Heute noch Gallery Weekend und Berlin Biennale, aber schon nächste Woche beginnen in Berlin zwei weitere Festivals: das Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele und eine Konferenz mit vielen Konzerten im Hau zum „Ende der Welt in der Popkultur“. Tolle Programme, die es so nur in dieser Stadt gibt. Überall gibt es einzig das Internet. Auch zehn Jahre nach Breitbandanschlüssen und W-Lan beim Bäcker spielt das Netz aber kaum eine Rolle in der Kulturkritik. Es gibt immer mehr, auch immer mehr öffentlich geförderte Veranstaltungen wie die genannten. Aber nicht in gleichem Maße auch mehr Kritik, die mit dieser Entwicklung Schritt hält. Wer dem Theatertreffen oder der Apokalypse-Tagung im Nachhinein noch einmal auf Augenhöhe begegnen will, wird nächste Woche wieder Zeitung lesen müssen.

Warum sind die Verheißungen der Digitalisierung, endlich könne man sich jenseits der engen Grenzen der allzu formatierten Holzmedien frei austauschen, nicht eingetreten? Und wo gibt es Modelle, die der Kritik im Netz eine Zukunft weisen könnten?

Ein freier Theaterkritiker verdient halb so viel wie vor zehn Jahren

Alle Welt weiß, dass es dem Format Tageszeitung nicht gut geht. Und in dieser Krise, die auch eine Krise der Kritik ist, die über die Kaufempfehlung hinausgeht und das Kulturerlebnis als Welterfahrung deutet, in dieser Krise kann das Internet nicht ins Lot bringen, was analog schief geht. Jammernde Journalisten rangieren in der Beliebtheitsskala noch unter jammernden Singer-Songwritern, aber man muss sich das Ausmaß des Preiszerfalls vor Augen führen, um die kritische Lücke im Internet zu verstehen: Ein freier Theaterkritiker verdient heute ungefähr halb so viel wie vor zehn Jahren. Es sei denn, er schreibt das Doppelte.

Die Blogosphäre hat die Aufgabe übernommen, die alten Medienkanäle zu entmachten, sie in eine Konkurrenz zu zwingen und einige Kritiker vom allzu bequemen Hochsitz zu holen. Bei aller Liebe zur digitalen Medienanarchie: Die meisten Blogs leben parasitär, ihre Schreiber verdienen Geld in den großen Medienhäusern. Deshalb ist die Krise der Holzmedien auch eine Krise der Kritik im Netz.

Über die Schweiz hinaus machte in den letzten Monaten die Lancierung von theaterkritik.ch von sich reden: Die Theater können sich dort Kritiken kaufen, mit dem Geld der öffentlichen Hand. Je 200 Franken gehen an zwei Kritiker und an das Portal. Hintergrund war die Klage besonders der Kleintheater und der Freien Gruppen, sie würden in den kleingesparten Zeitungen nicht mehr vorkommen. Seit dem Start im November 2011 hat theaterkritik.ch 27 Produktionen besprochen, es gibt auch eine Kommentarfunktion, allein: noch keinen einzigen Kommentar. Die 600 Franken (rund 500 Euro), die eine Gruppe ausgibt, führen in eine Art selbstgewählten Ausschluss der Öffentlichkeit, die man sich offenbar doch nicht kaufen kann.