Zart legt sich der Nebel auf die Wipfel des Taxöldener Forstes, wo niemand ahnt, was sich in der bayerischen Landeshauptstadt zusammenbraut. Denn es mag schön und friedlich sein in der Oberpfalz, aber es gibt dort immer weniger Arbeit; der Braunkohleabbau hat sich nahezu erledigt, mit der Maxhütte geht es bergab, und die Landwirtschaft bringt nicht mehr genügend ein.

Menschen wandern ab, und denen, die bleiben, fehlt es vorn und hinten an Geld. In einer solchen Situation klingt die mögliche Ansiedlung eines „zukunftsweisenden, industriellen Großprojektes“ wie Musik in den Ohren eines Landrates, der sich um seine Region und ihre Bewohner sorgt.

Die Ruhe im Hinterland ist vorbei

„Blitzsaubere Sache, Hightech und so weiter, alles in weißen Kitteln … und mindestens 3000 neue Arbeitsplätze.“ So hört sich, aus dem Munde des Herrn Staatsministers für Umwelt, ein Angebot an, das man nicht ablehnen kann.

Bis er es dann eben doch ablehnt, der Landrat Schuierer von der SPD, und mit ihm noch ein paar Hunderttausend andere, die den Kampf aufnehmen gegen die von der Bayerischen Staatsregierung unter Führung von CSU-Chef Franz Josef Strauß in Wackersdorf im Landkreis Schwandorf geplante Wiederaufarbeitungsanlage für nukleare Kernbrennstoffe. Und dann ist es mit der Ruhe im Hinterland vorbei.

Ein jüngeres Kapitel in der Geschichte Bayerns 

Mittendrin ist man da bereits in diesem klugen Film, „Wackersdorf“, den Oliver Haffner nach einem gemeinsam mit Gernot Krää geschriebenen Drehbuch als Politdrama in Szene gesetzt hat.

Einsetzend 1981 mit oben erwähntem Angebot und endend 1986 mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, widmet sich „Wackersdorf“ einem jüngeren Kapitel der Geschichte Bayerns – und, lässt sich ergänzen, der der demokratischen Strukturen in der BRD – und bereitet es als eine Lektion in Bürgersinn, Engagement und politischem wie moralischem Verantwortungsbewusstsein auf. Trockener Stoff, möchte man meinen, zumal Haffner auch noch die Themen Rechtsstaatlichkeit und Willkürherrschaft sowie Solidarität, Zivilcourage und Widerstand in den Blick nimmt.

Als Schuierer eines Tags verkündet, dass er nix unterschreibt und schon gleich gar keine Genehmigung, da ruft einer seiner Mitarbeiter erschrocken aus: „Eine Machtprobe mit dem Strauß!?“, gerade so, als sei der Vorgesetzte von Sinnen, weil er dem Willen des Landesvaters zuwiderhandeln will.

Wenig später findet sich der Landrat vermittels der skandalösen „Lex Schuierer“ (die auch heute noch in Kraft ist) entmachtet. Er spricht dennoch im Rahmen einer Kundgebung am millionenschweren Bauzaun, der das Gelände gegen die Protestierer abschließt, von einer „Demokratur à la Franz Josef Strauß“, die man hier in der Oberpfalz nicht wolle. Die Leute jubeln. Polemik? Wenig später hat Schuierer ein Disziplinarverfahren am Hals und soll sich bei Strauß persönlich entschuldigen.

Spezlwirtschaft und Amigosumpf

Was Haffner in „Wackersdorf“ so hervorragend gelingt, ist die bedrückende, ja lähmende Atmosphäre fühlbar zu machen, die zu jener Zeit in Bayern herrschte; jene Mischung aus Spezlwirtschaft und Amigosumpf, die die demokratischen Strukturen dort verklebte, damals in noch höherem Maße als heute.

In einigen wenigen prägnanten Szenen, die mit der Politsatire flirten, bringt er jene schlitzohrig-hinterfotzige Selbstherrlichkeit und Arroganz der CSU-Funktionäre auf den Punkt, die da meinten, mit dem kleinen Kaff in der Oberpfalz und den dort ansässigen depperten Bauerntrampeln Schlitten fahren zu können. Und die dann mit beispielloser Kaltschnäuzigkeit und ungeheurer Brutalität gegen die alsbald sich regende Bürgerbewegung vorgingen, die keine regionale bleiben wollte. Sodass es schließlich zu jenen bürgerkriegsähnlichen Zuständen kam, die der Rest der Republik zunehmend entsetzt zur Kenntnis nehmen musste.

Herrschende Strukturen hinterfragen

Indem sie den friedliebenden Landrat, der sein blaues Wunder erlebt, zum zentralen Protagonisten wählen, lassen Haffner und Krää die Debatte um das Gewaltmonopol des Staates, die sich traditionsgemäß an linke Widerstandsbewegungen anheftet, schlicht beiseite.

Weil weniger der Erfolg militanter Strategien hier das Thema ist, als vielmehr die Geschichte eines Erwachens: nicht nur des Hinterlandes, sondern eines ganzen Bundeslandes, das am Beispiel der Gegenwehr in Wackersdorf die herrschenden Strukturen zu hinterfragen lernt und schließlich nicht mehr länger hinzunehmen gewillt ist. So gesehen ist „Wackersdorf“ ein Memento, nicht nur für Bayern.

Wackersdorf Deutschland 2018. Regie: Oliver Haffner, Drehbuch: Oliver Haffner, Gernot Krää, Kamera: Kaspar Kaven, Musik: Hochzeitskapelle, Darsteller: Johannes Zeiler, Anna Maria Sturm, Peter Jordan u.a., 123 Minuten, Farbe.