„Roozi ke zan shodam“ (Der Tag, an dem ich zur Frau wurde), Iran 2000.
Foto: Marziyeh Meshkiny

BerlinImmer aufs Neue erreichen uns aus dem innen- wie außenpolitisch hart umkämpften Iran aufregende filmische Botschaften. Regulär in die deutschen Kinos gelangt davon leider nur wenig. Durch die gegenwärtige, coronabedingte Krise erweitern sich paradoxerweise gerade die Möglichkeiten. Auf der Webseite der Berliner Festspiele findet jetzt ein zehntägiges Online-Festival statt, bei dem sieben lange und vier kurze Beispiele aus den Jahren zwischen 1973 und 2018 sichtbar gemacht werden.

Dieses Spektrum greift weit, macht aber unbedingt Sinn. Von der iranischen, seit 1989 in Deutschland lebenden Kuratorin und Produzentin Afsun Moshiry wird damit ein Aufriss angeboten, der gar nicht repräsentativ sein kann – der aber doch auf eine immense kinematografische Substanz verweist. Ideal waren die Arbeitsbedingungen weder vor noch nach der „Islamischen Revolution“ von 1979; tendenziell lastet gerade wieder die Zensur schwerer denn je. Dies muss beim Sehen der Filme stets mitgedacht werden: dass es sich um abgetrotzte Werke handelt, um Akte des Widerstandes, stets auf der Klinge des Verbots balancierend, mit möglichen Konsequenzen von Verfolgung, Haft oder Exil.

Einigermaßen bekannt sind derzeit nur die Fälle von Mohammad Rasulof und Jafar Panahi. Beide Regisseure stehen offiziell unter Berufsverbot und sind von mehrjährigen Haftstrafen bedroht. Regelmäßig unterlaufen sie die strengen gerichtlichen Auflagen, gefährden sich selbst damit, setzen aber auch ermunternde Zeichen der Zivilcourage für jüngere Kolleginnen und Kollegen.

Mit dem 1973 von Sohrab Shahid Saless gedrehten „A Simple Event“ liegt bei „10 Days of Iranian Cinema“ auch ein Film aus der Schah-Ära vor. Mit diesem wortkargen, streng inszenierten, dabei tief berührenden Kindheitsbild aus einer maroden Siedlung am Kaspischen Meer wird auch auf systemübergreifende Kontinuitäten verwiesen. Das iranische Kino fuhr immer dann zu Höchstform auf, wenn in seinem Zentrum Vergessene, Ausgestoßene oder Gefährdete standen. Diese soziale Empathie ging stets mit ungewöhnlichen Erzählformen einher.

Auch der jüngste Beitrag des Festivals steht in dieser Tradition. „Shouting at the Wind“ (2018) von Siavash Jamali und Ata Mehrad erzählt von den verzweifelten Befreiungsversuchen eines Jugendlichen aus familiärem und urbanem Sumpf. Obwohl zwischen beiden Filmen fast 50 Jahre liegen, verbindet sie doch eine gemeinsame Haltung. Dass Kino ein fragiler kultureller Raum inmitten tiefgreifender Umbrüche sein kann, zeigt Mohammadreza Farzad in seinem nur 30-minütigen „Blames and Flames“ (2011). In dynamischer Montage verknüpft er Ausschnitte aus Spielfilmen von vor 1979 mit dokumentarischen Bildern aus der Zeit des Umsturzes. Er schlägt eine Brücke zwischen den Epochen, spricht von der Verletzbarkeit und von der Instrumentalisierung des Utopieraums Kino.

Das Online-Festival „10 Days of Iranian Cinema“ ist vom 12. bis 21. Juni unter www.berlinerfestspiele.de/de/berliner-festspiele/programm/on-demand/iran-filme.html freigeschaltet. Neben den Filmen selbst werden Aufzeichnungen von Hintergrundgesprächen mit Regisseuren und Experten angeboten.