Der Kultursoziologe Mark Greif ist ein neuer Star der New Yorker Intellektuellenszene. Seit 2004 gibt er das Magazin n+1 heraus, wird in literarischen Kreisen viel beachtet. Im November erschien in Deutschland sein Essayband „Bluescren“, in dem er sich Youtube, Reality-TV und dem HipHop widmet, das aber auch ein Manifest für die Umverteilung von Kapital enthält. Kurz darauf gab Suhrkamp einen Sammelband seiner „Occupy-Gazette“ heraus, mit der er die Occupy Bewegung in New York von Anfang an dokumentierte. Im Frühjahr erscheint in Deutschland sein Band „Was war der Hipster“.

Es ist Winter, der Zuccotti Park ist geräumt. Wo steht denn die Occupy-Bewegung in New York?

Ich vermisse den Park persönlich sehr. Ich empfinde es als ungemeinen Verlust, nicht mehr mit Fremden, die Interesse an den gleichen politischen Veränderungen haben, von Angesicht zu Angesicht reden zu können. Ich denke, das kann nicht ersetzt werden. Ich glaube zwar daran, dass die Bewegung weiter geht, dass Einzelne und Gruppen weiter ihre Ziele verfolgen. Aber es war etwas sehr Außergewöhnliches, andere Amerikaner nicht durch das Fernsehen zu sehen, vermittelt durch falsche Deklarationen angenommener Wahrheiten.


Die Besetzung von öffentlichem Raum ist essenziell für Occupy?

Ja, die Bestätigung, dass es andere Leute gibt, die genauso fühlen wie man selbst, ist essenziell. Die Erfahrung der unvermittelten Begegnung wertet ja auch die Medien wieder auf. Für mich ist Occupy die Erfüllung dessen, was Reality-TV immer versprochen hat. Man konnte sich den Live-Stream vom Zuccotti Park anschauen, man konnte hingehen und persönlich daran teilhaben. Das Ideal von Reality TV ist, dass die beiden Hälften zusammen- gebracht werden können, dass man sich versichern kann, dass auf der anderen Seite des Bildschirms tatsächlich eine lebende, atmende Person ist. Bei Occupy ist das Realität geworden.

Zuccotti Park war also der erste wahrhaft hybride Raum, der die virtuelle und die reale Welt zusammen brachte?
Ja, er hat die Bilder auf eine verlässliche Art der Welt zurück gegeben. Durch Occupy und Zuccotti habe ich endlich verstanden, wozu das Internet gut ist. Zuccotti hat aber auch daran erinnert, dass öffentlicher Raum die Quelle der Demokratie ist und demonstriert, wie stark die wahrhaft demokratische Nutzung von Raum heute eingeschränkt ist. Occupy hat gezeigt, wie absurd es ist, wenn Politiker in den USA sogenannte „Town Hall“ Meetings abhalten, behaupten, das sei Demokratie, aber zugleich wird Eintritt verlangt und man muss durch Metalldetektoren gehen.


Sie haben in einem früheren Aufsatz gefordert, die Einkommen in den USA sollten auf 100.000 Dollar begrenzt werden und darüber hinausgehender Wohlstand umverteilt werden. Hatten Sie das Gefühl, erhört worden zu sein, als Occupy passierte?

Ja natürlich. Es gibt ein Zitat von Ralph Waldo Emerson, wo er sagt, wenn man sich nicht traut seine Meinung zu sagen, dann wird man in die peinliche Lage kommen, seine eigene Meinung von jemand anderem serviert zu bekommen. Deshalb solle man immer das sagen, was man in seinem tiefsten Innersten empfindet. Dann wird man entdecken, dass es für alle Menschen wahr ist. Es ist also etwas sehr Befriedigendes daran, sich nicht einfach nur alleine und verrückt vorzukommen.


Kommt Ihnen denn heute Ihre Forderung, die Einkommen auf 100.000 Dollar zu begrenzen realistischer vor?

Es ist eine der Lektionen von Occupy, dass manche Ideen, die auf den ersten Blick komisch oder irrsinnig sind, einen profunden Nerv treffen können. Ich hatte etwa einmal die Idee, dass alle unsere Parlamentarier auf ihren Jackets die Logos der Firmen tragen sollen, von denen sie gesponsort werden, so wie Sportler. Das ging über Twitter hinaus, kursierte als Witz und ein paar Tage später habe ich es dann als ernst gemeinten Vorschlag in einer Kolumne von Thomas Friedmann in der New York Times wieder gefunden. Das hat mich gelehrt, mir die Mühe zu machen, auch meine ganzen anderen verrückten Ideen auszuformulieren.