Nachdem ich das Manuskript zu meinem Debütroman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ endgültig und unwiederbringlich abgegeben hatte, war ich erleichtert und wollte es nie wieder sehen. Was ich wollte, war wieder und ohne schlechtes Gewissen aus dem Haus zu gehen, auf Partys und in Bars, Freunde treffen und anstatt mein eigenes Manuskript auszubessern gute Bücher von anderen zu lesen. Ich wollte Urlaub von meinen Charakteren und mir selber. Es war eine schöne Zeit, ich wusste, dass ich nichts mehr ändern kann – ich konnte das Manuskript weder zurückziehen noch ausbessern. Dennoch fühlte ich mich permanent unwohl.

Anfang Dezember sollte der Postbote das erste Leseexemplar meines Buches bringen. Die Tage waren kurz, kalt und dunkel. Der erste Schnee kündigte sich an. Seitdem ich wusste, dass meine Lektorin das Buch aus München losgeschickt hatte, traute ich mich nicht mehr, zwischen neun und achtzehn Uhr aus dem Haus zu gehen. Ich hatte Angst, den Postboten zu verpassen. Als er endlich an meiner Tür geklingelt hatte, riss ich ihm das Paket aus den Händen. Er hat mich sicherlich für vollkommen irre gehalten und wahrscheinlich recht gehabt.

Das Buch lag angenehm schwer in meiner Hand, die Farben des Schutzumschlags waren etwas anders, als der Entwurf auf meinem Bildschirm – schöner und grüner. Es war ein seltsames Gefühl, das fertige Buch in den Händen zu halten. Nicht unbedingt gut, eher unheimlich. Ich hatte drei Jahre an diesem Buch gearbeitet und kannte es vor allem als ein ewig langes Word-Dokument auf meinem Computer oder als Ansammlung loser Blätter, von welchen mir fast immer ein paar abhanden kamen. Besonders schmerzhaft war es, wenn sich auf ihnen Anmerkungen meiner Lektorin befanden. In diesem Fall stellte ich meine ganze Wohnung auf den Kopf, was nicht ganz einfach ist, denn ich bin extrem unordentlich. Ich ruhte nicht, bevor die Blätter unter einem Regal, Schuhen oder Kaffeetassen hervorkamen. Im Dezember stand ich schließlich mit meinem Buch in meinem Wohnzimmer, das wieder verwüstet aussah, und wusste nicht recht, was als Nächstes kommen sollte. Ein zweites, alsbald wie möglich. Zuerst stellte ich das erste ins Regal.

Einen Monat später kam eine ganze Kiste mit Belegexemplaren, in meinem Bücherregal stand nun eine ganze Reihe identischer Bücher, auf denen mein Nachname stand und der von mir bereits vor zwei Jahren ausgesuchte Titel „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Anschließend ordnete ich mein Bücherregal nach Farben.

Am 6. Februar 2012 erschien das Buch. Freunde schrieben mir schon Tage früher, dass sie es bereits in Buchhandlungen gesehen hätten. Die meisten meiner Freunde und Bekannten lasen das Buch erst jetzt – und ich war fertig mit den Nerven. Plötzlich war das Buch in der Presse, auf den Schreibtischen meiner Freunde und in den Buchhandlungen – ich schlich mich immer um die Tische mit den Neuerscheinungen und traute mich nicht näher zu kommen. Ein Freund, der nur ein paar Brocken Deutsch spricht, schickte mir ein Foto aus der Buchhandlung am Frankfurter Flughafen – er und mein Buch. Ich hätte lieber ihn gesehen. Ein anderer schrieb, er würde gerade in der U-Bahn sitzen, und die Frau ihm gegenüber läse „in meinem Russen“. Ein anderer bemerkte ganz richtig, dass die medizinischen Details nicht immer richtig sind, doch es war zu spät. Ich wusste nicht, ob das Buch überhaupt jemanden gefallen würde oder was meine Eltern dazu sagen würden – ich war zutiefst beunruhigt. Gleichzeitig wäre es mir lieber, wenn es um jemand anders gegangen wäre. Ich war dennoch sehr überrascht darüber, dass das Buch so breit besprochen wurde. Mit so viel Aufmerksamkeit hätte ich niemals gerechnet.

Womit ich ebenfalls nicht gerechnet habe, war die permanente Frage nach meiner eigenen Biografie – ich betrachte das Buch nicht als autobiografisch. Natürlich gibt es gewisse Gemeinsamkeiten zwischen mir und Mascha, der Protagonistin, wie etwa das Alter oder die vermeintliche Herkunft; doch ich habe nichts von all dem im Buch Geschildertem erlebt – weder den Tod eines geliebten Menschen, noch ein Trauma in der Kindheit und gewiss leide ich an keiner posttraumatischen Belastungsstörung. Es ist merkwürdig in der Presse folgende Sätze zu lesen: „Olga Grjasnowa verarbeitet in ihrem Roman („Der Russe ist einer, der Birken liebt“) ihre Erfahrungen als jüdische Einwandererin in Deutschland.“ Zudem habe ich auch nicht das Gefühl, dass es darum geht.

Oft sind Menschen regelrecht entsetzt, wenn ich sage, dass es sich bei meinem Debüt nicht um meine Autobiografie handelt, manchen erscheine ich bei Lesungen als „für einen Flüchtling zu glücklich“ und anderen als nicht dankbar genug gegenüber „meiner neuen Heimat“. Einmal kam nach einer Lesung eine ältere Dame auf mich zu und streichelte mir über die Wange, folgende Worte murmelnd: „So jung und schon so viel erlebt. Es wird besser Kindchen, es wird nun alles besser.“ Ich habe sie leider nicht auf mich zukommen sehen, und wusste nicht, was besser werden sollte. Doch die Tatsache, dass jene Dame mir ungefragt ins Gesicht fasste, war nicht das versprochene „besser“, sondern übergriffig.

Auch wenn ich heute irgendwo mein Buch sehe, ist es nach wie vor ein ambivalentes Gefühl. Ich traue mich nicht, es in Buchhandlungen anzufassen und muss es trotzdem ab und zu kaufen, denn ich verliere ständig das Exemplar, aus dem ich bei meinen Lesungen vorlese. Es ist unglaublich peinlich und ich hoffe jedes Mal, dass mich niemand beim Kauf meines eigenen Buches erkennen wird. Bisher ist es glücklicherweise nur ein einziges Mal passiert und auch nur anhand meiner Bankkarte und zum Glück bezahlte ich gerade ein anderes Buch.

Vor Kurzem sprach mich meine Tante auf das „russische Internet“ an, ich wusste nicht, was sie meinte und es war mir auch egal, aber sie schickte mir einen Link, und ich clickte mich durch, obwohl ich mir einst geschworen hatte, so etwas niemals zu tun: Es ging um den in der Zeit erschienenen Artikel von Ursula März, der ins Russische übersetzt wurde. Anscheinend gefiel den Usern der Titel meines Romans nicht sonderlich – als eine aserbaidschanische „Jüdin“ (man benutzte hier den äußerst abfälligen russischen Begriff „zid“, der mehr mit „Judensau“ als „Jüdin“ gemeinsam hat) dürfe ich mir nicht anmaßen, über die russische Seele zu schreiben. Zudem würde ich mich hinter einem russischen Namen verstecken und nicht zu „Kogan“ stehen. Meine Freunde seien Gesindel, wie ich auch. Ein anderer suggeriert, dass mein Verleger gemäß den Protokollen von Zion das Weltjudentum anführt und ich den Deutschen das Geld aus der Tasche ziehen würde. Eine Tigerin möchte nun ihren Bildschirm desinfizieren. Fettiger I-Pad schlägt Juden vor, für ihn allesamt „chinesische Neger“, ins Tote Meer auszuwandern und dort von der Sozialhilfe zu leben. Maks83 schreibt, ALLES sei nur jüdische Propaganda. Seine Oma hätte ihm schon von den Juden erzählt – eine Nation, dreckiger als Zigeuner und geklaut hätten wir selbstverständlich auch. Niboko hat dagegen einen Plan, er möchte mich vergasen. Das russische Internet war keine sonderliche Überraschung.

Dennoch: Ich mag meinen Beruf sehr, und ich bin mehr als glücklich darüber, dass ich zurzeit vom Schreiben leben kann. Das ist bei Weitem keine Selbstverständlichkeit, und es ist großartig.

Nun schreibe ich mein zweites Buch, und ich würde gerne sagen, dass es sich nun besser anfühlt, dass ich selbstsicher bin und ein besserer Mensch, aber eigentlich habe ich nun noch mehr Angst. Das einzig Beständige sind Zweifel.