Elena Schmidt und Vidina Popov in "Maria" von Simon Stephens.
Foto: Ute Langkafel

BerlinSie redet gern und viel, diese Maria, Titelfigur aus Simon Stephens’ Stück. Aber manchmal verschlägt es der 18-Jährigen für einen Augenblick doch die Sprache. Etwa als der Frauenarzt sie fragt, ob sie jemanden zur Entbindung mitbringen möchte. Sie muss überlegen. Der Kindesvater, wer genau es auch sein mag, ist nicht verfügbar. Die Mutter wurde vom Lkw überfahren. Ihr Bruder ist abgehauen. Mit der Freundin könnte sie es versuchen, aber deren Freund wird nicht einverstanden sein. Ihr Vater kann sich einen unbezahlten freien Tag nicht leisten, und ihre Oma verabschiedet sich gerade vom Leben. 

Alle drei schlagen ihr den Wunsch ab. Was drei weitere kurze Sprechpausen verursacht. Sprechpausen, die auch deshalb so auffallen, weil Maria in diesen Dialogen mit ihren Gegenübern keinen wirklichen Kontakt aufbauen kann, kein Interesse findet oder keine Fähigkeit, dieses Interesse zu zeigen. So, als hätten alle Beteiligten vergessen, wie Miteinander-Sprechen funktioniert, wie man Begegnungen außerhalb von Funktionszusammenhängen absolviert. Was tun Menschen, wenn sie miteinander sprechen? Wozu die Mühe? Mit wem? Und vor allem worüber? Das sind die eigentlichen Fragen, die Stephens’ Stück durcharbeitet und religiös ein bisschen aufpustet. 

Nein, sagt Maria, sie schaffe das schon allein

Am längsten denkt Maria nach, als ein Hafenarbeiter sie fragt, ob sie nicht jemanden haben möchte, nämlich zum Beispiel ihn, der für sie und das Kind, das sie im Leib trägt, sorgt: „Ich glaub, die Leute sagen, was ihnen fehlt, ist, jemand zu haben, mit dem sie die schönen Momente teilen. Die, wenn sie lächeln oder kichern oder in den verrücktesten Farben kacken. Das könnte ich übernehmen. Glaub ich.“ Vidina Popov, die in der Inszenierung von Nurkan Erpulat die Maria spielt, muss über diesen Vorschlag lächeln wie über eine sehr absurde Idee. Nein, ist die Antwort. Sie schafft das schon allein. Und wie sie da so steht, arm, aber nach eigenen Angaben glücklich, mit Licht in den Augen − traut man ihr das auch zu.

Ibadet Ramadani Gallop, Elena Schmidt, Vidina Popov und Karim Daoud, Bühnenbild: Magda Will. 
Foto: Ute Langkafel

Dass sie ihre kommunikativen Talente dann im zweiten Akt für ein professionelles, wenn auch nicht sexuelles Chatportal vergeudet, auf der einsame Kunden für Skypegespräche zahlen müssen, mag ein Jammer sein. Aber, abgesehen von ein paar Spielverderbern, die es in der realen genauso wie in der virtuellen Welt gibt, läuft es ganz gut, nicht nur weil sie davon leben kann. Was ist denn der Unterschied zwischen diesen digital und kommerziell vermittelten Begegnungen zur herkömmlichen Kommunikation? Für diese ist Maria dann ironischerweise zu müde. Sie wünscht sich selbst für ihr Privatleben eine App, die einem die richtigen Kandidaten für die richtigen Zwecke zuführt − einen Freund oder Sexpartner, je nachdem. „Du musst nie mehr peinlich berührt sein oder Angst haben oder irgendeine Enttäuschung spüren oder spüren, was es heißt, ein Mensch zu sein. Weil, wir sind enttäuschend.“

Nach und nach schälen sich die Schauspieler aus der Ironie 

Nurkan Erpulat findet für diese Grundsatzfragen der Kommunikation, die man im Theater sehr gut stellen kann, eine kraftvolle, sogar recht rabiate Entsprechung. Die Schauspieler arbeiten sich von formal aufgesetzten Spielweisen mit choreografischen Elementen, Klischeeticks und Verfremdungseffekten immer weiter ins Realistische vor. So als würden sie die Schalen der Ironie ablegen und sich als Figuren einander immer weiter öffnen. Wird das Publikum am Anfang ziemlich vor den Kopf gestoßen, sieht es im Laufe des Abends Pathos und Melodram Funken schlagen − wie konnte das passieren? Markiert werden die drei Akte durch die Bühnenbildidee von Magda Willi.

Zu Beginn wird noch im leeren Raum vor einer schwarzen Wand gespielt. Die klappt nach vorn, entpuppt sich als Boden eines eingerichteten Zimmers, das am Ende auf das Publikum zukippt. Dann erst scheint eine erste unvermittelte seelische Verbindung aufgenommen zu werden − nämlich zwischen Maria und ihrer Oma (Cigdem Teke). Nicht schwer zu erraten, dass letztere in diesem schönen Moment stirbt und Stück und Inszenierung, die man gerade liebgewonnen hat, hier enden.

Simon Stephens: Maria, deutsch von Barbara Christ, weitere Vorstellungen am 20., 21. 2., 20., 26. 3., 19.30 Uhr, Gorki, Am Festungsgraben 2,  gorki.de