Dafür liebt man den Theaterdiscounter, dass er immer wieder Formate und Gastspiele in die Stadt holt, die in dem immer langweiliger werdenden Austauschzirkel der Verbundsproduktionshäuser nicht vorkommen. Für das Offshore-Festival hat Theaterleiter Georg Scharegg schöne Entdeckungen aus der Schweiz in die Stadt geholt, die schon in den ersten Festivaltagen der hiesigen Freien Szene eine ungemein konzentrierte Frischzellenkur verpassten. Auch die geschickte Programmierung trug dazu bei, zwischen den Gastspielen einen Assoziationsraum zu schaffen, der aktueller kaum sein könnte.

Es geht um das, was man strittigerweise „Weiblichkeit“ nennt und um die Gewalt, der sie seit je ausgesetzt ist. Um Leben- und Nichtlebenkönnen in einer Gesellschaft, die trotz mantrahaft behaupteter Offenheit fester in Machtstrukturen steckt, als noch eine Generation zuvor.

Ode auf die Hässlichen

Virginie Despentes biografisch-gesellschaftskritischer Essay „King Kong Theorie“ von 2006, analysiert diese Gewaltbeziehung sehr genau, auch wenn manche Erfahrungen und Männerbilder darin sich aktuell schon wieder anders maskieren, im Endeffekt aber bleiben das Machtgefälle und die konstruierte Weiblichkeit gleich.

Wer in den 1980er-Jahren erwachsen wurde, wer Punk-Rock noch als echte Provokation wahrgenommen hat, der wird viel von Despentes Ode auf die Hässlichen, Fetten, Armen, Bösen, Unbegehrten, kurz: die King Kongs dieser Welt ein bisschen besser verstehen. Und ihre radikale Abneigung gegen alles Opfersein, dem sich viele malträtierte Frauen, die sich gestern wie heute in die komplette Sexualisierung ihrer Persönlichkeit einhausen (lassen), nicht entziehen können.

Kriegerin statt Opfer

Das Opfersein akzeptiert Despentes, die 17-jährig selbst vergewaltigt wurde, nur als Erweckungsmoment für die Herausarbeitung aus solchem Frauenleben in das der „Kriegerin“. Einer Kriegerin gegen europäische Kultur, in der „Vergewaltigung keine Randerscheinung ist, sondern ihr Herzstück“, so Despentes. Genau das belegt und analysiert sie in dem 100-seitigen Textbrocken, mit einem nach allen Seiten hin schonungslosen Blick, der weit entfernt ist von dem schulmädchenhaften Fernsehkarrierefeminismus unserer Tage.

Der streng am Text klebenden Inszenierung von Emile Charriot könnte man Kapitulation vorwerfen, doch schaffen die beiden fast reglosen Protagonistinnen Julia Perazzini und Géraldine Chollet auf der dunkel schimmernden Bühne eine Konzentration und Spannung, die keine spielerische Aktion besser hätte verdichten können. Über eine Stunde lang bringt allein Perazzini den geschickt gekürzten Text in unaufgeregt leisen Erzählfluss, wobei ihr sensibel befremdlicher Ton leicht mit hinein zieht in die Reflexion.

Meisters Machtmissbrauch

Umrahmt wird sie durch den ebenso minimalistischen Auftritt der Tänzerin Géraldine Chollet, die knapp und präzise eine eigene Ausbeutungserfahrung beisteuert: nichts Physisches, doch einen perfiden, kleinen, sehr alltäglichen Machtmissbrauch, der den Meisterchoreografen Maurice Bejart arm aussehen lässt. Eine intensive, leise Collage ist dieser Abend, der Gestern und Heute, Leben und Text zusammen bindet.

Die Fähigkeit, mit wenig Aufwand vielschichtige, mysteriöse, wandelbare Figuren zu kreieren und Perspektiven zu lenken, bewiesen die beiden mit ihren erstaunlichen Soli „Itmar“ und „Holes & Hilles“ am Vortag. In erstem ließ Chollet zu den Klangkreiseln schweizerischer „Talerschwinger“ ein skurriles Kunst-Naturwesen über alle Seins- und Vorstellungsgrenzen hinweg torkeln, und im zweiten collagiert die virtuose Stimmenimitatorin Perazzini Lebenslinien aus Tod und Verzweiflung, wie Marguerite Duras und die Chansonette Dalida sie verkörperten, zu einem Lebenskraft-Parcours aus dem Geist der Schwärze. Mit Verschrobenem geht es am Mittwoch weiter beim installativen Solo „Urbit & Orbit“ von Denise Wintsch. Chance nutzen!

Offshore Festival bis 26. November. Infos: theaterdiscounter.de