Osman Kavala, Vorsitzender des Kulturinstituts Anadolu Kültür, im Jahr 2014.
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In einem Gefängnis nahe Istanbul findet Osman, der dort in Einzelhaft einsitzt, zwei Schnecken in seinem Mittagessen. Da er sich nach Gesellschaft sehnt, beschließt er, sich um die Tiere zu kümmern und sie mit Salat zu füttern. Die Schnecken belohnen ihn – mit einem Lied. „In einigen Küchen landen wir in einem Topf mit Knoblauchbutter und Gewürzen“, singen sie. „Wir aber haben das Glück, bei Osman zu sein, einem Mann von Ehre und Vernunft.“

So beginnt die elfminütige Video-Oper „Osman Bey und die Schnecken“, die das britische Performance-Kunst-Ensemble „Opera Circus“ produzierte und vor zwei Monaten online stellte. Das Stück ist eine Hommage an Osman Kavala, Geschäftsmann, Philanthrop und der wohl bekannteste politische Gefangene der Türkei. Die Mini-Oper weist auf sein Schicksal hin und tritt für seine Freilassung ein.

Der 62-jährige Millionär Kavala ist eine zentrale Figur in der türkischen Kulturszene. Er setzte sich in zahlreichen Projekten für Demokratie, Menschenrechte und die Stärkung der Zivilgesellschaft ein, unterstützte Projekte zum kulturellen Gedächtnis für Armenier, Kurden, Jesiden und andere marginalisierte Gruppen. Wer sich für linke Projekte, Kunstaktionen oder völkerverbindende Konferenzen im Land interessierte, konnte sicher sein, den Netzwerker dort anzutreffen. Wenn westliche Politiker die Türkei besuchten, trafen sie häufig auch mit Kavala zusammen. Mit dem deutschen Goethe-Institut hat Kavala jahrelang zusammengearbeitet.

Der heutige Dienstag ist der 1029. Tag, den der Kulturmäzen im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis von Silivri nahe Istanbul verbringt, seit er dort im Oktober 2017 eingesperrt wurde. Als Freunde und Menschenrechtsaktivisten vor einem Monat mit zahlreichen Aktionen auf seinen 1000. Gefängnistag hinwiesen, bezeichnete seine Frau Ayse Bugra die fast dreijährige Einzelhaft auf einer Pressekonferenz als „eine Art Folter“. Die Professorin für politische Ökonomie sagte, in der Haftzeit sei ihr Mann viermal festgenommen, dreimal freigelassen und einmal freigesprochen worden. „Ich kann in all dem keinen Sinn erkennen, weder juristisch, noch mit dem normalen Menschenverstand.“

Während es die EU-Führung versäumte, sich am Tag des traurigen Jubiläums in Ankara nachhaltig für Kavala einzusetzen, forderte das US-Außenministerium die Türkei in einer Erklärung mit Nachdruck auf, Kavala freizulassen. Denn der „türkische Philanthrop und Anführer der Zivilgesellschaft“ habe 1000 Tage in Haft verbracht, „ohne wegen eines Verbrechens verurteilt zu werden“. Ankara antwortete kühl mit dem Verweis auf den „juristischen Prozess“, in den man keine Einmischung von außen dulde. Niemand könne türkischen Gerichten Befehle erteilen. Es sei denn, twitterten Spötter, sie hießen Recep Tayyip Erdogan, wie der türkische Staatspräsident.

Ursprünglich wurde Kavala beschuldigt, die landesweiten regierungskritischen Gezi-Proteste 2013 organisiert zu haben. Doch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) erklärte die Vorwürfe im Dezember einstimmig für nichtig wegen Mangels an „Fakten, Informationen oder Beweisen“ und ordnete Kavalas Freilassung an. Zwar sprach ihn ein türkisches Gericht am 18. Februar vom Vorwurf des Umsturzversuchs im Gezi-Zusammenhang frei, womit es das EGMR-Urteil formal erfüllte. Doch die von Erdogan gelenkte Justiz formulierte dieselben Vorwürfe leicht um und sperrte ihn noch am selben Tag wieder ein. Er wird nun unter anderem der „politischen und militärischen Spionage“ im Zusammenhang mit dem Putschversuch von 2016 beschuldigt.

Für Erdogan ist Kavala ein Staatsfeind, dem er vorwirft, von dem jüdischen US-Milliardär und Demokratieförderer George Soros kontrolliert zu werden. Der „rote Soros“, wie ihn die staatlich gelenkte Presse bezeichnet, wird von Erdogan möglicherweise deshalb so unerbittlich verfolgt, weil er all das verkörpert, was der Staatschef hasst: Friedenspolitik, linke Boheme, die türkische Zivilgesellschaft. „Warum mögt ihr diesen Mann so sehr?“, soll er einmal Bundeskanzlerin Angela Merkel gefragt haben, weil sie sich so verdächtig intensiv für Kavala einsetze.

Istanbuler Kulturschaffende starteten Solidaritätskampagne für Osman Kavala

In einem in der Haft geführten schriftlichen Interview mit Kavala, das die oppositionelle Internet-Nachrichtenseite Bianet kürzlich veröffentlichte, bezeichnete der Kunstförderer die vorgebrachten Haftgründe als „fantastische Fiktion“ und „virtuelle Verbrechen“. Doch er glaube fest daran, dass die Herrschaft des Rechts in der Türkei wiederhergestellt werden könne. „Das Vertrauen in die Justiz ist vermutlich so gering wie noch nie. Ich glaube nicht, dass dies nachhaltig ist“, sagte er.

Um auf Kavalas Schicksal aufmerksam zu machen, begannen führende Kulturschaffende in Istanbul bereits vor mehreren Monaten mit der Solidaritätskampagne „Free Osman Kavala“, an der sich inzwischen rund 200 Künstler und Intellektuelle beteiligen. Am Tag des 1000. Haft-Jubiläums Ende Juli riefen zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, Politiker und Kulturschaffende aus aller Welt in den sozialen Medien die Türkei auf, den Kunstmäzen unverzüglich freizulassen.

Für diesen Tag hatten Aktivisten auch das Projekt „Ein Wort für Osman Kavala“ ins Leben gerufen, in dem 1000 Teilnehmer gebeten wurden, den Aktivisten mit einem Wort zu beschreiben. Die populärsten Wörter wurden online veröffentlicht. Es waren „Gewissen, Mensch, bescheiden“. Die türkische Video- und Performancekünstlerin Selda Asal hatte die Aktion mitorganisiert und sagt am Telefon: „Wir werden nicht aufhören zu protestieren, bis Osman Kavala frei ist.“

Für den November ist in Ankara die Ausstellung „Shared Sacred Sites“ geplant, an deren Vorbereitung in der Türkei Kavala aus dem Gefängnis beteiligt war, und die bereits in Istanbul, Marseille, New York, Paris und Thessaloniki gezeigt wurde. Ganz in Kavalas Sinn, Brücken zwischen Religionen zu bauen, behandelt die Ausstellung gemeinsam genutzte „heilige Orte“ wie die Ende Juli wieder zur Moschee umgewidmete Hagia Sophia in Istanbul.

Shermin Langhoff und Fatih Akin setzen sich für Osman Kavala ein

Selda Asal war auch an der künstlerischen Umsetzung einer Social-Media-Kampagne deutscher Künstler beteiligt, die auf eine Idee der Berliner Theaterintendantin Shermin Langhoff und des Hamburger Filmemachers Fatih Akin zurückgeht. Seit Anfang Juni publizieren sie jeden Tag online einminütige Videos, in denen Prominente die Frage beantworten: „Was hat Kavala getan?“ – um seine Beiträge zur Kultur und Förderung der Zivilgesellschaft in der Türkei zu erläutern. 125 Personen beteiligten sich bislang, zahlreiche Kuratoren, Künstler, Schriftsteller aus dem In- und Ausland, darunter der kanadische Filmemacher Atom Egoyan, der türkische Musiker Zülfü Livaneli und die deutsche Schriftstellerin Sibylle Berg.

„Die Beiträge zeigen Osman Kavala als eine Person, die unermüdlich daran gearbeitet hat, Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammenzubringen“, sagt Selda Asal. Auch die Lockdown-Oper „Osman Bey und die Schnecken“ zeige Kavalas Charakter als Menschenfreund: „Er hat sogar kritisiert, dass die Filmemacher seine Gefängniswächter brutal darstellen. Er sagt, sie behandeln ihn gut.“

Der britische Komponist Nigel Osborne hatte von den Schnecken gehört, die Kavala in seiner Zelle mit Salat fütterte. Für seine während des Corona-Lockdowns produzierte Kurzoper griff er Elemente arabischer, kurdischer, türkischer und balkanischer Musik auf, um damit auf die kulturellen Brücken anzuspielen, die Kavala zu bauen versuchte. Opernsänger aus der ganzen Welt nahmen die Songs in ihren Wohnungen auf. „Die Welt kann nicht weiter unschuldige Menschen einsperren. Wir dürfen die Engel nicht foltern“, sagte Osborne über sein Stück.

Symbol des Untergangs der Türkei

Ebenfalls im Juni nominierte eine Gruppe prominenter westlicher Politiker und Intellektueller Kavala für den Václav-Havel-Menschenrechtspreis des Europarats. „Kavalas anhaltende Gefangenschaft ist ein Symbol des Umgangs der Türkei mit ihrer Zivilgesellschaft“, sagt Yavuz Baydar, Chefredakteur der exiltürkischen Nachrichtenplattform Ahvalnews. „Wann immer jemand den Staat herausfordert, wird er bis in alle Ewigkeit verfolgt – so wie der Schriftsteller Ahmet Altan und der kurdische Reformpolitiker Selahattin Demirtas, die auch seit Jahren inhaftiert sind.“ Indem die Regierung das EGMR-Urteil ignoriere, zeige sie zudem ihre Verachtung für das europäische Rechtssystem.

Zumindest Osman Kavalas Schnecken sind jetzt frei. Als der Philanthrop im Februar kurzzeitig freigesprochen wurde, übergab er die Tiere seinem Anwalt, bei dem sie bis heute leben. Aber ihr Retter sitzt noch immer unschuldig hinter Gittern.