Bernhard Martin, Le Mot, 2017, Öl auf Rohleinwand, 170 x 380 cm,
Abbildung: Courtesy der Künstler, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Bernhard Martin hat einen Beinamen. Kunstfreunde nennen den 1966 geborenen Maler auch „Meister der Provokation“. Ihm hat das Zehlendorfer Haus am Waldsee just an dem Tag, an dem in Berlin wegen der Corona-Infektion die Kontaktsperre verordnet wurde, eine große Ausstellung ausgerichtet. Aber die Vernissage fiel aus. So ergeht es in diesen Tagen und Wochen dem gesamten Kunst- und Kulturbetrieb. Aber die Kreativen würden die Bezeichnung nicht verdienen, wüssten sie sich nicht irgendwie zu helfen.

Nun kann sich auch im Haus am Waldsee jeder online durch sämtliche Säle und auf alle Wände klicken und zoomen, dicht heran an diese seltsamen, surrealen, oft wie einer Fantasy-Welt entsprungenen Gemälde und Zeichnungen des Berliner Malers Martin. Er malt mit changierenden, wie emaillierten oder auch schleierhaften, dann wieder von metallisch oder perlmutthaft schillernden Effekten durchzogenen Farbaufträgen; er sprayt und lasiert.

Im Strudel

„Image Ballett“ – der Titel der Schau passt bestens zur ungewöhnlichen Situation und sein Gemäldezyklus „Le Mot“ („Das Wort“) wirkt wie ein Kommentar zur Gegenwart. Der Maler führt Abgründiges vor, die Gier, die Eitelkeiten, die leeren Worte, die über digitale Medien für Aufregung sorgen. Alles und jeder kann im Netz in die Strudel von Erotik, Politik, Katastrophen und Albträumen geraten. Und alles existiert unverbunden und gleichzeitig.

Auf Martins Leinwänden entsteht ein explosives, toxisches Gemisch des menschlichen Daseins. Seit Jahren setzt dieser Maler sich mit der Bildwelt der Medien und Werbung auseinander. Das Internet nutzt er als schier unerschöpfliche Fundgrube für seine ungeschönten Sicht auf das Absurde und Obszön-Verführerische sowie auf das drastische Rollenspiel, das viele Menschen in der Öffentlichkeit und oft auch vor sich selber, in ihrem privaten Umfeld, abgeben.

Eine Ahnung des Echten

Lustvoll bis sarkastisch mischt er altmeisterliche Stilistik des Mittelalters mit der glatten Internetästhetik, lässt er Heiligenfiguren neben Science-Fiction-Gestalten auftreten, Helden neben Verlierern, gruselige Chimären neben Idealfiguren, Paradiesgärten neben dystopischen, zerstörten Landschaften.

Aber Martin ist kein Endzeitprophet und auch kein Moralist. Er ist ein brillanter Maler, der mit Formen, Farben, Narrativen spielt. Das ersatzweise Online-Erleben seiner Bildwelten gibt uns eine Ahnung davon, wie es sein muss, sie in echt vor Augen zu haben, die irrealen Körper und Dinge, diesen in den jüngsten Arbeiten über die Bildflächen gespritzten Farben. Aber auf den Besuch der Ausstellung müssen wir wohl noch eine Weile warten.

Haus am Waldsee: Bernhard Martin, Katalog (Verlag Walther König) 24 Euro Online-Ausstellung: hausamwaldsee.de/bernhard-martin