Es gibt für das Berliner Ensemble eine nicht ganz so schlimme und eine nicht ganz so tolle Nachricht zu verkünden. Erstens: Claus Peymann verlängert seinen Intendantenvertrag nun zum sechsten Mal. Allerdings nur um ein Jährchen, und das schaffen wir auch noch. Und zweitens: Claus Peymanns Nachfolger heißt Oliver Reese. Der derzeitige Intendant des Schauspiels Frankfurt am Main ist ein solider, pflichtbewusster und beflissener Spielbetriebsleiter, mit ebenso solider Neigung zur Kunstausübung als Regisseur und Romanadaptator. Es hätte schon ein ruhmreicherer oder knalligerer Name sein können, schließlich waren bis zuletzt Luc Bondy und Leander Haußmann im Kantinengespräch. Wobei wir, die gefürchteten Berufsmäkler von der Berliner Theaterkritik gleich klar stellen, dass wir auch an denen was zu meckern gefunden hätten.

Ein Beispiel für die Reesesche Beflissenheit, die er stets auch in den Dienst der eigenen Karriere stellt, ist die Ausstiegsklausel, die er sich in den mit einem Jahresgrundgehalt zwischen 200000 und 244000 Euro plus Inszenierungsgagen sehr wohldotierten Frankfurter Vertrag hat schreiben lassen. Eigentlich war seine Amtszeit bis 2019 befristet worden, aber mit der Möglichkeit, bis 2015 mitzuteilen, ob er lieber schon 2017 ausscheiden möchte. So hält man sich Türen offen, falls jemand klopft. Klaus Wowereit zum Beispiel.

Mit Rücksicht auf Reeses Vertrag soll das Berliner Ensemble also bis 2017 Peymanns Bühne bleiben. So sei es. Dann hat Peymann 18 BE-Spielzeiten durchgehalten, ist runde 80 Jahre alt und auch in Berlin, wo es keinen Heldenplatz gibt, irgendwie denkmalwürdig. Zwar kann er einem schwer auf die Nerven gehen mit seiner Trompeterei und mit seinen hölzernen Inszenierungen, aber er verfügt doch immerhin über eine gewisse Markanz und Aura, die das Theater unbedingt benötigt, um sich gegen seine Marginalisierung zu behaupten.

Strahlkraft bringt sein Nachfolger weniger mit: Reese hat 15 Jahre seiner Theaterlaufbahn an Berliner Häusern verbracht, er kam als Chefdramaturg mit Bernd Wilms 1994 aus Ulm ans Maxim-Gorki-Theater, das Duo wechselte 2001 für sieben Spielzeiten ans Deutsche Theater, und dann erhielt Reese seine erste Intendanz in Frankfurt am Main, wo er das von Elisabeth Schweeger mit einem für ein Stadttheater zu anspruchsvollen und spezialistischen Anspruch leergespielte Schauspiel übernahm. Gute Arbeit bescheinigt man ihm dort allenthalben. Seine eigenen Regiearbeiten zeichnen sich eher durch Zurückhaltung als durch einen eigenen Ausdruckswillen aus. Er ist als Dramaturg und gelegentlicher Autor eben auch ein Mann des Wortes. Auch wenn diese Einsicht mit Bitterkeit gewürzt ist: Das Künstlersein ist bei aller gebotenen Eitelkeit nicht seine erste Intention. Er wird auch in Berlin vor allem als kulturbetrieblich und kulturpolitisch sicher vernetzter Theateradministrator verdienstvolle Arbeit leisten.

Bei seiner Vorstellung und der Vertragsunterzeichnung im Roten Rathaus – eine der letzten Amtshandlungen des scheidenden Kultursenators Klaus Wowereit – verlor Reese ein paar angemessen abgeschliffene Worte für die Tradition des Berliner Ensembles als Autorenbühne (Brecht, Müller, Tabori, Handke), die aber auch im Unterhaltungs- und „Cross-over“-Bereich (Dreigroschenoper, Robert Wilson) ihre Profilstränge habe und den schauspielerischen Anspruch ja schon im Namen trage. Während man auf der Inszenierungsebene keine Lust habe, sich am Wettbewerb des Ewig-alles-anders-machen-Müssens zu beteiligen. Reese will also, wir verkürzen etwas, unter anderem mit namhaften Schauspielern Leute in ein politisch relevantes Gegenwartstheater locken und sie dann nicht sofort wieder mit ausdruckswütigen Regisseuren verschrecken. Und wegen der guten Lage „zentral, aber verwunschen“ (zwischen Spree und Touristenstrom), soll das Berliner Ensemble auch etwas internationaler ausgerichtet werden. Sehr erwartbar, sehr vernünftig. Und im Anspruch selbstverständlich leichter zu erfüllen als die hübsche Reißzahn-im-Arsch-der-Politik-Ansage, mit der Claus Peymann 1999 antrat.
Für etwas Farbe soll ein weiteres zukünftiges BE-Leitungsmitglied sorgen: Der Journalist und Schriftsteller Moritz Rinke, der auch einige zeitpolitische, boulevardesk-satirischen Bühnenerfolge geschrieben hat. Er übernimmt die Verantwortung über das Autorenprogramm des Theaters. Wie der Posten heißt, das wusste Rinke noch nicht. Wir schlagen vor: Maskottchen.