tanzsaal eines Ausflugslokals, und in den 1930er-Jahren zum Kino umgebaut, ist renoviert und umgestaltet worden. In der kommende Woche ist in dem Jugendstil-Bau Eröffnung.

Bräuer muss dann schnell los. Er ist mit den Berlinale-Leitern Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian verabredet. „Mal sehen, was da los ist.“