Berlin - Marija Stojanovic bestellt sich ein Mineralwasser. In dem Café am Rosenthaler Platz sitzen Endzwanziger auf rustikalen Holzstühlen vor schaufenstergroßen Fenstern und hacken auf ihre Laptops ein. Marija schaut gerne hier vorbei. Am Wochenende war sie in Stuttgart, wo sie herkommt und jahrelang als Werbekauffrau gearbeitet hat. 2009 zog sie nach Berlin und kündigte ihren Job, um die Straßenzeitung Streetmag zu gründen. Heute ist sie dreißig, Streetmag hat sich neben motz und Straßenfeger, die beide seit Mitte der 90er Jahre erscheinen, zur dritten Berliner Straßenzeitung entwickelt. Streetmag erscheint in einer Auflage von 20 000 Exemplaren vom Straßenfeger werden 22 000 Exemplare gedruckt, die motz kommt auf 15 000. Allerdings erscheinen diese alle 14 Tage, Streetmag nur alle sechs bis sieben Wochen.

Doch nicht nur dadurch unterscheidet sich Streetmag von den anderen. Als Marija nach Berlin zog, arbeitete sie im Marketing und Vertrieb einer Stuttgarter Firma, vor der Haustür stand der Geschäftswagen. „Doch Berlin ist so anders als Stuttgart. Ich saß auf einmal mit meinem schönen Gehalt in meinem Homeoffice und auf der Straße waren Leute, die betteln mussten, um zu überleben. Dagegen wollte ich was machen, nicht immer nur reden. “

„Die größte Schwierigkeit am Anfang war das Misstrauen"

Marija schloss sich mit dem Berliner Filmemacher Aleksandar Vidojkovic zusammen und gemeinsam verwirklichten sie das Projekt Streetmag. Eine Straßenzeitung, aber anders als die anderen. Mit anderen Themen und anderem Design. Eine Zeitung als Plattform für junge Berliner Künstler, die aber auch Porträts von obdachlosen Jugendlichen und Interviews mit bekannten Bands oder Schauspielern druckt. „Die Leute sollen Streetmag in erster Linie kaufen, weil sie es cool finden“, sagt Marija.

Der Erlös soll komplett an die obdachlosen Verkäufer gehen. Doch zuvor musste erst einmal Geld her, damit das Projekt starten konnte. Im damaligen Club Maria gab es Ende 2010 eine „Streetmag Charity Night“ mit diversen Nachwuchsbands, vom Erlös des Abends erschien im Februar 2011 die erste Ausgabe.

„Die größte Schwierigkeit am Anfang war das Misstrauen. Die haben mich als toughe Geschäftsfrau abgestempelt und mir nicht geglaubt, dass ich das ohne Eigennutz mache“, erzählt Marija. Mit „die“ meint sie soziale Stellen und Obdachlosenvereine, bei denen sie Streetmag auslegen wollte. Außerdem wolle sie Streetmag an Leute verteilen, die noch keine Straßenzeitungen verkaufen und diese motivieren, damit anzufangen.

Geld umverteilen wie Robin Hood

Mittlerweile sind sechs Ausgaben von Streetmag erschienen, jede mit einem anderen Schwerpunkt. Auf der Titelseite der dritten Ausgabe posierten die Beatsteaks, im Innenteil stellte Jérôme Boateng, ehemaliger Hertha-Spieler und jetzt beim FC Bayern, das Projekt „Mitternachtssport Spandau“ vor – ergänzt unter anderem durch Comics von Berliner Zeichnern und ein Porträt über einen U-Bahn-Rapper. Auch in den folgenden Heften zeigen Prominente ihre Solidarität mit dem Projekt, auf der Rückseite des Streetmag Nummer vier posieren Klaus Wowereit, Frank-Walter Steinmayer und Renate Künast mit der Zeitung in der Hand. Die Band Jennifer Rostock meldete sich von selbst und wurde das Gesicht von Heft Nummer fünf. Marijas E-Mail-Postfach füllt sich mit Nachrichten von Berliner Künstlern, die sich in einer der nächsten Ausgaben präsentieren möchten. Mit Sponsoren bleibt es schwierig.

Mal melden sich Firmen von selbst, die das Projekt unterstützen wollen, mal findet sich niemand. Viele angefragte Unternehmen sind vom Format des Streetmag als Straßenzeitung irritiert. „Ich sehe keinen Widerspruch, wenn ein Modeunternehmen in einer Straßenzeitung Werbung macht. Damit beweist es soziales Engagement und kann bei unserer Zielgruppe natürlich auch Kunden gewinnen.“ So ein bisschen orientiert hat sich Marija bei diesem Konzept bei Robin Hood, sagt sie: Geld umverteilen.

Mittlerweile hat sich Streetmag etabliert und Marjia sitzt ganz selbstverständlich neben den Kollegen von motz und Straßenfeger, wenn die Arbeitsgemeinschaft „Leben mit Obdachlosen“ diskutiert. Und weitere Pläne hat sie natürlich auch. „Vielleicht verdienen wir irgendwann genug Geld, um einen Treff für Straßenkids zu eröffnen und noch mehr daraus zu machen. Jedes Projekt fängt irgendwie doch im Wohnzimmer an“, sagt Marija und lächelt flüchtig. Sie und ihr Streetmag sind angekommen in dieser Stadt, die so ganz anders ist als Stuttgart.