Das öffentliche Interesse für Krautreporter ist enorm. Renommierte Journalisten um den Chefredakteur Alexander von Streit haben sich vorgenommen, ein neues Online-Magazin auf den Markt zu bringen. Die Bedingung: Innerhalb von vier Wochen müssen sich 15 000 Abonnenten bereiterklären, jährlich 60 Euro für das Produkt zu zahlen. Nach vier Tagen haben sich mehr als 3000 Unterstützer gefunden.

Herr von Streit, in der Medienbranche ist lange darüber geklagt worden, dass Leser nicht bereit sind, im Internet für Inhalte zu zahlen. Ihr Projekt deutet an, dass sich da was ändert. Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube nicht, dass es plötzlich eine andere Bereitschaft gibt, im Netz zu zahlen. Es ist eher eine sehr spezifische Sache, sich auf unser Projekt einzulassen. Ich glaube nicht, dass wir eine Blaupause für Paid-Content-Systeme von bestehenden Medien sein können. Die müssen ihre eigenen Geschäftsmodelle finden, was aber bekanntlich nicht so leicht ist.

Was machen Sie denn, damit die Leute bereit sind zu zahlen?

Wir versprechen, eine andere Spielart des digitalen Journalismus in die Medienlandschaft zu bringen. Wir werden von unseren Mitgliedern finanziert, sind also unabhängig von Werbekunden. Das bedeutet, dass wir uns an der Jagd nach Reichweite nicht beteiligen und auch nicht ständig die Klickzahlen verfolgen werden. Wir können es deshalb vermeiden, beim News-Wettrennen mitzumachen. Wir werden ganz bewusst nicht den Gesetzmäßigkeiten im Internet gehorchen wie andere Online-Medien. Bei Krautreporter wird keiner Schnappatmung bekommen, sobald etwas in der Welt passiert.

Guter Journalismus bedeutet aber schnelle, gewissenhafte Arbeit zu aktuellen Themen. Nur so bekommt man doch Aufmerksamkeit.

Wir bieten ausgeruhten Journalismus mit Geschichten, die nicht schon in anderen News-Medien gestanden haben. Diese Medien wollen wir gar nicht ersetzen, sondern etwas danebensetzen, was die Medienlandschaft ergänzt.

Bei ausgeruhtem Journalismus denkt man nicht an das, was den Beruf auszeichnet. Skandale aufdecken, Reportagen zu heiklen Themen und fundierte Meinungen, also die vierte Gewalt im Staat.

So verstehen wir unsere Arbeit auch. Wir überführen nur diese traditionellen Werte in ein Online-Medium. Wir nehmen uns Zeit, die Geschichten zu recherchieren und zu erzählen. Wir werden aber auch den Mut zur Lücke haben. Nicht jeder große Skandal wird bei uns laufen, dazu haben wir nicht genug Leute. Und das ist auch nicht unser Ansatz.

"Der einzelne Journalist wird mehr in den Vordergrund treten"

Es gab auch in der Vergangenheit ambitionierte Projekte, die aber gescheitert sind.

Vielleicht ist 2014 ein Jahr, in dem sich die Zukunft der Medien noch stärker verändern wird, weil sich der Digitalisierungsprozess beschleunigt. Wir sind ein kleiner Mosaikstein mit dem Experiment, das wir wagen. Wir zeigen, in welche Richtung es gehen kann. Wir trauen uns, das jetzt auszuprobieren.

In Ihrer Werbung präsentieren Sie nicht das Gesamtprodukt, sondern einzelne, bekannte Journalisten. Ist Individualisierung der Trend?

Ja, einzelne Personen mit ihren Biografien und ihrem Schaffen rücken in der digitalen Welt stärker in den Mittelpunkt. Auch klassische Printjournalisten sind heute in den sozialen Netzen viel stärker aktiv. Ich finde das toll, es macht Journalismus ehrlicher und transparenter. Wenn man weiß, welche Person über ein Thema schreibt, kann man viel besser einordnen, warum sie so schreibt.

Der Spiegel ist gerade einen Schritt zurückgegangen und liefert wöchentlich einen anonymen Leitartikel.

Trotzdem lässt sich die generelle Entwicklung nicht aufhalten. Der einzelne Journalist wird viel mehr in den Vordergrund treten.

Eine Zeitung wird dann aber erst gut, wenn viele schlaue Leute zusammenarbeiten.

Das ist sicher eine der Stärken gut gemachter Zeitungen. Es wird nicht nur einzelne Leuchttürme geben, sondern auch Teamarbeit. Bei bestimmten Themen werden sich auch bei uns Leute zusammensetzen, um ihr Fachwissen auszutauschen.

In der Öffentlichkeit betonen Sie den Vorteil, nicht von Werbekunden abhängig zu sein, sondern nur vom Leser. Was aber passiert, wenn ein Text nicht gut geklickt wird?

Natürlich werden wir beobachten, was gelesen wird und was nicht. Wir werden im Kleinen aber nicht den Fehler machen, den der Online-Journalismus im Großen macht. Bei uns wird der Leser nicht über unser Programm entscheiden.

Was heißt das genau?

Am Ende zählt die Geschichte, von der wir überzeugt sind. Wir werden unseren Mitgliedern auch Texte zumuten, die sie vielleicht nicht so gern lesen, weil wir der Meinung sind, dass das Thema wichtig ist. Und bei uns haben die Leser die Möglichkeit, schon beim Entstehungsprozess beteiligt zu sein. Mit Vorschlägen, Anregungen und Kritik. Das wird ein dynamischer, dialogischer Prozess.

Das Gespräch führte Jörg Hunke.