Die Gastwirtin Ursel Hradschek (Julia Koschitz) mit der Pokerrunde in ihrem Landhotel
Hannes Hubach

Montag ist Krimitag im ZDF, da wird selbst mit dem Film zum 200.Geburtstag von Theodor Fontane keine Ausnahme gemacht. „Unterm Birnbaum“, jener schmale Roman um ein im Oderbruch beheimatetes Gastwirtspaar, das sich anno 1831 wortlos zu einem Raubmord verabredet, ist schon mehrfach als historisches Drama verfilmt worden – zuletzt 1973 von der Defa mit Angelica Domröse und Erik S. Klein in den Hauptrollen.   

Der Hergang der Tat war schon bei Fontane kein Rätsel, die Details aber waren noch der Fantasie der Leser überlassen worden. Im Film des Regisseurs Uli Edel, der gerade erst für das  Auswanderdrama „Der Club der singenden Metzger“ verantwortlich war, wird der Mord in  Rückblenden vorgeführt. Origineller aber ist die Grundidee, den Fall einfach in die Gegenwart zu übertragen. Erstaunlich, wie leicht der Sprung um fast 200 Jahre gelingt. Aus dem Einspänner des Geldeintreibers, der samt Pferd in den Oderfluten versinkt, wird einfach ein Cabrio. Das Skelett, das Gastwirt Hradschek unterm Birnbaum findet und zur Verdeckung der Tat nutzt, stammt nicht aus dem Franzosenkrieg, sondern aus dem Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende 1945 bei der Schlacht um Berlin im Oderbruch Zehntausende Soldaten fielen.  

Aus dem Dorfdrama wir ein Ehedrama

Keine Verwendung für den Film fand, obgleich in der Nähe gelegen,  der noch erhaltene originale Gasthof in Letschin, wo Fontane einst in die Apothekerlehre ging, von einem ähnlichen Fall erfuhr und den Ort Jahrzehnte später zum fiktiven „Tschechin“ machte. Das Landhotel als Schauplatz des Dramas fanden die Filmproduzenten fernab des Oderbruchs nahe  Eisenach. Die stattliche Herberge in Thüringen konnte in der Jetztzeit wohl besser die Selbstüberschätzung und Verschuldung des Gastwirts andeuten als das eher bescheidene Original. Der moderne Abel Hradschek, gespielt von Fritz Karl, ist ein Spielertyp, der alle möglichen Tricks und Täuschungen beherrscht, sich aber auch immer wieder verzockt.

Anders als bei Fontane erfährt seine Gattin erst kurz vor der Tat, dass sie pleite sind. Die grazile Julia Koschitz ist schon äußerlich die perfekte Besetzung jener Ursel Hradschek, die „zum Vornehmtum geneigt ist“, wie es bei Fontane so schön heißt. Selbst in Sportklamotten sieht sie noch flotter aus als die Frauen des Ortes. Ihre schicke Kleidung findet sie mal in den Boutiquen Berlins, oft aber im Versandhandel. Im Unterschied zu den Vorbildern steht das Paar 2019 weniger unter dem Druck der missgünstigen Dorfgemeinschaft, sondern reibt sich eher an den Problemen mit sich selbst – aus dem Dorfdrama wird ein Ehedrama. Julia Koschitz und Fritz Karl müssen hier gar nicht so viel reden wie die Hradscheks bei Fontane, können aber eindringlich die Einsamkeit und Verlorenheit der beiden spielen, die sich aneinander gekettet haben und nicht mehr voneinander loslassen können.

Hannes Hubach
Unterm Birnbaum

Montag, 30.12., 20.15 Uhr, ZDF

Drehbuchautorin Léonie-Claire Breinersdorfer hat in ihre kargen Dialoge immer wieder Kernsätze von Theodor Fontane einfließen lassen, etwa Ursels prägnanten Ausruf „Armut ist schlimmer als der Tod!“ Nicht aus der Vorlage, aber von Fontane selbst stammt der Stoßseufzer, die Gegend im Oderbruch sei wie „Klein-Sibirien“. Die Nebenfiguren setzen in dem dunklen Drama einer zertörerischen Beziehung komische Akzente.

Katharina Thalbach als „alte Hexe“

Devid Striesow etwa spielt den strebsamen Dorfpolizisten Gehlhaar, der die Hradscheks von Beginn an auf dem Kieker hat, ihnen aber zunächst nicht beikommen kann. Boris Aljinoviv verkörpert den Pfarrer Eccelius, Ursels einzigen Verbündeten im Ort. Und die Nachbarin Jeschke, bei Fontane als „alte Hexe“ betitelt, die immer wieder die Hradscheks verdächtigt, ist natürlich eine Paraderolle für Katharina Thalbach, die noch dazu mit ihrer Enkelin Nellie als Jeschke-Enkelin Line spielen darf. In der Defa-Fassung hatte die unvergessene Agnes Kraus diese schrullige Nachbarin gespielt. Der alten Jeschke bleibt auch der originale Schluss Fontanes vorbehalten: „Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch alles an die Sonnen.“