Nura erzählt in ihrem Buch „Weißt du, was ich meine?“ von ihrem Weg zur erfolgreichen Rapperin.

Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinNura liebt es schrill. Man kann bei der Berliner Rapperin nie sicher sein, ob sie heute noch dieselbe Haarfarbe trägt, mit der sie gestern in ihrer Instagram-Story zu sehen war. Ihre Haare frisiert sie mal in blauer Farbe, mal in lila, wahlweise geglättet und kurz, mit Afromähne oder auch zum langen Rastazopf geknöpft. Zum verabredeten Interviewtermin bietet der Fotograf darum ein buntes Potpourri an Farben auf: rosa und gelber Hintergrundkarton, ein knalliges Rot für Blitzeffekte. 

An diesem Tag steht die 31-Jährige mit glatten weißen Haaren vor der Kamera. Dazu trägt sie ein bauchfreies weißes T-Shirt mit blauer Aufschrift, eine schwarze Hose und bunte Turnschuhe. Ihre Arme sind fast vollständig tätowiert, ein goldener Nasenring ziert zudem ihr Gesicht. Obwohl es ihr fünftes Interview am späten Nachmittag ist, posiert Nura im Presseraum des Ullstein-Verlags fast eine halbe Stunde lang geduldig vor rollierenden Hintergründen. Von Müdigkeit keine Spur. Im Gegenteil. Im anschließenden Gespräch redet sie wie ein Wasserfall, und sie liebt es direkt.

„Wovor hast du Angst? Dass dich ein Schwuler in den Arsch fickt, oder was?“, wirft sie ganz allgemein als Frage in den Raum, als wir über Homophobie sprechen. Homophobie sei ein hässliches Wort für sie, sagt Nura. „Ich verfluche denjenigen, der dieses Wort erfunden hat! Du kannst Angst vor Spinnen haben, aber du kannst keine Angst vor schwulen Männern haben, das sind die süßesten Menschen auf der Welt.“ Nura bewegt sich seit Jahren in der LGBT-Community und macht sich für Offenheit und Toleranz stark. Ihre Fans wissen längst, dass sie bisexuell ist. Ihre Mutter dürfte die Gewissheit spätestens beim Lesen ihrer Biografie bekommen haben, wie Nura in einem ihrer letzten Kapitel des Buches verrät.

Sexistische Songzeilen zur Selbstermächtigung

„Weißt du, was ich meine? – Vom Asylheim in die Charts“ erzählt die Geschichte von Nura Habib Omer, von einem Flüchtlingskind auf ihrer Reise zur umjubelten Rapperin mit Social-Media-Relevanz. Die Musikerin, die Textzeilen wie „Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz / Ich rauch’ dein ganzes Leben in nem Blunt / Jeder Hater ist ein Klick mehr / Du bist nicht mehr als ein Fick wert“ oder Songs mit Titeln wie „Jetzt sind die Fotzen wieder da“ ins Mikrofon rappt. Die Zeilen stammen aus der gemeinsamen Zeit von Nura und ihrer ehemaligen Rap-Partnerin Juju, die bis 2018 das Duo SXTN bildeten, mit denen sich viele junge Menschen identifizieren. Nura liebt es zu polarisieren. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Erst kürzlich ergab eine Analyse des „Spiegel“, dass SXTN die sexistischsten Deutschrapper seien – gemessen an der Anzahl sexistischer Begriffe pro Song. Zwar mag das unter diesem objektiven Gesichtspunkt stimmen, aber das Ergebnis zeigt auch, dass der Gesamtkontext von Bedeutung ist. Nura erklärt, dass sie sexistische Zeilen vor allem als Selbstermächtigung nutze: „Bei dem Song ‚Jetzt sind die Fotzen wieder da‘ wollten wir den Leuten einfach den Wind aus den Segeln nehmen. Dieser Satz ist genau das, was die Hater zu uns als Frauen sagen würden, wenn sie uns sehen oder hören. Das Thema war damit gegessen. Wie willst du mich noch beleidigen, wenn ich schon selbst diese Worte verwende?“ Nura lebt Feminismus auf ihre eigene Art, ein weiteres wichtiges Thema für sie, ebenso wie der Kampf gegen Rassismus.

Wer Nura verstehen will, sollte einen Blick auf ihren Lebensweg werfen. In Kuwait geboren findet sie sich nach der Flucht mit ihrer Familie als Dreijährige in Wuppertal wieder. Sie wächst ohne Vater auf und steht in ihrer Kindheit und Jugend zwischen zwei Kulturen: der muslimischen und der westlichen. Vor allem Nuras Verhältnis zu ihrer Mutter wird lange Zeit auf die Probe gestellt, ist durch Verbote, wie zum Beispiel bei Freundinnen zu übernachten, geprägt. Ihre Mutter ist zwar auch hinterher, dass Nura schnell gut Deutsch spricht, dennoch musste sie gleichzeitig in die Koranschule gehen und Eriträisch lernen. „Die Eltern erwarten viel von einem, weil sie sich denken: Ich habe dir hier das Leben geschenkt – also mach etwas draus. Es ist trotzdem so schwer, den ganzen Erwartungen gerecht zu werden“, sagt Nura über die Zeit, in der sie multikulturell in Wuppertal aufwächst. Nura rebelliert immer öfter gegen Entscheidungen ihrer Mutter. Bis es eines Tages zum Bruch mit ihr und großen Teilen der Familie kommt. Nura beschließt, allein nach Berlin zu ziehen und sich auf eigene Faust durchzuschlagen.

Berlin ist die richtige Stadt, wenn man sich hocharbeiten will

Nura

„Berlin war auf jeden Fall die beste Entscheidung. Ich hätte nicht die Person werden können, die ich bin, wenn ich beispielsweise nach Köln gegangen wäre. Berlin ist die richtige Stadt, wenn man sich hocharbeiten will. Kreative Köpfe haben hier eindeutig bessere Chancen“, sagt Nura. Dass sie einen gewissen Unterhaltungsfaktor hat, spürt sie früh. Im Alter von sieben Jahren habe sie bereits mit einem ihrer Brüder Gespräche auf Kassette aufgenommen, eine Art „Podcast in den Kinderschuhen“, wie sie sagt. Besonders dankbar ist Nura ihrer Mutter, mit der sie sich mittlerweile wieder bestens versteht, dass sie bereits früh singen gelernt hat: „Meine Grundschullehrerin hat so lange auf meine Mutter eingeredet, bis ich in den Chor gehen konnte. Zur Weihnachtszeit konnte ich in die Kirche gehen und dort singen. Für meine Mutter war das zwar komisch, aber ich bin ihr dankbar, dass sie diese Geduld mit mir hatte“, sagt Nura.

Nura bei einem Treffen in Berlin.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Immer wieder bricht Nura im Gespräch Erinnerungen oder komplexe Themen auf einfachste Sprache herunter. Sie verwendet auffällig viele Anglizismen: Dude, woke, move, glow-up, struggeln, sidefact, openminded. Die Jugend soll sie schließlich verstehen. Auch beim Lesen ihrer Autobiografie natürlich. „Das Buch hat meinen Sound und ist so geschrieben, wie ich spreche“, sagt Nura.

Nura kuschelt mit ihren Fans im Bett

Ob ein Buch für ihre Fans das richtige Medium ist? Nura bejaht. „Viele Fans haben mir geschrieben, dass es das erste Buch sein wird, welches sie freiwillig lesen – und sogar bis zum Ende. Das ist für mich sehr cool zu sehen, dass ich ein paar junge Leute zum Lesen bringen kann und sie durch meine Geschichte vielleicht motiviert werden, an sich selbst zu glauben“, sagt die Rapperin. Sie sieht sich gern als Vorbild. Auch wenn sie keineswegs verheimlicht, dass sie Joints raucht und ab und zu wilde Partys feiert. In den letzten Jahren hat sich Nura eine besondere Bindung zu ihren Fans aufgebaut. Die geht so weit, dass auf ihren Konzerten im letzten Jahr in jeder Stadt ein riesiges Bett aufgebaut wurde, in dem ihre Anhänger nach der Show für ein Foto mit ihr kuscheln konnten. Nura liebt diese Nähe. Ihr sei in der Corona-Zeit am meisten klargeworden, „dass ich krass Nähe brauche“.

Während unseres Termins füllt ihr Hund Chilli, ein American Bullet Pocky, den sie sich erst vor kurzem gekauft hat, diese Position aus. Nura sagt, er sei ihre wichtigste Anschaffung, seitdem sie berühmt ist. Natürlich lege sie auch Geld für ihre Familie beiseite, der sie später mal ein Haus kaufen wolle. „Aber 1500 Euro für einen Hund auszugeben, ist schon krass für mich. Ich gebe selten so viel Geld für etwas aus, ich fahre fast jeden Tag mit der Bahn.“ Sie sagt, dass sie wahrscheinlich die bescheidenste Rapperin der Welt sei.

Man nimmt es ihr ab. Nura redet mit jedem im Team auf Augenhöhe und hat keine Allüren. Nur bei einer Sache kann sie nicht stillhalten: „Ich gehe nicht gerne in Restaurants, weil ich keine Geduld habe, darauf zu warten, bis alle fertig sind, und immer steif dazusitzen.“ Ein bisschen prollig muss man als Rapperin dann doch sein.

„Weißt du, was ich meine?“ von Nura Habib Omer ist im Ullstein Verlag erschienen