Paul McCartney lebt. Und wie! Zwar erweckte ein technisches Malheur einen kurzen schrecklichen Moment lang den Eindruck, der Ober-Beatle müsse seinem eigenen Playback hinterhersingen. „Peinlich!“, dachte man schon, aber dann war alles wieder schön synchron. Paul McCartney sang, hinreißend hingebungsvoll mit der Stimme eines alten Vögleins, und versah den Abend mit einem würdigen Abschluss.

Der währte bis dahin schon vier Stunden. Regisseur Danny Boyle hatte man es überlassen, die Show zu entwerfen. Er besorgte 15.000 Menschen aus der Gegend, einige Tiere, einen Clown und eine Königin. Die Zeremonie hatte ergreifende und komische, spannende und, ja, auch ein paar chaotische Momente, aber mit dem chinesischen Aufmarsch der Klon-Tänzer vor vier Jahren im Hinterkopf konnte niemand bestreiten, dass diese Eröffnung ein wirklich netter Abend war.

Mit der mittelalten Geschichte (ca. Geburtsjahr McCartney) geht es los. Die Schafe, Gänse und Viehherden, die gerade noch da waren, müssen aus Tierschutzgründen gleich wieder von der Bühne, weshalb man recht zügig zur Industrialisierung kommt und die idyllisch modellierte Landschaft gegen mächtige Schornsteine tauscht, die aus dem Boden wachsen. Auf der Bühne schweißen Stahlarbeiter fünf glühende Kreise aneinander, die funkensprühend abheben. Erst in die Luft und dann in die Stratosphäre. Fett!

Bloß nicht zu viel Pathos

Ein Chor mit gehörlosen Kindern in Schlafanzügen intoniert angenehm zappelig die Nationalhymne. Bloß nicht zu viel Pathos! Die Briten, sehen wir, sind zuerst liebenswert und dann stolz. Zum Beispiel auf ihr Gesundheitssystem. Wer hätte das gedacht! Boyle ehrt den National Health Service und auf der Bühne tanzen Nurses um Krankenhausbetten, auf denen Kinder hopsen.

Berlin hat Sir Simon Rattle an London ausgeborgt, das symphonische Orchester stimmt „Chariots of Fire“ an. Maximales Gefühl, totale musikalische Unterforderung, aber nur kurz, denn da sitzt: Mr Bean am Keyboard und hämmert den Grundton. Er niest, er putzt sich die Nase, er schläft ein und wacht wieder auf. Rowan Atkinson ist immer noch genauso unappetitlich und bezaubernd wie eh und je.

Die Briten sind eben ein schelmisches Völkchen. Und erst recht ihrem Oberhaupt macht keiner was vor. Eher umgekehrt. „Das ist sie doch nicht!“, will man meinen, als Daniel Craig in dem kleinen James-Bond-Einspieler das vermeintliche Queen-Double begrüßt. Abgewendet sitzt sie an ihrem Spiegeltisch, eine alte Dame mit grauen Haaren und lässt uns einen Moment zappeln. Aber dann! Wendet sie den Kopf und ist es. Ha! Diese Frau hat Format! Per Heli fliegen die beiden gemeinsam ins Stadion und verlassen ihn im Sprung. Ja, die Queen plumpst förmlich aus dem Hubschrauber. Dann Schnitt. Im realen Leben nimmt Ihre Majestät dann ganz gelassen auf der Tribüne Platz. Während die Massen jubeln: Reglose Miene. Ihr Auftritt: Kleiner Scherz am Rande.

Unter den Klängen der größten Hits der 60er bis 90er und dem Besten von heute schwelgt sich der Rest der Show gut weg. Eine grundsympathische Mischung Menschen wie du und ich, Rollstuhlfahrer ausdrücklich eingeschlossen, tanzt zur britischen Popgeschichte, bis die einzige wirklich ernsthafte Choreografie kommt: Zu einem sparsam angerichteten „Abide with me“ gedenken alle Anwesenden der Briten, die in diesem Jahr gestorben sind.

Natürlich ist auf einer auch noch so betont fröhlichen Veranstaltung Platz für einen Moment wie diesen, aber was war noch mal der Grund, weshalb man den Witwen der 1972 beim Attentat getöteten israelischen Sportler ihre Schweigeminute nicht gewähren konnte? Egal, niemand beschwert sich. Auch oder erst recht nicht die israelischen Sportler, die eine knappe Stunde später ins Stadion einziehen. Der Fahnenträger, ein Windsurfer, hat sich die israelische Flagge ins Haar frisiert. Mehr Statement ist an diesem Eröffnungsabend nicht.

Hin- und zurückgefilmt

Mit den Athleten beginnt der lange und langweilige Teil des Abends. Jede Nation wird ordentlich abgefilmt, und die Sportler filmen mit ihren Endgeräten zurück. Für die ist das schließlich auch alles ein großes Spektakel. Die Outfits der deutschen Mannschaft geben noch einmal kurze Gelegenheit zum Aufregen. Das Jungenblau und Mädchenrosa der biederen Funktionsjacken beißt sich abscheulich mit der - es ging nicht anders - schwarzrotgoldenen Fahne. Hockey-Dame Natascha Keller trägt sie tapfer voran.

Übrigens: das deutsche Kommentatoren-Trio hat an diesem Abend ganze Arbeit geleistet. Olympia-Experte Christian Keller zum Beispiel ist Schwimmer, und wieso sollte man nicht ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern, wenn’s zeitlich grade eh passt. Zum Beispiel, als die Türken einlaufen: „Man kann wunderbar tauchen in der Türkei. Da gibt’s kristallklares Wasser. Man kann da auch schön Urlaub machen.“ War sonst noch was? Ach ja, Olympische Spiele. Ab sofort täglich!