Ein dicker Wälzer mit demTitel „The Occupy Handbook“, da würde man sich hierzulande wohl eher eine Attac-Fibel vorstellen oder vielleicht gar eine Anleitung zum Aufbau von Zelten und der effektiven Veranstaltung von Straßenblockaden. Umso beeindruckender ist, was die amerikanische Autorin Janet Byrne zwischen zwei Buchdeckel gepackt hat. Aber der Reihe nach: Elektrisiert von der „Occupy“-Bewegung, hat Byrne einige Dutzend Autoren angeschrieben, und mitgemacht haben: Notenbanker-Legende Paul Volcker, Spitzenökonomen wie Paul Krugman, Kenneth Rogoff, Nouriel Roubini, Bradford DeLong, Raghuram Rajan, Clintons Arbeitsminister Robert Reich, Oberanarchist David Graeber, Autoren wie Barbara Ehrenreich und Chris Edges und der global einflussreichste Wirtschaftsjournalist, Martin Wolf von der Financial Times. Sie und viele andere sind mit großteils beeindruckenden Essays vertreten.

Das zeigt nicht nur, welch eine Wirkung die Occupy-Bewegung auf Teil des linksliberalen Establishments hatte. Gerade unter Wirtschaftswissenschaftlern in den USA hat sich ein progressiver, neokeynesianischer Flügel entwickelt, der längst nicht mehr überhört werden kann. Und es hat sich bis in den Mainstream hinein die These durchgesetzt, dass die ökonomische Ungleichheit die Hauptursache für die gegenwärtige ökonomische Malaise ist. Jedenfalls gibt es in den USA in der wirtschaftswissenschaftlichen Zunft heute eine Pluralität und eine Bereitschaft, Thesen zu verfechten, die dem Big Business nicht gefallen, von der man in unseren Breiten nur träumen kann.

Reform des Kapitalismus

Mehr als 61 Prozent aller amerikanischen Millionäre, zitiert Byrne in ihrer Einleitung, sind laut einer Umfrage dafür, die Steuern für Millionäre zu erhöhen. Es hat sich auch in diesen Kreisen längst herumgesprochen, dass die Konzentration von Wohlstand in den obersten Eliten-Etagen der Gesellschaft dramatische Kosten aufzwingt. Immerhin ist der Anteil des reichsten Prozent an allen Einkommensarten auf 23 Prozent gestiegen – vor zwanzig Jahren konzentrierte diese reichste Bevölkerungsgruppe „nur“ zehn Prozent der Einkommen. Star-Ökonomen wie Roubini – der Mann, der die Finanzkrise ziemlich exakt voraus gesagt hat, ist heute eine Celebrity seines Gewerbes – weisen mit immer mehr Nachdruck darauf hin, „dass wachsende Ungleichheit zu geringerem ökonomischen Wachstum führt.

Also, abseits von allen Gerechtigkeitsfragen, ist Ungleichheit damit auch gemessen am traditionellen ökonomischen Kriterium „Effizienz“ eindeutig schlecht“. Höhere Löhne, bessere Ausbildung, höhere Arbeitsmotivation, weniger Armut führen eben nicht nur zu mehr Nachfrage, sondern auch zu besseren Waren und produktiveren Firmen. Deshalb ist mehr Gleichheit auch unter Bedingungen einer kapitalistischen Marktwirtschaft ökonomisch sinnvoll.

Nachhaltiges Wachstum, so Emmanuel Saez, ist ein Wachstum, das sich an den Gezeiten des Meeres orientiert: „Eine Flut, die alle Boote hebt“. Saez plädiert für einen Spitzensteuersatz von 50 bis 70 Prozent, um die Ungleichheit wieder etwas zu reduzieren, und sein Kollege J. Bradford DeLong fragt in einem furiosen Kommentar, warum hohe Steuersätze eigentlich bei so vielen Menschen unpopulär sind, die von ihnen gar nicht betroffen wären.

Warum fragt er, haben eigentlich so wenige Menschen Mitleid mit Armen, die in Misere leben, und so viele Leute Mitleid mit Reichen, wenn die nur ein bisschen Steuern zahlen müssen? Er findet die Antwort bei Adam Smith, der einmal schrieb: „Ein Besucher von einem anderen Stern, der die Indifferenz sieht, die Menschen für jene empfinden, die unter ihnen stehen, und der das Bedauern sieht, das sie offenbar für das Unglück der Bessergestellten empfinden, muss wohl annehmen, dass Schmerz für jene schlimmer ist, die auf der sozialen Leiter weiter oben sind, als für jene, die sich auf den unteren Sprossen befinden.“ Smith erklärte diesen seltsamen Sachverhalt damit, dass uns das Leben der Reichen als „die beinahe vollständig verwirklichte Idee eines perfekten Lebens“ erscheint. Rubini, Krugman, DeLong, sie alle plädieren wie der Financial-Times-Kolumnist Martin Wolf für eine „Reform des westlichen Kapitalismus“, sodass man am Ende des Buches beinahe zu glauben versucht ist, dass der Kampf für mehr Gleichheit zum neuen zeitgenössischen Mantra geworden ist.

„Haus als Bankomat“

Das Buch ist voller funkelnder Diamanten. Etwa, wenn Daniel Gross darüber räsoniert, wie schwierig es ist, antizyklisch zu agieren (oder geben sie nicht auch mehr Geld aus, wenn sie mehr Geld haben?). Brillant auch John Cassidys atemberaubende Reportage aus der Finanzindustrie und Bethany McLeans faktenreicher Reportage-Check über die Immobilienblase, die gleich mit mehreren Mythen aufräumt, der Behauptung nämlich, der Staat habe die Blase aufgepumpt, indem er die Banken dazu ermunterte, Niedrigverdienern Immobilienkredite zu geben, damit diese sich Häuser kaufen können. Aber erstens haben die staatsnahen Hypothekenbanken nur einen verschwindend geringen Anteil am „Subprime“-Geschäft gehabt, vor allem aber hat das Subprime-Kreditgeschäft nur am Rande mit dem Erwerb von Häusern durch Unterprivilegierte zu tun. Nur 16 Prozent der Subprime-Kredite wurden dazu verwendet, um Häuser zu kaufen. 82 Prozent wurden an Menschen vergeben, die bereits Häuser besaßen, man hat ihnen Kredite aufgeschwatzt und sie überredet, ihre Häuser als Sicherheiten einzusetzen. Die übergroße Mehrheit also hat „ihr Haus als Bankomat benutzt“.

Wäre es tatsächlich so gewesen, dass die Immobilienblase mit dem Wunsch der Regierung, dass jedermann ein Haus haben sollte, zusammenhing – dann wäre die Sache auf die wenigen Fälle beschränkt geblieben, in denen sich Subprime-Kunden ein Haus auf Kredit kauften, und „dann wäre es nie zu einer Krise gekommen“.