Daniel Lopatin hat viele Namen. Manche kennen ihn unter dem Pseudonym Chuck Person, andere als Dania Shapes oder unter dem Titel Oneohtrix Point Never. Je nachdem, unter welchem Namen man ihm als Hörer begegnet, unterscheidet sich seine experimentelle, avantgardistische Musik in Stilen und Nuancen. Klar, sonst müsste der 38-jährige Musiker sich nicht dauernd anders nennen. Natürlich ist es auch eine Art Spiel. Warum sollte der in New York lebende Musiker sich nur einen Namen geben, wenn er doch viele haben kann? Warum immer nur eine Rolle einnehmen, wenn er doch so viele spielen darf?

Diese Philosophie würde jedenfalls die Musik erklären, die Lopatin betreibt: namen- und grenzenlos. Bei Lopatin gibt es keinen Pop, keinen Techno, keinen Jazz oder Rap. Alles verschmilzt in seinen dystopischen Klängen und kleckert, pocht und treibt vor sich hin: Stimmen, Melodien, Rhythmen, Raum, Zeit. Es ist schwer, etwas daran festzumachen, und doch ist diese intelligente Tanzmusik in ihrer Art berauschend und stimmungstreibend.

Obwohl das bei elektronischen Künstlern dieser Art nicht ungewöhnlich ist – der prominenteste Betreiber ist Richard David James alias Aphex Twin –, schafft es Lopatin immer wieder, sich in der Wahrnehmung der Popwelt festzusetzen. Den Soundtrack für den Blockbuster-Thriller „Der schwarze Diamant“ hätten Künstler wie Aphex Twin sicher nicht produziert. Dafür ist Adam Sandler in der Hauptrolle zu ulkig und massentauglich. Auch mit HipHop-Musikern wie The Weeknd arbeiten nicht alle elektronischen Pioniere zusammen – man will sich vom Mainstream fernhalten, so gut es geht.

„Magic Oneohtrix Point Never“ könnte mehr Aufmerksamkeit generieren

Doch Lopatin hatte da schon immer eine andere Regel. Er tendiert Richtung Pop und wagt den schmalen Grad zwischen Underground und Hype, zumindest bis jetzt. Nach 13 Jahren unter dem Namen Oneohtrix Point Never bringt Lopatin mit seinem neunten Album „Magic Oneohtrix Point Never“ ein Werk raus, das mehr Aufmerksamkeit generieren könnte. Er kokettiert mehr als je zuvor mit Popelementen und untermauert so seine Beliebtheit als Produzent elektronischer Sounds.

Der Grund für diesen Schritt soll seine Liebe für die Radiokultur sein. Der britischen Tageszeitung „The Guardian“ sagte er, dass Radiohören ein großer Ort für seine Fantasie und seine musikalische Ausbildung gewesen sei. In Massachusetts, wo er aufwuchs, hätte es ein gutes College- und Freies Radio gegeben. „Ich fand es toll, dass man auf einen Schlag Charles Mingus, Anal Cunt und Phil Collins hören konnte.“ Der Name seines Albums lehnt daher auch an den Radiosender Magic aus seiner Jugend an. Und wie es früher beim Radiohören nun mal üblich war, spielt Lopatin mit der Suche nach der richtigen Frequenz.

Radiomoderationen, Nachrichten, Werbung, Jingles und Rauschen bewegen die 17 neuen Stücke, die Gesang von Arca, The Weeknd oder Caroline Polachek enthalten, und Lopatin arbeitet sie in seine wechselhaften Klangwellen ein. Laut einer Pressemittelung sollen die Lieder Lopatins Vergangenheit und Gegenwart kennzeichnen. Viel mehr spiegeln sie jedoch die amerikanische Kultur, in der er sich befindet. Alles ist Pop und steht in Wechselwirkung mit Medien, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Lopatin hat das als Soundbastler schon früh verstanden. Wenn auch „Magic Oneohtrix Point Never“ damit nicht mehr so sehr überrascht, berauscht es dennoch. Vor allem die, die dem Namen Oneohtrix Point Never zum ersten Mal begegnen.

Oneohtrix Point Never: „Magic Oneohtrix Point Never“ (Warp Records/ Rough Trade) erscheint am 30. Oktober