Wollte man erklären, was hyperlokaler Journalismus ist, dann würde man vielleicht den Witz vom Fahrrad erzählen, das in China umfällt oder in New York gestohlen wird. Berichte darüber sind hyperlokal. Aber das ist natürlich ein Klischee, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.

Man könnte stattdessen einfach den Blog „The Local“ der New York Times anklicken und sagen: das hier ist hyperlokal! Was aber findet man da? In Clinton Hill und Fort Greene in Brooklyn geht es neben Parkplatznot, Mikrobrauereien, Drogentoten und lokalen Musikgrößen auch um eine angefahrene Radfahrerin. Auch gibt es einen Aufruf von Emily Ente, deren Katze Admiral entwischte, erkennbar an ihrem verletzten rechten Auge. „Help us find Admiral“, schreibt die Times – natürlich mit Katze im Bild.

Raddiebstahl als Aufmacher

Eine andere Geschichte handelt davon, dass Baxter von einem Pitbull gebissen wurde. Baxter ist ein Malteser Hund. Und im East Village von Manhattan, geht es im Aufmacher am 10. Juli um einen Fahrraddiebstahl. Zugegeben, die Umstände klingen mysteriös. Aber es ist eben doch ein Raddiebstahl, über den eine der weltweit führenden Zeitungen berichtet.

Als die New York Times ihr Experiment mit hyperlokalem Journalismus im März 2009 begann, war sie voller Hoffnung und schrieb von Webseiten, die den Alltag abbilden sollten. Statt über das Besondere zu berichten, widmet sich hyperlokaler Journalismus dem Gewöhnlichen. Von einem „virtuellen Kühlschrank“ war die Rede. All die „kleinen Freuden“ und Termine, die Familien auf ihre Kühlschranktür kleben, sollten auch auf den Stadtviertel-Websites landen.

Bürger schreiben

Das Projekt basiert auf einer Idee des Journalisten Jim Schachter, dem die Times den Titel eines „Redakteur für digitale Initiativen“ verlieh. Demnach sollten Bürgerjournalisten die Inhalte schreiben, Reporter der Times sollte ihre Texte vor der Veröffentlichung prüfen. Schachter sagte 2009, im Erfolgsfall würde die Times das Konzept auf andere Orte ausdehnen. Natürlich könne man von Amateuren nicht das Niveau der Profis erwarten, sagte er dem Fachblatt Editor&Publisher und dementierte, dass die Times ihre Lokalberichterstattung preiswert finanzieren wolle. Man wolle einfach sehen, ob man an dieser Art von Journalismus teilhaben könne.

Tatsächlich wäre es unfair, das Niveau auf den Raddiebstahl zu reduzieren. Es geht auch um ein Fußballturnier für Zehnjährige und Probleme einer Stadtteilbücherei, die wegen der Hitze schließen musste. Der Raddiebstahl aber beschäftigt die Webseite schon länger: Ein Unbekannter deklariert einen öffentlichen Radständer mittels Zetteln als sein Privateigentum und beschädigt oder beseitigt fremde Räder, die dort parken. Skurril.

Besondere Aufmerksamkeit für das Experiment

Die Times hat hyperlokal nicht erfunden. Viele Verlage experimentieren damit. Aber das Experiment der Times erhielt besondere Aufmerksamkeit: Worüber berichtet sie? Wie viel Personal investiert sie? Kann sie die Entwicklung beeinflussen? Und lohnt sich für ein Weltblatt wie die Times das Abtauchen in den Mikrojournalismus?

In New Jersey zum Beispiel schrieb mit Tina Kelley eine Reporterin, die bereits einen Pulitzerpreis gewonnen hatte. Sie wohnt mit Mann und Kindern in Maplewood, einem Ort mit 23 000 Einwohnern. Inhaltlich ging es um Hobbykünstler, um den Polizeibericht und die Kontrolle des Wildbestandes.

Für die Times aber ging die Bedeutung des Blogs weit über die Bedeutung der Vororte hinaus. Es ging um Grundsätzliches. Seit vor 20 Jahren der sogenannte Bürgerjournalismus aufkam, kämpfte die Times dagegen. Der frühere Chefredakteur Max Frankel kritisierte in den 90er Jahren, dass Bürgerjournalismus Probleme nicht nur identifizieren, sondern gleich lösen wollte. Er warnte davor, sich mit den Anliegen von Bürgern gemein zu machen. 2009 wollte sich die Times dem Trend nach Beteiligung der Leser nicht mehr verschließen. „Nachrichten sind ein Gespräch und kein Vortrag“, sagte damals Tina Kelley.

Mit dieser Begründung unterschied sich ihr Blog nicht von I-Report von CNN, wo Amateure Bilder ungeprüft hochladen können. Auch für „The Local“ sollten vor allem Amateure Inhalte liefern. Doch Kelley und der für Brooklyn zuständige Kollege wollten jeden Beitrag prüfen und den Anliegen von Bürgern selbst nachgehen oder bei der Recherche helfen. „Ich habe den ganzen Tag Zeit, um mit Hilfe meines Presseausweises Antworten auf eure Fragen zu finden“, versicherte sie ihren Lesern.

Richtig befriedigend war die Arbeit offenbar nicht, denn im November 2009 verließ Kelley die Times. Mitte 2010 beendete die Zeitung das Experiment in New Jersey ganz.

Rückzug erfolgte in Raten

Bei dem Projekt kooperierte die Times mit den Journalistenschulen der City University und der New York University, um Laien grundlegende handwerkliche Fertigkeiten zu vermitteln. Eine Rolle mag dabei auch gespielt haben, dass die Kooperation die Zeitung nichts kostete. Immerhin startete das Experiment zu einer Zeit, in der die New York Times die Dividende streichen, den Firmenflieger verkaufen und einen Millionen-Kredit zu Wucherbedingungen aufnehmen musste.

Inzwischen lässt sich sagen: das Experiment ist gescheitert. Vor wenigen Wochen informierte die Zeitung ihre Kooperationspartner von ihrem Ausstieg. Der Rückzug erfolgte in Raten: Der Blog in New Jersey wurde einem Konkurrenz-Verlag übergeben. Der Blog in Brooklyn erscheint zwar noch auf der Site der Times. Die redaktionelle Kontrolle liegt jedoch schon seit Januar 2010 bei der Journalistenschule der City University. Das spart Kosten. Die Beiträge der Hobby-Autoren werden ohnehin nicht honoriert.

Acht Monate nach dem Start 2009 schrieb der Hyperlocal-Chef der Times, Jim Schachter, in einer ersten Bilanz von „großen Erfolgen“ hinsichtlich der Einbindung der Leser. Die Suche nach dem Geschäftsmodell sei allerdings weniger erfolgreich: Die New York Times tue sich schwer mit dem hyperlokalen Anzeigenmarkt. Potenzielle Umsätze stünden in keinem Verhältnis zu den Kosten, Kunden zu gewinnen, selbst bei einem preiswerten Selbstbedienungssystem der Anzeigenakquise.

Blog über Indien

Nun sagte er einem Blog des Nieman journalism lab der Harvard University, er sehe keinen Sinn darin, dass nationale Medienunternehmen wie die Times ihre Journalisten bezahlten, damit sie hyperlokalen Journalismus betreiben. Das könnten sich große Verlage schlicht nicht leisten. Zeitungen könnten von einzelnen hyperlokalen Projekten profitieren und sollten Betreibern von Blogs journalistische Kenntnisse vermitteln. Er bedauert ironisch: „Wir haben es nicht geschafft, den professionellen Journalisten zu ersetzen.“

Die Lokalredaktion habe einige der Ideen übernommen, beispielsweise Crowdsourcing und Blogs, die die Lokalredaktion nun weiter führt. Selbst ein Blog über Indien (India Ink), den die Auslandsredaktion betreut, habe von den Erfahrungen profitiert. Schachter hat die Times nach 17 Jahren verlassen und macht nun Radio in New York. Die Journalistenschulen sollen bis Ende des Jahres weiter aus Brooklyn und dem East Village berichten.

Vielleicht löst sich bis dahin das Rätsel um die Identität des Fahrraddiebes.