In der Zeit der „Generation X“ sprach man auch vom „Slacker Movie“. „Slacker“, Richard Linklaters wunderbarer Schwarzweiß-Film von 1991, zeigte nicht viel mehr als ein paar junge Leute im texanischen Austin, die eine Nacht durchmachen. Mehr schienen sie vom Leben auch nicht zu erwarten; der deutsche Titel ließ indes bereits ahnen, wie man solche Wohlstandsverweigerer auch nennen konnte: „Rumtreiber“. Dann verschwanden all die „Lebowskis“ leider wieder aus dem Kino. Dafür hatten der Aufschwung, die Blase, die Finanz- und Eurokrise ihren Auftritt – und siehe da: Das Slackertum hat endlich wieder eine Lobby.

Der Debütant Jan Ole Gerster überträgt Linklaters Ansatz völlig frei und behutsam in die Gegenwart. Und siehe da: Heute geht das wieder! Auf Schwarzweiß-Material, mit glaubhaften Charakteren und einem hinreißenden Jazz-Soundtrack führt er uns durch ein Berlin im Zustand eines magischen Stillstands. Festgehalten ist das in einer selten gewordenen Nachdenklichkeit.

Tom Schilling, auch schon 30, erhält als Niko gleich zu Beginn von seiner Freundin den Laufpass und nutzt diesen zu einer Reise durch seine schöne, grauschwarze Stadt. Auch ein BVG-Kontrolleur (RP Kahl) kann ihn nicht stoppen. Gesegnet mit der oft gelobten, aber selten vom Leben belohnten Gabe des Zuhörens, trifft der Flaneur auf frustrierte Off-Theatermacher, eine leicht entflammbare Schauspielerin und seinen eigenen gut situierten, aber geizigen Vater. Und schließlich begegnet er auch der Gegenwart deutscher Vergangenheit.

Mit brüchigem Überschwang: Michael Gwisdek

Am Tresen einer Kneipe zieht ihn ein betrunkener Rentner in seinen Monolog hinein: Michael Gwisdek spielt ihn mit jenem brüchigen Überschwang, den man einst von Harald Juhnke kannte. Und doch ist da auch etwas Unheimliches an diesem alten Mann, ein Schatten, der ihn zu erdrücken scheint. Als Kind, erzählt er, hat sein Vater ihm gezeigt, wie man ein jüdisches Geschäft verwüstet. Jenen Laden, in dem sich nun die Bar befindet. Fast sein ganzes Leben hat der Mann nun an jener Schuld gelitten, dass seine kindliche Sorge damals, in der Kristallnacht, nur den Scherben auf dem Straßenpflaster galt, nicht den verfolgten Menschen. Dass er sein neues Fahrrad vor diesen Scherben schützen müsse.

Jede Szene dieses urbanen Kammerspiels besitzt die gleiche unaufdringliche Eindringlichkeit. Noch lange nachdem der Film abgelaufen ist, kommen einem diese Menschen nicht aus dem Sinn, was nur daran liegen kann, dass sie auch dem jungen Regisseur am Herzen lagen. Aber es gibt noch mehr: In der Straßenfotografie bricht der Kameramann Philipp Kirsamer eine Lanze für die Gültigkeit einer klassischen Ästhetik – dem menschlichen Realismus der Stadt- und Menschenbilder eines Chargesheimer oder Ed van der Elsken.

Wenn wir schon bei den frühen 1960ern sind, kommt einem auch ein großer Unangepasster der Berliner Filmgeschichte in den Sinn: Will Tremper, der in „Die endlose Nacht“ ähnlich stimmungsvoll ein Charakterensemble auf einer flachen Scheibe Zeit Revue passieren ließ. Und noch einen Klassiker müssen wir nennen: Walter Ruttmanns „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ hat nun einen Nachfolger! Was wurde dieser Klassiker bei seiner Premiere 1927 nicht kritisiert, weil ihm angeblich die Menschen fehlten. Nun, hier sind sie. Etwas spät vielleicht. Aber es ist ja nie zu spät für ein Generationenporträt, das für ein Gefühl von heute in der Zeitlosigkeit die rechten Bilder findet.

Oh Boy Dtl.2012. Buch & Regie: Jan Ole Gerster; 83 Minuten, Farbe. FSK ab 12.