Von wegen nur Palmen und Meer: Durch den Erfolg der Fotografie am Ende des 19. Jahrhundert konnte man plötzlich auch Bilder von Ereignissen verschicken, wie von dieser verunglückten Hochbahn in Berlin.
Foto: Museum für Kommunikation Berlin

BerlinVor gut einem Jahr suchte ich in San Francisco einen Briefkasten. Die Postkarten, die ich verschicken wollte, hatte ich geschrieben und frankiert dabei. Ich bat meine Bekannte, die mich begleitete, auch Ausschau zu halten, sie schien nicht richtig zu verstehen, warum. Als wir einen Briefkasten fanden, fragte sie mich: „Und was wirfst du da jetzt rein?“ Da begriff ich: Sie wusste nicht, was eine Postkarte ist.

Es war ein seltsamer Moment: Ich erklärte einer Reisenden ein Ritual, von dem ich angenommen hatte, dass es integraler Bestandteil des Tourismus sei: Macht man Urlaub, verschickt man Postkarten. Die junge Frau kam aus Israel, sie war Anfang zwanzig, viel eher Millenial als ich. War sie als Digital Native der analogen Welt entwachsen? Oder hatte vielmehr ich den Bezug zum medialen Fortschritt verloren, indem ich an längst überholten Traditionen festhielt?

Tatsächlich grüßt die überwiegende Mehrheit inzwischen via Social Media. Ein Kollege etwa bezwang kürzlich den Goldsteig in der Sächsischen Schweiz. Oben angekommen, bot sich ein mystischer Ausblick: Aus dem Tal stieg der Dunst dem Himmel entgegen. Das Foto davon zeigt eine Landschaft wie Tolkiens Mittelerde, also klickte ich auf das Herz unter dem Foto und vergab ein Like. Am gleichen Tag postete eine Freundin von einem Südtiroler Marktplatz die enttäuschende Latte-Art auf ihrem Cappuccino. In die Schaumkrone hatte der Barista ein grobschlächtiges Smiley gezaubert. Kein Like. Eine dritte Bekannte entdeckte zeitgleich die New Yorker Stadtbibliothek. Ich war noch niemals in New York, also: Like.

Subjektive Erlebniswelten versus typische Attraktionen

Eindrücklicher als Ansichtskarten sind die Posts allemal, schließlich geben sie Einblick in subjektive Erlebniswelten, statt nur lokaltypische Attraktionen abzubilden. Häufig entbehren die ausgewählten Motive sogar jeglichen Spektakels und spiegeln damit eher die Wirklichkeit als die massentouristisch geprägte Ästhetik von Postkarten. Deren Design bedient den „tourist gaze“, den touristischen Blick. Dieses Schauen entspricht der Suche nach dem Anderen, nach der größtmöglichen Abweichung vom eigenen Alltag. So übt sich der Tourist, dessen Blick bereits durch mediale Reproduktionen geschult ist, im Wiedererkennen bekannter Motive. „Oh, that’s so postcard!“, rief ein Reisender, als er zum ersten Mal die Niagarafälle sah.

Kann Instagram helfen, diesen voreingenommenen Blick abzulegen, etwa indem man statt der berühmten Wasserfälle die Besucherkarawanen postet? Die Frage ist eine rhetorische. Online zieht jene Natur, die unberührt wirkt. Scharenweise pilgern Menschen an Orte, auf die sie im Netz aufmerksam geworden sind, längst haben Reiseanbieter den Trend erkannt. „Instagram-Reisebüros“ sorgen dafür, dass die Posting-Freudigen an ihr Ziel – möglichst viele Likes – gelangen. Dass sie dabei Pflanzen zertrampeln, die Umgebung vermüllen, sogar neue Wildtiere in die Gegend locken, stört die wenigsten. Aber sind solche Postings aus der Ferne überhaupt die rechtmäßigen Erben der Ansichtskarte?

Eine repräsentative Online-Umfrage, die YouGov im Juni durchführte, scheint das Gegenteil herausgefunden zu haben. Als bevorzugtes Medium für Urlaubsgrüße nannten 49 Prozent der Befragten Postkarten beziehungsweise Postkarten-Apps, dicht gefolgt von Nachrichten-Apps wie WhatsApp oder Messenger, die 42 Prozent der Befragten nutzen. Erst an dritter Stelle stehen Plattformen wie Instagram, mit mickrigen 5 Prozent. Während 86 Prozent der Befragten angeben, gerne Postkarten zu erhalten, können oder wollen sich 43 Prozent nicht aufraffen, tatsächlich welche zu verschicken.

Ihre Blütezeit erlebte die Ansichtskarte zwischen 1895 und 1914. Danach sanken die Produktionszahlen erheblich – und die Motive wurden weniger vielfältig.
Museum für Kommunikation 

Brigitte Thiemann kennt das. Die Seniorin aus Kempen hat ein erfolgreiches Onlineportal für Grußkarten, „Witchtree“ heißt es. Thiemann selbst verschickt analoge Postkarten nur noch, wenn Beileid bekundet werden muss oder zur Konfirmation. Alle anderen Grüße erledigt sie mit E-Cards. Und sie weiß, dass viele es ihr gleichtun. „Als das Smartphone kam und die Apps, wurde es schnell weniger mit den Grußkarten“, erzählt Thiemann am Telefon. Laut Statistik wurden im Jahr 2018 aber immerhin noch 354 063 ihrer Karten übermittelt, fast tausend am Tag, und das weltweit. In der Vorweihnachtszeit werden täglich ca. 2 000, an Weihnachten bis zu 15 000 Karten verschickt: „Da ist bei Witchtree die Hölle los, manchmal sind so viele Leute drauf, dass alles abstürzt“, sagt sie.

Unter den meistverschickten Grußkarten dieser Saison findet sich unter anderem das Porträt einer Katze. Die grauen Pfötchen auf ein rotes Kissen gebettet, auf dem Haupt eine Nikolausmütze, blickt sie missmutig in die Ferne. Unter den Schnurrhaaren prangt der Grund für ihren Ennui: „Wann kommt denn nun endlich der Weihnachtsmann?“ Auf anderen Motiven sorgen die üblichen Sprüche für den emotionalen Touch: Besinnlichkeit, Gemütlichkeit und Frieden können die Absender wünschen – „dir“ oder „von ganzem Herzen“.

Die persönliche Ansprache, das extra ausgewählte Motiv, die Freude, dass jemand an einen gedacht hat – alles da, und trotzdem ist etwas anders als bei der „richtigen“ Postkarte. Was genau, das versucht das Berliner Museum für Kommunikation gerade innerhalb einer Ausstellung zum 150-jährigen Jubiläum der Postkarte herauszufinden. Ein Film wird gezeigt, auf dem man sieht, wie Passanten, befragt nach dem Unterschied zwischen analogem und digitalem Grüßen, nach Antworten suchen. Die Antworten sind nostalgisch, die Postkarte wird eindeutig vermisst: Sie sei für die Dauer, während digitale Grüße im Nu weggescrollt sind. Sie sei viel mehr Dokument von Zuneigung, weil sie davon zeugt, dass jemand Zeit, Aufwand und Geld investiert hat, um sich dem anderen mitzuteilen. Dass Postkartengrüße im Vergleich zu Social-Media-Posts persönlicher sind, weil sie nur einen Adressaten haben. „Individueller“, sagt einer der Befragten. „Intimer“, ein anderer.

Besser als nichts, wäre noch ein Aspekt. Seit der ersten Klassenfahrt in den Grunewald schreibe ich meinen ungarischen Großeltern Postkarten. Um die 900 Kilometer liegen zwischen ihnen und mir in Berlin, wir schreiben uns nicht und telefonieren nur an Feiertagen. Früher haben meine Eltern, mein Bruder und ich sie besucht, sobald die Schulferien angebrochen waren. Vielleicht fallen sie mir deswegen immer ein, wenn ich den Urlaub anderswo verbringe. Ich schrieb ihnen von der Nordseeküste (Schülerladenreise), aus Paris (Schüleraustausch) und Malmö (Erasmus) und steuere noch heute automatisch Postkartenständer an, wenn ich im Ausland bin. Wie kitschig die Abbildungen sind, ist egal. Was zählt, ist das Lebenszeichen, ein Schlaglicht ins Leben der Enkeltochter. Zumindest hoffe ich das.

Das Bedürfnis nach kurzen Urlaubsgrüßen besteht jedenfalls schon sehr lange. Bereits 1865 gab es erste Anläufe, ein Medium einzuführen, das nicht so umständlich und kostspielig sein würde wie der Brief. Auf der 5. Konferenz des Deutschen Postvereins stellte Postreformer Heinrich von Stephan seine Idee eines „Postblattes“ vor. In Sorge um das Briefgeheimnis und die Wahrung guter Sitten lehnten die Verantwortlichen den Vorschlag ab: Die „Mitteilung auf offenem Blatt“ galt als „unanständig“. 1869 führte zunächst die österreich-ungarische Monarchie die „Correspondenz-Karte“ ein. Schon in den ersten drei Monaten verkaufte die österreichische Postverwaltung drei Millionen Exemplare. In Deutschland kam sie im Juni 1870 in Umlauf, am ersten Tag verkaufte man 450 000 Stück. Geschäfte verbreiteten über das neue Format Abwesenheitsmeldungen und später Werbung, Privatpersonen freudige Grüße, die in Kriegszeiten zu wertvollen Lebenszeichen mutierten, das Kaiser- bzw. NS-Reich ihre Propaganda.

Auch der Hauptmann von Köpenick Wilhelm Voigt,  bekannt für seine spektakuläre  Besetzung des Köpenicker  Rathauses,  taugte 1908 als postalisches Motiv.
Museum für Kommunikation  Berlin

Die erste Blütezeit der Ansichtskarte währte von 1895 bis 1914, ihre damalige Popularität spiegelt, dass die Menschen zunehmend herum kamen. Mag die floskelhafte Sprache auf Postkarten das Gegenteil suggerieren – damit wuchs auch das Kommunikationsbedürfnis. Das lässt sich noch heute leicht nachvollziehen. Je weiter man sich vom Lebensmittelpunkt entfernt, desto größer scheint der Wunsch, sich den Daheimgebliebenen ins Gedächtnis zu rufen – um sie, aber auch sich selbst wissen zu lassen: Ich bin nicht aus der Welt.

Zu den Glanzzeiten des Mediums blieb es nicht beim Beschreiben, die Menschen sammelten auch Postkarten, und zwar so leidenschaftlich, dass das Ausland bald von der „Deutschen Epidemie“ sprach. Operettenkomponist Paul Lincke ersann im Jahr 1898 sogar einen Marsch der Ansichtskartensammler. Während die Weltwirtschaftskrise der Philokartisten-Szene einen Dämpfer versetzte, entwi-ckelte sich in den 70er-Jahren ein zweiter „großer Ansichtskartenboom“, weiß Andreas Fürst, ein wahrer Postkarten-Experte.

Er selbst ist Beweis dafür, dass die Faszination des Karten-Sammelns bis heute anhält. Ursprünglich hatte er selbst bloß nach Bildmaterial für seine Webseite gesucht, dann erlag er jedoch der Faszination alter Abbildungen mit städtebaulich-dokumentarischem Wert. „Bei mir ist dann ein regelrechter Jagdtrieb entstanden“, berichtet Fürst. „Ich wollte immer mehr davon, eine vollständigere Sammlung.“ Der Einstieg war mühsam, er wusste weder, wo die Beute zu finden war, noch, ob es entsprechende Vereine gab. Damit es Gleichgesinnte künftig leichter haben, schrieb Fürst einen Ratgeber für die Welt der Ansichtskarten.

Manche Karten kosten mehr als 10 000 Euro 

Einer, der in diesem Sammlerkosmos sein Geld verdient, ist Daniel Seidel, Gründer einer Postkarten-Onlinebörse. Sein Unternehmen akpool, das 2008 auf Ebay seinen Anfang nahm, sitzt in einem unauffälligen Eckhaus in Adlershof. Seidels Ware, die hier sortiert, katalogisiert und verkauft wird, ist begehrt: 6 000 Sendungen verlassen die Büroräume monatlich, 14 886 Kunden haben den Newsletter der Firma abonniert, 1 500 neue, zum Kauf stehende Karten werden täglich auf die Webseite hochgeladen.

Philokartisten sind die Entdecker unter den Sammlern. Während es für Briefmarken oder Münzen Kataloge gibt, die den Preis bestimmen, gibt es bei Postkarten weder Preis-, noch Planungssicherheit: „Sie wissen nie, was produziert wurde“, erklärt Seidel, vor ihm eine Schachtel, sie enthält frisch ersteigerte Ansichtskarten. „Dieses Unbestimmte ist charmant, ein bisschen wie Schatzsuche.“

Einzelpreise rangieren zwischen 4 und 25 Euro, aber nicht nur: Im Juli hatte der Händler ein Exemplar im Angebot, das anlässlich einer Ausstellung des Weimarer Bauhauses im Jahr 1923 gedruckt wurde. Es kostete 5 400 Euro und war doch ein Schnäppchen. Karten aus solchen prominenten Serien gehen auch mal für mehr als 10 000 Euro weg.

Aller Karten Anfang: Diese „Correspondenz-Karte“ wurde am 1.10.1869 von Perg (Österreich) nach Kirchdorf versandt und war die erste Postkarte. 
Museum für Kommunikation Berlin
Sie markierte den Beginn eines rascheren Informationsaustauschs, wurde jedoch bei  ihrer Einführung noch als „unanständige Form der Mitteilung“ kritisiert – auch wurde zu Beginn um die Bewahrung guter Sitten und um sinkende Einnahmen gefürchtet.
Museum für Kommunikation Berlin

Nach dem Reiz des Objekts gefragt, spricht Seidel von Handlichkeit, davon, dass Karten online gut abzubilden, zu lagern und zu verschicken seien. Auch sei bei keiner anderen Antiquität in zehn Minuten erklärt, wie ihr Zustand sei. Aus persönlichem Interesse guckt Seidel, der inzwischen nah am Firmensitz wohnt, gern nach Motiven von Adlershof. Oder nach welchen von Halle-Neustadt, seinem Geburtsort. Er kramt einige Karten hervor, sie zeigen Plattenbauten. „Als ich zu sammeln anfing, hat das eine neue Kommunikationsebene zu meinen Eltern eröffnet“, erzählt er. „Man erinnert sich gemeinsam an alte Zeiten.“

Wie wird man sich in Zukunft an alte Zeiten erinnern? Wird man sich um ein Display scharen und durch Instagram-Profile klicken, auf denen Erlebnisse nebeneinandergepinnt sind wie tote Schmetterlinge?

Ich jedenfalls werde auf eine Kiste voller Urlaubsgrüße zurückgreifen können. Jede einzelne, von Freunden an mich geschickte Postkarte wird dann nicht nur von meiner Existenz zeugen – dafür reicht tatsächlich ein Blick in das Archiv der eigenen Social-Media-Posts –, sondern von Beziehungen, die sich im Lauf der Jahre ergeben und entwickelt haben. Der Wert der persönlichen Ansprache auf einer Postkarte lässt sich ohnehin von keiner Floskel, keinem Kitschmotiv mindern. Ich habe im vergangenen Sommer unzählige Urlausgrüße in meinem Feed gefunden, aber nur eine Postkarte in meinem Briefkasten. Sie beginnt mit den Worten: „Ich musste an dich denken, als ich in NYC war.“