Die Idee ist Ohad Ben-Ari in der Kantine der Berliner Philharmoniker gekommen. Der israelische Pianist und Komponist war dort mit seinem Freund, dem Geiger Guy Braunstein, verabredet. Während sie sich unterhielten, fiel Ben-Ari auf, dass sie nicht die einzigen hebräisch Sprechenden waren, sondern dass unter den Mittagessern nicht wenige Musiker waren, die wie er in Berlin ein neues Zuhause gefunden haben. Einige kannte er auch. „Wow, da sind so viele tolle Musiker, genug um ein symphonisches Orchester zu gründen, nur aus Israelis“, war Ohad Ben-Aris Gedanke.

Der 40-jährige Musiker sitzt in Trainingsjacke und Jeans in der Küche seiner Wohnung im Prenzlauer Berg. Die Haare seines Dreitagebarts sprießen länger als die auf seinem Kopf, im linken Ohr glänzt ein Ring. Das Fenster des schmalen Raums öffnet sich zum Hinterhof, wo der Wind das braune Laub der Kastanie zaust. Mehrere Jahre sind vergangen seit dem Treffen in der Kantine. Zeit, in der die spontane Eingebung nicht nur Gestalt angenommen hat, sondern über den Urgedanken hinaus gewachsen ist.

Ja, es ist Ohad Ben-Ari gelungen, ein Orchester ausschließlich aus Israelis zu formen. „Das war gar nicht so schwer“, sagt er. Über die Hälfte lebt in Berlin, die anderen kommen aus Freiburg, Hamburg, München oder Köln. Dank Facebook waren die Kontakte rasch geknüpft. „Die Reaktionen waren super, ich musste niemanden überreden.“

Überraschende Vielfalt

Aber warum nur Musiker? Gibt es in Deutschland nicht auch Künstler, Schauspieler, Regisseure oder Tänzer auf dem gleichen Niveau, die dem Nahen Osten den Rücken gekehrt haben? Es gibt sie. Ben-Ari war selbst überrascht über die Vielfalt an israelischer Kreativität, die sich in Deutschland versammelt hat. Die Idee zu einem Festival war geboren und fand Unterstützer, etwa den Bundestagsabgeordneten Rüdiger Kruse (CDU) oder die Schwarzkopfstiftung. Am Ende übernahm das Haus der Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit 300.000 Euro das Gros der Finanzierung.

ID Festival heißt es nun und feiert mit dem Orchester am Wochenende sozusagen Doppelpremiere. Das I steht für Israel und das D für Deutschland. Als Abkürzung aber meint es auch das englische Wort identitiy (Identität). „Israel und Deutschland, das gehört eben beides zu unserer Identität“, sagt Ben-Ari. Das sagt sich so leicht. Birgt das Leben in diesen zwei Welten doch einen unauflösbaren Widerspruch. Auf der einen Seite die Heimat in Nahost, deren nationalistische Politik, engstirnige Gesellschaft und hohe Lebenshaltungskosten die Kreativen vertreibt, auf der anderen Seite ausgerechnet Deutschland, Ursprung des Holocaust, das zu einem neuen Zuhause wird. Dieser Konflikt zieht sich denn auch durch die Arbeiten der Künstler, nicht nur für die Zeit des Festivals.

Ohad Ben-Ari ist dem lange ausgewichen. Es klingt noch immer eher pragmatisch-optimistisch, geradezu zufällig, wenn er sagt: „Ich habe in Berlin einfach eine besser Zukunft als in meiner Heimat.“ Er war 16, als er zum ersten Mal nach Frankfurt am Main kam, um in Meisterklassen an seiner Karriere als Solopianist zu arbeiten. Zu diesem Zeitpunkt hatte er die Schule in Israel bereits abgeschlossen und studierte Musik an der Universität von Tel Aviv.

Und die Eltern ließen ihn einfach nach Deutschland ziehen? „Für meine Familie war das kein Thema“, sagt Ben-Ari. Und dass der viermonatige Enkel, dessen Krähen aus dem Nebenzimmer tönt, nun als Berliner aufwächst? „Auch nicht, außerdem ist er ja Kanadier, wie seine Mama.“ Na ja, auf dem Papier. Prägen wird ihn der Kindergarten im Prenzlauer Berg.

Nach vier Jahren Deutschland ging Ben-Ari nach Nordamerika, genauer gesagt in die USA, wo er mit Popmusik experimentierte und sich als Produzent einen Namen machte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich wieder in Deutschland leben werde“, erinnert sich Ben-Ari. Doch es kam anders, was zum Teil mit seinem Kindheitsfreund Guy Braunstein zusammenhing, der inzwischen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker war, und mit den guten Arbeitsbedingungen für klassische Musiker, allein durch die öffentliche Förderung. Aber auch das Umfeld hatte sich verändert. „Als ich das erste Mal nach Deutschland kam, war ich vielleicht einer von zehn israelischen Musikern, heute kommen immer mehr, wie Champignons im Regen.“

Ausgerechnet Berlin

Und dann, ausgerechnet hier in Berlin, wohin er 2007 kam, musste sich Ben-Ari erstmals intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzen. Die Berliner Philharmoniker beauftragten ihn, ein Werk für Streicher anlässlich des 70. Holocaust-Gedenktags zu komponieren. Gespielt werden sollte es auf den Instrumenten verfolgter, vertriebener oder ermordeter Juden, die der Geigenbauer Amnon Weinstein in Tel Aviv gesammelt und renoviert hatte. „Ich hatte mich zuvor nie künstlerisch mit dem Holocaust beschäftigt“, sagt Ben-Ari. „Ich wollte lieber nach vorn schauen, ich bin nicht nach Berlin gekommen, um mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen.“ Einen Auftrag der Philharmoniker aber lehnt man nicht ab.

Also suchte er nach Geschichten, die ihn inspirieren. Ben-Ari begann sich mit der eigenen Familie zu beschäftigen. „Ich wusste wenig, nur dass sie irgendwie vom Holocaust betroffen war, aber nicht wer und wie.“ Auch seine Schwestern waren keine große Hilfe. Erst ein Onkel wusste weiter. Mehr erzählt Ben-Ari nicht. Nur soviel, dass er eine der Geigen seinen beiden Urgroßmüttern Batya Melzer und Naomi Kirchner gewidmet hat. Es ist eines der Instrumente, auf denen die „Violins of Hope“, die Geigen der Hoffnung, von Ohad Ben-Ari im Januar dieses Jahres uraufgeführt wurden.

Die Geschichte ist allgegenwärtig, nicht immer im Vordergrund, aber präsent. Das gilt auch für das ID Festival. Liest man die über hundert Namen der teilnehmenden Künstler, wird einem wiederum klar, dass es schon einmal, bis vor dem Zweiten Weltkrieg eine sehr lebendige jüdische Kulturszene in Deutschland gab. Hier in Berlin war es, wo jüdische Künstler das letzte Mal auftreten konnten, bevor auch der Jüdische Kulturbund 1941 endgültig von den Nationalsozialisten verboten wurde. Ein symbolischer Brückenschlag.

„Ich finde das poetisch“, sagt Ben-Ari, „das hat einen größeren Sinn.“ Und es ist eine Bereicherung.