Madrid - Rafa traut seinen Augen nicht, als er Amaia zum ersten Mal wiedersieht. Er hat sie in Sevilla kennengelernt, da trug sie ein Flamencokostüm, und er fand sie bezaubernd und aufregend. Jetzt ist er aus Andalusien in ihr baskisches Heimatdorf gereist und sieht sie zum ersten Mal in ihrer Alltagskleidung. „Du siehst ja aus, als kämest du von der Weinernte“, entfährt es ihm. Und dann noch: „Kannst du dich nicht normal anziehen?“

Zwei Kulturen prallen in der spanischen Komödie „Ocho apellidos vascos“ (Acht baskische Nachnamen) aufeinander: die andalusische und die baskische. Es geht um große Gefühle und große Probleme, es geht um die Unbegabtheit der Basken für die Liebe. Fast neuneinhalb Millionen Spanier haben den Film seit seiner Premiere im März dieses Jahres gesehen, in einigen Kinos läuft er noch immer. Nur „Titanic“ zog in Spanien einst mehr Zuschauer an. Von Zeit zu Zeit schaffen es europäische Regisseure offensichtlich, aus eher regionalen Themen den Stoff für große Filme zu gewinnen. Erinnert sei nur an „Willkommen bei den Sch’tis“, die Erfolgskomödie aus dem Norden Frankreich vor einigen Jahren.

Demonstration fürs Flirten

Wobei die spanischen Kritiker nicht so begeistert waren: Zu simpel gestrickt, zu klischeebeladen fanden sie das Werk des Regieveteranen Emilio Martínez Lázaro. Sie übersahen die Eleganz, mit der er sich der Klischees annimmt. Das Publikum kam, lachte und klatschte. Am lautesten in Andalusien und im Baskenland, ab Dezember soll der Film auch in den deutschen Kinos laufen.

Rafa, der geschniegelte Sevillaner, verbringt eine Nacht mit Amaia – die Schöne schläft neben ihm im Bett ihren Rausch aus. Rafas Freunde sind beeindruckt: Neben einer Baskin zu liegen, sei so viel wert, wie mit drei Frauen aus Málaga zu schlafen. Doch Rafa ist das nicht genug. Er reist Amaia hinterher und braucht einen ganzen Film lang, um sie schließlich für sich zu gewinnen. Denn Baskinnen (und Basken) sind wählerisch.

Ob das Vorurteil nun die Wahrheit trifft oder nicht: Die Basken selbst haben es verinnerlicht. Vor ein paar Jahren riefen die Macher eines Unterhaltungsprogramms des baskischen Fernsehens Euskadi Comanche in San Sebastián zu einer Demonstration auf, damit im Baskenland „mehr und besser“ geflirtet werde. Fast niemand kam. „Wir hatten recht“, sagte hinterher der Moderator Iñaki Urrutia, „im Baskenland wird nicht geflirtet.“

„Im Baskenland mit jemandem anzubändeln, ist schwieriger, als am Nordpol Kühlschränke zu verkaufen“, schreibt die baskische Tageszeitung El Correo. Wer es dennoch schaffe, biete damit „allen Statistiken und internationalen Studien“ die Stirn. Was natürlich übertrieben ist. Eine Studie unter spanischen Studenten aus dem Jahr 2010, veröffentlicht in der Zeitschrift Behavioral Psychology, kam zu dem Schluss, dass die regionalen Unterschiede nicht groß sind. Das versicherte auch der Studienleiter Vicente Caballo von der Universität Granada.

Immerhin groß genug, um darauf ein ganzes Stereotypengebäude aufzubauen. Wer im Baskenland flirten wolle, schreibt El Correo, müsse sich „mit Geduld wappnen“ – und damit rechnen, am Ende „wahrscheinlich nicht zum Zuge zu kommen“. Als größtes Flirthindernis schildert die Zeitung die Cuadrilla, die Freundesgruppe oder Clique, mit der jeder Baske über eine „eiserne und unbezwingbare Nabelschnur“ verbunden sei. Das sei die mühsamste Aufgabe: die Freunde oder Freundinnen des begehrten Menschen für sich zu gewinnen.

Lernen vom Film

Hinzu kommt ein hier etwas stärker als im Rest Spaniens entwickeltes Bewusstsein für die Tücken der Anmache. Die Papierservietten eines Restaurants an der Plaza Nueva in Bilbao tragen den Aufdruck: „Insistieren heißt bedrängen. Bedrängen heißt angreifen. Nein ist nein.“ Offensichtlich wissen manche auch nicht, wo die Grenzen sind. Die baskische Bloggerin Amaia Michelena hat sich jedenfalls vorgenommen, vom Film zu lernen. Sie erzählte von einer unglücklichen Liebe mit einem baskischen Landsmann. „Ich werde weiter suchen“, schreibt sie, „aber in Andalusien.“